Full text: Hessenland (29.1915)

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Ziegenrain (öfter), Ziegenbürste 22 ) (z. B. bei 
Bracht), Ziegenbuekel 23 ) (öfter), Ziegenburg 
(bei Wilhelmshausen im Reinhardswald), Ziegen- 
triesch (z. B. bei Battenhausen, Kr. Frankenberg) 
u. a. m. Damit sind jedoch die Namen für 
Ziegenweideplätze noch nicht annähernd erschöpft. 
Es fehlen noch die zahlreichen (gelehrten oder volks 
tümlichen) Umdeutungen, die ihren Ursprung nicht 
immer leicht erkennen lassen. Da n oft in 1 
übergeht (vgl. organon zu Orgel, asinus zu Esel), 
so findet sich auch Ziegelleyte (< Ziegenleyte), 
Ziegelberg (z. B. bei Fulda), Ziegelfeld (bei 
Nentershausen), Ziegelhof (bei Liebhards), Ziegel 
garten (öfters), Ziegelhütte 24 ) (öfter, z.B. zwischen 
Gundhelm und Vollmerz, bei Wüstfeld, zwischen der 
Wüstfelder Hute und der Langsfelder Trift, bei 
Schwabendorf, Amöneburg usw.), Ziegelbaeh 
(öfters), Ziegelhaus (z. B. bei Frankenberg), Ziegel- 
acker, Ziegelwald (öfters), Ziegelohe (bei Stein- 
bach-Hallenberg), Ziegeloch (bei Obergrenzebach), 
Ziegenloch (bei Reddehausen) usw. Da das 
volkstümliche Sprachempfinden das unverstandene 
Wort Ziege mit nhd. „Ziegel", mundartlich tsiijsl, 
tserpel, tsiisl, tseial, in Verbindung brachte, so 
entstanden mundartlich gefärbte Umbildungen wie 
Zielwald 25 ), offiziell Ziegelwald, die Zielhecke, 
am Zeilbach 25 ), am Zileborne 25 ) (14. Jahrh), 
Zeilhardt 25 ) (1325 Zygelhardt, 1360 Zyegel- 
hart) u. a. m. 
Eine besondere Bewandtnis hat es mit dem 
häufigen Flurnamen Ziegenberg. Wie in der 
Mundart bei zusammengesetzten Bildungen das 
Grundwort — bach vielfach zum Suffix — bich 
bzw. —mich herabsinkt (Steinbach zu Staimich, 
Hüttenbach zu Hitemich usw.), so wird auch 
das Grundwort —berg in der mundartlichen 
Aussprache bei Kompositis meist zu —berich, 
—brich, —berch, —ber oder zu — merich, 
—merch,—mer verflüchtigt. So ist z.B. lippisch^) 
Breimerg, Breimersgrund aus einer urkundlich 
bezeugten Namensform Breitenberg (1721), 
Teimer, auch Teiner (Berg bei Bavenhausen) aus 
leitenberg (1782), Kreimer, Kreimerg aus 
Kreienberg, Jöllmerg, Gelmerich, Jelmer (Berg * 35 
heute enger der Ziiplai gemacht hat, weil jetzt zufällig 
eine Ziegelei da steht. 
3 2 ) bürste wahrscheinlich entstellt auäburgstaUcastellum, 
so daß der ursprüngliche Sinn wäre: Ziegenburgstall 
oder Ziegenbergstall, d. h. eingehegtes Ziegenlager. 
3 ") buckel = büchel, bühel, kleine Anhöhe. Vgl. 
Katzenbuckel u. ä. Namen. 
'0 butte hier umgedeutet aus älterem hüte „Werde 
trift" wie in Hüttenbach, Hüttenwiese u. a. 
35 ) Vgl. Sturmfeld: „Die Ortsnamen Hessens . 
2. Aust. S. 93. 
86 ) Preuß: „Die lippischen Flurnamen (Detmold 
1893) S. 33, 80, 92, 148. 
bei Wehrentrup) aus Jollenberg, rheinländisch 2 ^) 
aufm Steimerich aus Steinberg, Limperich 
(1480 Limperich, 1343 Lymperch, 1297 Lim- 
perch, 960 Linberge) aus Lint(t)berg, Subrich 
aus Sudberg, Kruamerich aus Kronenberg, 
Förbrich aus Fürberg, Hommerich aus Hom 
berg, Hemmerich aus Hemberg hervorgegangen, 
während das linksrheinische Kirchberg (in Jü 
lich) 1159 Kirberich, 922 Kirichberg hieß. Ähn 
lich findet sich in der nassauischen Mundart 
Dilmerich für Dillenberg bzw. Dillenburg, 
Biewerich bzw. Biebrich für älteres Bieberg 
(1296) bzw. Byeborg (1418), und in der hessi 
schen Mundart Grimerch für Grünberg, Homerch 
für Homberg, Silwerich für Silberg, Stolwerich 
für Stollberg usw. Auch zahlreiche Bergnamen 
auf — er wie Alheimer, Pommer, Meißner, Beier, 
Steier, Keller bewahren in ihrer Endsilbe das 
zum bedeutungslosen Suffix herabgesunkene mund 
artliche —berg in verkümmerter Gestalt, ein er 
neuter Beweis dafür, welch' großen Anteil die 
Mundart an der Bildung von Flur- und Wald 
namen hat. 
So konnte im Munde des Volkes auch Ziegen 
berg zu Ziemrich bzw. Ziernerch werden, ähnlich 
wie der Waldname Zeierich bei Rörshain im Kreis 
Ziegenhain zweifellos mit dem Namen Ziegenhain, 
mundartlich Zeiehääng in Verbindung zu bringen 
ist, indem der Ziegenhagen (woraus Ziegenhain 
wurde) das Nachtquartier für die am Ziegenberg 
(mundartlich Zeierich) weidenden Herden gebildet 
haben wird. 2 ^) Ähnlich findet sich Ziemrich bzw. 
Zimmerch als Flurnamen im Nassauischen. 22 ) 
Von hier aus schritt die Umdeutung, nachdem 
im Laufe der Jahrhunderte jede Erinnerung an 
die frühere Kultur des Bodens im Volke ge 
schwunden war und die Ziegenzucht durch behörd 
liche Maßnahmen starke Einschränkungen erlitt, 
unter Anlehnung an den neuen Begriff Zimmer 
und durch Beifügung eines verdeutlichenden Zu 
satzes (Tautologie) weiter zu Zimmer bzw. Zimmer 
berg. 
Obwohl ein Zimmerberg an und für sich ein 
Unding, ja Unsinn ist, liegt es im Wesen der 
Volksetymologie begründet, daß sie „das Unver 
standene, Ungewohnte, Fremde nicht nach der 
Wahrheit, sondern nach dem mehr oder minder 
verführerischen Schein oberflächlich deutet" 30 ), ge 
nügt es dem Volksbewußtsein, „in sorgloser Hin- 
81 ) Leithäuser: „Vergliche Ortsnamen" (Elberfeld 
190t), S. 12. 
") Vgl. meinen Aufsatz „Zur Geschichte der Stadt 
Ziegenhain". „Hessenland" 1909, S. 197 ff. 
39 ) Kehrein a. a. O. 628. 
so ) Andresen: Volksetymologie (6. Aust) S. 1 u. 2.
        

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