Full text: Hessenland (29.1915)

fssée, 136 
Entwickelung begriffene Verkehr noch nicht er 
schlossen. An die beruflichen Organisationen der 
Landwirte, die heute auf diesem Gebiet eine so 
verzweigte und wirksame Tätigkeit entfalten, dachte 
man damals noch nicht. 
Die Wirkung jener Gesetze ward um die Zeit 
starker, als die Landwirtschaft an dem wirtschaft 
lichen Aufschwung teilnahm. Dieser wurde weiter 
in Karlsdorf sehr begünstigt, als die im Jahre 
1867 begonnene Zusammenlegung der Grund 
stücke, in Hessen Verkoppelung genannt, end 
lich im Jahre 1882 durchgeführt war. Durch sie 
erhielt Karlsdorf, dessen Ländereien bis dahin 
größtenteils zur Gemarkung Hofgeismar gehört 
hatten, eine eigene Feldflur von 475 Hektar (fast 
2000 Acker), wovon 37,18 Hektar im Eigentum 
der Gemeinde stehen. Außerdem besitzen aber die 
Bewohner noch Grundstücke in anderen Feldmarken, 
besonders in der von Hombressen, aber auch in 
denen von Hofgeismar und Grebenstein, insgesamt 
rund 270 Acker (64 1/4 Hektar). Die ursprüngliche 
Gleichheit der Stellen ist, wie schon gesagt wurde, 
sehr bald durchbrochen worden, immerhin sind aber 
die Unterschiede in der Größe des Grundbesitzes 
nicht so bedeutend wie in den älteren Dörfern, 
denn, abgesehen von einem größeren Landgut, ist 
die durchschnittliche Größe der Güter 60 bis 70 
Acker?) Mag anderswo eine andere Verteilung 
des Grundbesitzes zweckmäßig sein, so ist doch 
unzweifelhaft im Hessenland ein solcher Zustand 
wünschenswert, der möglichst vielen Landlenten 
dazu verhilft, auf einem Besitztum, für das ihre 
und ihrer Familie Arbeitskraft genügt, eine selb 
ständige, in sozialer Beziehung gehobene Existenz 
zu führen. Unter Gleichen pflegt sich auch ein 
regerer Wetteifer einzustellen, als da, wo kleine 
Wirtschaften neben großen, mit reichen Mitteln 
geförderten Gütern stehen. 
Die Beziehungen der Waldenser in Hessen zu 
den Verwandten und Glaubensgenossen in der 
alten Heimat waren nur im Anfang reger, als 
die Dinge noch im Fluß waren, als viele noch 
an die Möglichkeit einer Rückkehr dachten; sie 
wurden, wie sich denken läßt, immer geringer und 
sind jetzt längst abgebrochen. Ein gewisses Band, 
fast nur literarischer Art, war zwischen Vereinen 
von Protestanten französischen Ursprungs und sol 
chen in den Ursprungsländern Frankreich und 
Italien bis in die jüngste Zeit wohl geknüpft, doch 
7 ) Es gibt jetzt bei einer Bevölkerung von 258 Per 
sonen 9 Güter mit einer Fläche von weniger als 20 
Acker, 4 von 20 bis 50, 21 von mehr als 50. Der 
große Aufschwung der Landwirtschaft tritt zu Tage in 
folgender Statistik: 1913 Pferde 76 (1772:. 24), Rinder 
303 (rund 100), Schafe 172 (100), Schweine 408 (gegen 
200), Ziegen 39, Federvieh 1432, Obstbäume 2424. 
scheint es jetzt durchschnitten zu sein, da man nicht 
nur im ersteren, sondern auch im letzteren leiden 
schaftlich gegen Deutschland Partei ergriffen hat. 
Als hingegen bei den Verhandlungen in Versailles 
im Jahre 1870 der französische Staatsmann Thiers 
an den badischen Minister Jolly, einen Hugenotten 
abkömmling, die wenig taktvolle Frage richtete, 
ob denn keine Stimme in seinem Innern für das 
alte Vaterland spreche, antwortete dieser schroff: 
Nein, ich höre nur den schrillen Ton des Glöck- 
leins, das zur Niedermetzelung der Hugenotten in 
der Bartholomäusnacht rief. Auf eine ähnliche Frage 
könnten die Waldenserabkömmlinge in Deutschland 
antworten, nur der Hufschlag und das Säbelrasselu 
der Dragoner dringe aus weiter Ferne an ihr Ohr, 
die einst die Väter aus der Heimat in die Ver 
bannung, von Haus und Hos ins Elend stießen. 
Sie werden es aber nicht tun, denn jenes alles 
ist für sie versunken und vergessen, sie sind Deutsche 
geworden und haben nur als solche eine Ver 
gangenheit, die lebendig ist. 
Wie im Jahre 1870, so ist auch jetzt die wehr 
fähige Mannschaft der Dörfer ins Feld gezogen 
gegen das Land, mit dessen Namen die Nieder 
lassungen bezeichnet wurden. Daß sie ihren Mann 
steht, bewies der Unteroffizier Reitz aus Karlsdorf, 
der davon erzählen kann, wie er sein Eisernes 
Kreuz erwarb. Dreimal stellte er die zerschossene 
Fernsprechleitung einer vorgeschobenen Beobach 
tungsstelle in einem Ort am Pserkanal wieder her, 
und zwar in heftigem Feuer des Feindes. Als 
sein Leutnant in dem Dachgiebel, wo sich die 
Stelle befand, tödlich verwundet war, trug er ihn 
mit einigen Kanonieren von dem brennenden Boden 
herunter und brachte ihn in Sicherheit, obgleich er 
selbst an der Haustür durch ein Artilleriegeschoß 
im Rücken verwundet war, treu und eifrig im 
Dienst seines Kriegsherrn und seines Vaterlandes, 
wie es einst der Pfarrer Clement seiner Gemeinde 
ans Herz gelegt hatte. 
(Übersicht der benutzten Quellen. 1. handschriftliche 
Quellen: Akten der Ortsrepositur Hofgeismar und des 
Kammerarchivs im Staatsarchiv zu Marburg, besonders 
Repertorium Bd. 257: Die französischen Kolonien und 
deren Privilegien betreffend, Protokolle des Geheimen 
Rats ebenda, Salbuch von Karlsdorf vom 13. Okt. 1700. 
Ursprung und jetzige Beschaffenheit sämtlicher fran 
zösischer Kolonien in den fürstlich hessischen Landen 1780 
(von Oberappellationsrat Lennep), darin der Bericht des 
geistlichen Inspektors M. de Rochemont 1753. Fran 
zösische Kol. 34 St. M. Spezialbeschreibung von Karls 
dorf aus dem Jahre 1772. Gemeinderepositur Karls- 
dors. Steuerkataster der Stadt Hofgeismar aus dem 
Jahre 1691 und 1783 und Stadtrechnungen im städtischen 
Archiv. 
2. Druckschriften: W. S. L. G. Casparson, Kurze 
Geschichte sämmtlicher Hessen-Casselschen französischen Cv- 
lonien vom Jahre 1685—1785. Cassel 1785. Chr. von
	        

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