Full text: Hessenland (29.1915)

daß wir der Welt das Beispiel der,eigenen Tei 
lung geben und noch die Schmach hinzufügen, die 
Anträge auf Teilung Anträge auf Einheit zu 
nennen!" Und dem fügte er die Mahnung hinzu, 
die ja später buchstäblich eintraf, das Parlament 
möge nicht sich der Ablehnung der Krone durch 
den preußischen König aussetzen. 
Auf die längere Entgegnung Sybels, die alle 
Gründe der Kleindeutschen, meist doch nur ver 
fassungsrechtlicher Natur, nochmals zusammen 
stellte, entgegnete Winkelblech ganz kurz, aber in 
einem Sinne, den wir erst heute wieder in seiner 
ganzen Schwere erfassen lernten: „Die Deutschen 
(nämlich Österreichs) sollen von Deutschen zurück 
gestoßen werden, wenn sie in unsern Verband ein 
treten wollen. So tief können die Deutschen nicht 
sinken, es wäre Hochverrat an der Nation, ihnen 
das Recht des Eintritts 'zu verwehren. Aber kom 
men wir auch nur auf die gewöhnlichsten Regeln 
der Staatsklugheit zurück, so wird man einsehen, 
Deutschland kann das Adriatische ,Meer nicht missen, 
Deutschland verliert seine soziale Selbständigkeit 
mit dem österreichischen Bundesstaate; Deutsch 
land kaun diese aus politischen und sozialen Gründen 
nicht aufopfern!" 
Es kann hier nicht auf alle die Einzelheiten der 
Winkelblechschen Tätigkeit eingegangen werden, wer 
sich darüber unterrichten will, muß schon zu der 
genannten Biermannschen Biographie greifen; aber 
wie grimmig feind ihm die liberal-konstitutionelle 
Partei war, der er nicht allein durch seine demo 
kratische und großdeutsche Parteistellung unsym 
pathisch war, sondern mehr noch durch seine ver 
nichtende Kritik der liberalen Wirt 
schaftsideale, das möge eine kleine Stil 
übung zeigen, mit der Oetkers „Neue Hessische 
Zeitung" ihn in ihrer Nummer 35 des Jahres 
1849 bedachte. Man könnte nicht behaupten, daß 
sie von Sachlichkeit überflösse, veranlaßt war sie 
durch Winkelblechs Bemerkung: er werde sich von 
einer Kritik der Petitionen zum Wahlgesetz 1849 
nicht abhalten lassen, auch wenn sie durch ein noch 
schlechteres Organ als die Neue hessische Zeitung 
veranlaßt seien. Diese Petitionen waren nämlich, 
unter dem Vorgeben, das Ministerium Eberhard 
sei mit dem plutokratischen Klassen-Wahlgesetz zu 
gleich in Gefahr, von der Mehrzahl der Orte 
erschwindelt, wie bald darauf festgestellt werdeu 
konnte. — Das Blatt Oetkers schrieb: 
„In der Tat hätte Herr Winkelblech der „Neuen 
Hessischen Zeitung" kein größeres Kompliment 
machen können. Denjenigen unserer geehrten Leser, 
welche mit der eigentümlichen Denk- und Ausdrucks 
weise des gelehrten Herrn nicht vertraut sein soll 
ten, mag dies auffallend erscheinendes ist aber 
doch so. Herr Winkelblech hat sich zur Ausübung 
seiner weltökonomischen Kunst einen eigenen Be 
griffs- und Wortapparat erfunden. Er nennt z. B. 
konservativ, was andere revolutionär nennen, und 
revolutionär, was andere konservativ heißen, wenn 
er von einem Kaisertume spricht, so meint er eine 
Republik, oder umgekehrt, und wenn er jemanden 
falsche Angaben usw. vortmrft, so sagt er eigent 
lich damit nur, es sei durchaus das Richtige ge 
troffen worden. Mit einem Wort, Herr W. ist 
gewissermaßen ein umgekehrter Politiker, ein auf 
den Kopf gestellter Patriot. So liegen denn auch 
in seinen gestrigen parlamentarischen Ergüssen, 
die ein Neuling leicht für schimpfende Angriffe 
halten könnte, nur die schmeichelhaftesten Lob 
sprüche, Lobsprüche, die so unverdient sind, daß wir 
sie gar nicht einmal annehmen können." 
Winkelblech sagte bald dem ihn anwidernden 
Treiben in der Kammer Valet, und so auch ent 
ging er der Rache der Reaktion, er kehrte wieder 
in sein Arbeitszimmer zurück, um die Ausarbeitung 
seines sozialwissenschaftlichen Systems durchzuführen. 
Härter, als einst ein unverständiger Bureau^ 
kratismus ihn im Jahre 1839 von der ihm damals 
liebgewordenen Lehrtätigkeit an der Marburger 
Hochschule riß — wir dürfen heute sagen „Gott 
lob", sonst wäre er vielleicht in seinem Berufe, 
der. Chemie, allein tätig geblieben und hätte sich 
nicht auf das Gebiet der Sozialpolitik gewagt —, 
so riß ihn die Krankheit im Jahre 1860 von der 
Vollendung seiner Lebensarbeit weg, und wenn er 
auch wiederkehrte, war doch die Arbeitskraft gebrochen. 
Noch die Neujahrsnacht 1864/65 hatte er fröhlich 
im Kreise seiner Familie gefeiert, aber schon ani 
folgenden Tage veranlaßte ihn ein leichter Schlag 
anfall, das Bett aufzusuchen, von dem er sich nicht 
mehr erhob. Einem neuen Anfalle erlag er am 
10. Januar, und am 12. ward seine sterbliche 
Hülle auf dem Kasseler Friedhofe hinabgesenkt. 
Die Kasseler Gewerbeschule, an der er seit 1839 
gewirkt, hatte mit ihm — „trotz" der „Neben 
dinge", die ihm sein Direktor Hehl ankreidete — 
einen ihrer Besten verloren; die Sozialwissenschaft 
aber, die unter dem Einflüsse der liberalen Schule 
stehend, den Mann bei Lebzeiten unbeachtet hat 
kämpfen und leiden lassen — er litt sehr unter 
dem Mißerfolge seiner Lebensaufgabe, der noch 
verstärkt ward durch den finanziellen Zusammen 
bruch seines ersten Verlegers Appel in Kassel —, 
nennt heute mit vollem Bewußtsein des Wertes 
dieses eigenartigen Denkers unter den Funda 
mentalschriften der modernen Sozialpolitik: „Die 
Organisation der Arbeit" von Karl 
M a r l o! 
Kassel. B. Jacob.
        

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