Full text: Hessenland (29.1915)

voll Unruhe auf ihrem Lager zu Battenberg. Und 
umgekehrt, bei ihrer Heimkehr erzählt ihr die 
Pflegerin ihres Kindes, ohne dazu aufgefordert 
zu sein, sofort und als erstes, daß sie in der be 
wußten Nacht aufgewacht sei und vor der Wiege 
ihre Schwägerin habe stehen sehen, daß diese den 
frommen Spruch „Das Blut Jesu Christi usw." 
über das Kind gesprochen habe, dann aber aus 
ihren erschreckten Anruf hin verschwunden fei. 6 7 ) 
3. 
An die Stelle der selbstwilligen zeitweiligen 
Befreiung der Seele von der Fessel des Leibes 
kann — und damit entwickelt sich die Glaubens 
anschauung wieder uni einen Schritt weiter — 
auch der ein gleiches bewirkende übermächtige 
Wille eines Zweiten treten. Dieser weiter 
entwickelten Anschauung begegnen wir in zwei 
hessischen Sagen. Die eine?) läßt einen in Lothringen 
stationierten Jäger auf Zitation eines Kanzlei- 
Direktors vor seinem Herrn, dem regierenden 
Grafen, in Erbach erscheinen und in der anderen, 
im sächsischen Niederhessen (Niedermeiser an der 
Warme) lokalisierten Sage 8 ) wird ein in Kassel 
garnisonierender Soldat durch seine Braut zum 
Erscheinen genötigt. In beiden Fällen wird aus 
drücklich betont, daß der Zitierte von seinem Auf 
treten nichts weiß. Die Odenwälder Sage im 
besonderen bleibt dabei ganz im Rahmen der alt- 
germanischen Anschauung, denn der Jäger, später 
von seinem Herrn, dem Grafen, gelegentlich be 
fragt, habe ausgesagt, er sei, seitdem er den 
gnädigen Herrn zuletzt gesehen, stets sehr wohl 
gewesen. Nur an einem bestimmten Tage und 
zu einer bestimmten Stunde — es war, wie der 
Graf feststellen mußte, genau Tag und Stunde 
der Zitation — sei er von einer ihm unerklärlichen 
und so übermächtigen Schlafsucht befallen worden, 
daß er im Walde eine Stunde in todähnlichem 
Schlaf unter einem Baum gelegen habe. Da nun 
— so fügt der naive Berichterstatter des Auf 
6 ) Zwei weitere Belege s. bei Philipp Hofsmeister, 
Hess. Volksdichtung in Sagen usw. S. 155 Nr. 26 und 
S. 167 Nr. 48. (Wilhelmshöhe bzw. Krumbach; Wald 
kappel bzw. Kirchhosbach.) 
7 ) Wolf Nr. 122. 
8 ) Hess. Landes- u. Volkskunde II., 535 
zeichners der Sage hinzu — die Anwesenheit bei 
dem Grafen nur zehn Minuten gedauert habe, so 
könne man sich hiernach leicht ausrechnen, wieviel 
Zeit ein zitierter Geist brauche, um einen Weg 
von zweihundert Stunden zweimal zurückzulegen. 
4. 
Wenn ich zum Schluß itod) einmal auf die er 
wähnte Thüringer sowie die HersfeMr Sage zurück 
komme, so liegt der Grund darin, daß beide uns 
einen Ausblick auf neue Vorstellungs 
reihen des germanisch-hessischen Volksglaubens 
eröffnen. Der Thüringer Sage, sie kommt logisch 
zunächst in Frage, ist eine höchst bedeutsame Be 
merkung angefügt: „Im übrigen war auf dem 
selben Hof ein Knecht Vorhermals oft von der 
Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden 
haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf." 
Schon die unwillkürlich austretende Traumseele 
also — um eine solche handelt es sich in der be- 
regten Thüringer Sage — wird beargwöhnt, daß sie 
Neigung habe, die Rolle des Druckgeistes — Alb, 
Mar, Trud oder wie das Nachtgespenst sonst ge 
nannt werden mag — zu spielen. Weiter als die 
thüringische geht, wie wir fanden, die hessisch- 
hersfeldische Sage. Sie redet von willkürlichem 
Seelenaustritt, ja noch mehr: sie läßt die beiden 
in Frage kommenden Mägde ausdrücklich die Ab 
sicht aussprechen, den Druckgeist spielen zu wollen. 
Wenn wir somit in dem Glauben an den unwill 
kürlichen und willkürlichen Austritt der Seele die 
Wurzel des Albglaubens erkennen, so fügen wir 
alsbald hinzu, daß aus derselben Grundvorstellung 
auch noch zwei andere Nacht- und Grauengestalten 
des germanisch-hessischen Volksglaubens, die Hexe 
und der Werwolf, hervorgegangen sind. Alb-, 
Hexen- und Werwolfglaube aber bilden, wie der 
Kundige weiß, ein so weitschichtiges Gebiet, daß 
sie, selbst wenn wir uns der denkbar größten Kürze 
befleißigen wollten, hier nicht mehr behandelt, 
sondern nur in bezug auf ihre Wurzelung fest 
gelegt werden können?) 
9 ) Sollte einer bet Leser in der Lage sein, das vor 
stehend Mitgeteilte durch neue hessische Belege zu er 
weitern, so bitte ich freundlichst um Mitteilung (Kassel-W., 
Geysostraße 18, I.). 
Ein Juldaer Konflikt Dingelstedts. 
Mitgeteilt von Professor vr. WernerDeetjen. 
Seit längerer Zeit mit Studien und Forschungen 
über den jungen Dingelstedt beschäftigt, fand ich 
ein längeres Schreiben von der Hand des Dichters, 
das uns über eilten aus seinem Beruf als Gym 
nasiallehrer einerseits und seiner Beteiligung an 
einer Liebhaberaufführung andererseits entstandenen 
Konflikt Kunde gibt und die Leser dieser Zeitschrift, 
besonders die Bewohner von Fulda, interessieren
        

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