Full text: Hessenland (29.1915)

1431 nach dem Kohlmarkte zu, in westlicher Rich 
tung ein hölzernes Gebäude errichtet, das die 
Stadtwage und die Weckebuden im Untergeschoß 
enthielt. Von diesem Gebäude ist nur bekannt, 
daß es eng und niedrig war. Im großen Stadt 
brande im Jahre 1637 brannte das Gebäude voll 
ständig ab, und an seiner Stelle wurde im Jahre 
1660 ein Neubau aufgeführt, der noch heute stehende 
Fachwerkbau des alten Rathauses. Auch dieser Bau 
enthielt im Untergeschoß die Stadtwage und Wecke 
buden, während die oberen Stockwerke dem Rate 
dienten. Wenn auch das Rathaus durch kleinere 
Umbauten verändert ist, kann man doch noch die 
ursprüngliche Anlage erkennen. 
Vom Markt aus betritt man durch eine breite 
Rundbogentür mit flankierenden Pilastern und Bev- 
dachung den Rauln, in dem eine große Balkenwage 
mit zwei mächtigen Holzschalen von der Decke 
herabhing. Links lag, wie auch noch setzt, die Stube 
des Wiegemeisters, der von hier aus in seine kleine 
dahinter liegende'Wohnung gelangte. Rechts zogen 
sich Verkaufsläden mit vier langen, noch jetzt im 
Inneren erkennbaren Reihen Fenster, in denen 
die Bäcker ihre Ware, namentlich die noch heute 
sehr beliebten Weckelaibchen, feil hielten. Vorüber 
gehend wurde im Untergeschoß nach der Kämmerei 
rechnung von 1799 auch eine Apotheke betrieben. 
Ein Inventar des Rathauses vom Jahre 1834 
führt als zur Stadtwage gehörig 2 Wagebretter 
mit Ketten und Gewichte von 1 Zentner, 56, 54 , 
42, 27, 21 , 11, 2 1/2 und 1 / 4 . Pfund an. Jetzt ent 
hält das Untergeschoß die Brückerttvage, das Zim 
mer des Wiegemeisters, Räume für das Eichamt 
und eine Feuerspritze. Die beiden oberen Stock 
werke sind in gleicher Weise in einen großen Vor 
platz, einen Saal und eine Stube geteilt. Das 
erste Stockwerk enthielt die Repositur und die 
Stube des Stadtschreibers, das zweite die große 
Ratsstube mit 2 Vorgemachen, in denen sich die 
Stadtkämmerei befand. Im Bodenraum lag ein 
leichteres Gefängnis, das sogen. Jrkskämmerchen, 
mit dem Mütter ihren unattigen Kindern zu 
drohen pflegten. 
Zu dem Bau hatten nach einem Ratsbeschluß 
von 1650 die Brauer je 1 Taler und andere 
Bürger, die keine Brauereiberechtigung besaßen, 
1/4 Taler, wieder andere je nach ihrem Vermögen 
7, 6 oder weniger Albus zu zahlen. 
Die Tür des Rathauses ist, wie ihre Abbildung 
zeigt, von hervorragend schöner Form. An ihr ist 
das Stadtwappen mit der Inschrift ESCHWEGIA 
1660 geschnitzt zu sehen. 
Über dem Eingang zur Treppe befand sich die 
Jnschriftr 
Desolationis 
Reparationis 
ÄNNN8 
FraXIneae faX saeVa Ylae 
ConsVMserat aedes 
Aedes reparat paX bona 
Laeta CoMes 
Brand 
Bau 
DVrch RaYCh und RaCh In 
AsChweg EsChweg Ist gebracht 
In Lieber FrleDenszelt Ist 
, RathhaYs steht geMacht 
Nahe bei dem alten Rathaus an Stelle des jetzt 
als Rathaus dienenden großen Stadtbaues mit 
seinem Uhrtürmchen stand das Kaufhaus. Dieses 
war einige Jahre nach der Errichtung der Wage 
als notwendige Erweiterung des ältesten Rathauses 
im Jahre 1452 erbaut worden. Die hierauf be 
zügliche Jnschrifttafel ist im Stadtbau eingemauert. 
Sie zeigt in gotischen Minuskeln die Inschrift: 
ano + dni +m° + 
cccc 4* Lii ist 4* dit 
werk 4* av.gericht 
Zur Ausführung kam zunächst nur der Unter 
stock, der nach Osten zu, von der Wage und den 
Weckbuden durch ein schmales Gäßchen, das Rats- 
gäßchen, getrennt, den Stadtweinkeller in 2 Ge 
wölben übereinander und im Westen die städtische 
Garküche enthielt. Der Oberbau, das Kaufhaus, 
kam erst im Jahre 1588 zur Ausführung. Zuerst 
diente das Gebäude allgemein als Verkaufslokal, 
später jedoch fast nur den Gewandschneidern, wes 
halb das Haus zuletzt nur noch unter dem Namen 
Tuchboden bekannt war. Dieses Kaufhaus, ein 
vollständiger Massivbau, hatte eiue hervorragend 
schöne Westfassade, wie sie fast nur noch in Esch-
        

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