Full text: Hessenland (29.1915)

Wege am Schloß und dem Neuen Haus auf dem 
Cyriakusberg zu sehen ist. 
Über eine zweiläufige Freitreppe gelangte man 
vor ein Renaissanceportal mit dem hessischen und 
dem Eschweger Wappen unter dem Giebel und der 
Jahreszahl 1588. 
Der Tuchboden ging im Inneren durch 2 Stock 
werke mit Emporen. Der reich ausgestattete 
Schnörkelgiebel erinnerte an die Rathäuser zu Mün 
den und Hersfeld, während man die schreitenden 
wappenhaltenden Löwen in gleicher Ausführung 
an dem landgräflich hessischen Marstallgebäude in 
Kassel auf den Ziergiebeln sieht. Auch hier bildete 
eine Rolandsfigur die freie Endigung. 
Eine im Jahre 1760 an dem Kaufhaus an 
gebrachte Uhr war für ihre Zeit ein kostspieliges 
Kunstwerk, da sie die Stunden nach Westen, Norden 
und Süden anzeigte. 
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das 
Gebäude durch einen Anbau sehr entstellt; denn 
im Jahre 1802 erhielt der Hofkammerrat von 
Falkenhofen den Auftrag, für eine an Stelle der 
Freitreppe anzulegende Hauptwache einen Grund 
riß anzufertigen und bekam für die Zeichnung und 
Kostenanschlag, Reisekosten und Aufnahme eines 
Teils des Tuchhauses die Kleinigkeit von 40 Talern 
und 16 Albus. 
Vor dieser Zeit hatte die Wache im Rathaus 
bestanden, wo sie 1799 an Stelle der alten Apo 
theke eingerichtet worden war. Die neue Haupt 
wache bestand aus dem Wachtlokal, einem Offiziers 
und einem Arrestantengelaß. 
Auf. einem alten Steindruck von Röbling vom 
Jahre 1826 in Hochhuths Chronik, auch abgebildet 
in den Hess. Rathäusern von Dr. Holtmeyer und 
wie dort auch hier irrtümlich als Rathaus be 
zeichnet, sieht man das höchst unschön wirkende 
Wachthaus auf einem aufgehöhten Vorplatz mit 
Gewehrstützen. 
Über der Hauptwache waren 2 Eisenplatten an 
gebracht, mit einem vom Rektor Rhabanus Lukas 
Ende des 16. Jahrhunderts verfaßten Distichon: 
1. Consulibus binis Scheffero floretis arte, 
Daedalus et Scheiben Curia fixa stetit 
Luminibus faustis Heroldo Iudice Taurus 
Et Stango aedili moenia prima locat 
2. Distichon ut noscas, lector, prius occulit annum 
Signatur mensis posteriore tibi. 
Rabanus Lucas, Rector scholae fecit 
Debetur soli gloria cuncta Deo. 
Der Tuchboden, dessen Stuckdecke im Anfang 
des 19. Jahrhunderts bereits eingestürzt war, 
wurde vorübergehend von Schauspielertruppen zu 
Vorstellungen benutzt. Da nun durch das Wacht 
lokal der Treppenzugang gesperrt war, so mußte 
man einen neuen Zugang schaffen. Dies geschah 
durch Anbringen einer Brücke am Rathaus über 
das Ratsgäßchen hinweg. 
In dem Weinkeller wurde schon lang^, kein Wein 
mehr verschenkt. Noch im 17. Jahrhundert führen 
Kämmereirechnungen Posten für Wein aufs Rat 
haus an, nebenbei aber auch schon für Branntwein, 
der' im 18. Jahrhundert die Regel bildet. 
An Markttagen wurde der Weinkeller stark be 
sucht. Die Metzger hielten in der Nähe Fleisch, 
an Spießen gebraten, feil, das die Marktbesucher 
bei einem Glas Branntwein im Weinkeller ver 
zehren konnten. 
Im Jahre 1845 wurde das Tuchhaus mit dem 
Weinkeller vollständig abgebrochen und der Stadt 
bau an seiner Stelle von Grund auf neu erbaut. 
Er nimmt den ganzen Raum des alten Tuchhanses 
und des vor ihm gelegenen Podestes ein, ist in 
allen Teilen sehr geräumig, doch ohne besonderen 
Kunstwert. 
Südlich des Rathauses steht noch ein interessanter 
Werkbau, dessen Freilegung wohl nun auch nichlt 
mehr auf sich warten lassen dürfte. Bemerkenswert 
an ihm sind die Balkenköpfe, Konsolen und Ober- 
lichttraillen. Es ist die laut Inschrift auf mehreren 
Türen im Jahre 1711 erbaute städtische Fleisch- 
schirne. Diesen Bau etwa abreißen zu wollen, wäre 
ein schwerer Fehler, der dem wiederhergestellten 
Rathaus sehr von Nachteil wäre. 
Der Frankreicher. 
Von Heinrich Bertelmann. 
Das Mittagsmahl war gehalten. Die Männer 
klappten ihre Messer zu und wischten die Fetthände 
an den Hosen ab. 
Karl Witt warf seine Speckschwarte ins Kohlen 
feuer. Ein blaues Flämmchen züngelte empor. Das 
lockte den Frieder, noch ein Bündel Reisig aufzu 
legen. Gierig fiel das Feuer über seinen Raub. 
Mit Wohlbehagen schaute das Dutzend Männer, 
ringsum auf den gefällten Baumstämmen sitzend, 
in das Glutgeflacker, das sich gar merkwürdig in 
der Schneelandfchast des Buchenhochwalds aus 
nahm. 
Jetzt erhob sich der Vorarbeiter, spuckte aus, 
strich seinen mächtigen Schnauzbart, warf spielend 
die Axt in den nächsten Baum und rief seine 
Genossen zur Arbeit.
        

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