Full text: Hessenland (29.1915)

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indien und Kanada tauchten seine Berichterstatter 
auf, ließen sich an Ort und Stelle nieder und 
schufen, wo die vorhandenen Beförderungsmittel, 
wie z. B. zwischen Peking und Kiachta, dem End 
punkt der russischen Telegraphenlinien in Zentral 
asien, den Ansprüchen der „R. T. 0." nicht genügten, 
eigene Kurierdienste. Und damit Hand in Hand 
gingen hundert andere Unternehmungen: Reklame- 
und Auskunftswesen, Annoncenannahme, Kommis 
sion, Export, Kolonisation, Übersetzungsbureaus, 
Berlagsbuchhaudel und vor allem riesige Finanz 
operationen, die das Vermögen des genialen Kasse- 
laners ins Rothschildhafte steigerten; der 1872 
abgeschlossene Vertrag nüt dem Schah von Persien, 
der Reuter die wirtschaftliche Erschließung und 
Ausbeutung seines gesamten Reiches abtrat — 
Gerechtsame, die kürzlich an die ad hoc geschaffene 
Imperial Bank of Persia übergegangen sind —, j 
ist ein Schulbeispiel für die Großzügigkeit, mit,' 
der Reuter auch auf diesem Gebiet spekulierte. 
Die äußeren Ehrungen blieben unter diesen 
Umstünden nicht aus: Dutzende von nicht nur 
exotischen Orden schmückten seinen Frack. Und auch 
die Sehnsucht nach dem Titel, die dem bei aller 
Bedeutung peinlich eitlen Mann keine Ruhe ließ, 
wurde nach diskreten Vorverhandlungen zwischen 
London und Koburg von Ernst II. gestillt. Der 
geldbedürftige Schützenherzog fand sich bereit, den 
kleinen Israel Beer Josaphat ans Kassel am 
7. September .1871 gleichzeitig in den Adels- und 
in den erblichen Freiherrnstand zu erheben und 
ließ ihm, um.ihm eine besondere Freude zu machen, 
ein Wappen ausfertigen, das in überaus sinniger 
Weise die Verdienste des Baronisierten für ewige 
Zeiten festhielt: es zeigte nämlich einen von vier 
elektrischen Blitzen umzuckten Erdball auf blauem 
Grunde, dessen Helmzier ein galoppierender De 
peschenreiter mit Flaggenstange bildete, während 
das Wappenband die stolze Devise trug: Per mare 
per terras. Durch einen besonderen Zusatzerlaß der 
Königin Viktoria, die sich bereits in Koburg zu 
seinen Gunsten verwandt hatte, wurde ihm die 
Erlaubnis erteilt, den Freiherrntitel auch in Eng 
land zu führen und die damit verbundenen Vor 
rechte zu genießen. Und nun sah sich Reuter am 
Ziel seiner Wünsche. Er übergab die Leitung seines 
Hauses an seinen Sohn Herbert, baute sich ein 
prachtvolles Palais in der Nähe der Kensington 
Palace Gardens und verlebte die letzten Jahre 
seines buntbewegten, erfolggekrönten Lebens auf 
Reisen. Am 25. Februar 1899 ist er in Nizza 
verschieden. 
Unter Herbert von Reuter ist die Aktiengesell 
schaft noch gewachsen; welche Rolle sie gegenwärtig 
im internationalen Zeitungsgetriebe spielt, das hat 
sich in diesen Tagen gewissenloser, beständiger 
Brunnenvergiftung mit unauslöschlicher Eindring 
lichkeit in unser Gedächtnis hineingehämmert. — 
Der Tote vom 18. April war im Jahre 1852 ge 
boren worden, 1876 hatte er sich mit Miß Edith 
Campbell vermählt. Aus seiner Ehe waren zwei 
Kinder hervorgegangen, eine Tochter und ein 
Sohn, der siebenunddreißigjährige Baron .Hubert 
Julius von Reuter, der nunmehr an die Spitze 
der R. T. C. tritt. In welchem Sinne er sie leiten 
wird, ist vorauszusehen: er wird die Überliefe 
rungen seiner Renegatenfamilie fortsetzen und in 
edlem Wettstreit mit den Sir John Oppenheim, 
den Sir Francis Trippel für die bedenklich rampo 
nierte Sache des Dreiverbandes eintreten. Uns 
kann das immerhin gleich sein. Lügen-Renters 
gehören zu den Leuten, die wir unsern Feinden 
von Herzen gönnen — und wäre es nur, um 
ihnen zu beweisen, daß selbst ihre Telegraphen 
könige — macke in Germany sind! 
-4»«- 
Professor Dr. Heinrich Nöinheld f. 
Einen sehr schweren und unersetzlichen Verlust 
hat der Hessische Geschichtsverein, insbesondere der 
Eschweger Zweigverein durch den frühen Tod des 
Professors Dr. Römheld, Oberlehrers an der 
Eschweger Friedrich-Wilhelmsschule, erlitten. Er ist 
ein Opfer treuer Pflichterfüllung im Dienste des 
Vaterlandes geworden. Als Vizefeldwebel in dem 
Gefangenenlager zu Niederzwehren tätig, kam er 
fieberkrank auf Urlaub nach Hause. Da er typhus 
verdächtig war, brachte man ihn ins Landkranken 
haus. Leider entwickelte sich bald der gefürchtete 
Flecktyphus, und weder die Kunst des Arztes, 
noch die aufopfernde Pflege seiner treuen Gattin 
vermochten den Todesengel zu verscheuchen. Am 
19. April starb er. 
Professor Dr. Römheld wurde 1875 in der alten 
Luilusstadt Hersfeld geboren; sein Vater, der 
Oberlehrer am dortigen Gymnasium war, starb 
schon, ehe der Knabe das Licht der Welt erblickte. 
Nach Beendigung seiner philologischen Studien in 
Marburg und Greifswald war er Mitglied des 
pädagogischen Seminars in Wiesbaden. Das Probe 
jahr legte er am Gymnasium in Weilburg und 
am Progymnasium zu Hofgeismar ab. In Hof 
geismar wirkte er auch als wissenschaftlicher Hilfs 
lehrer. Am 1. Oktober 1903 kam er als Oberlehrer 
an die Friedrich-Wilhelmsschule in Eschwege, an 
der er eine segensreiche Tätigkeit entfaltete. Seine 
Schüler hingen an ihm mit großer Liebe und Ver 
ehrung. Auch außerhalb der Schule ließ er sich
	        

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