Full text: Hessenland (28.1914)

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Verpflichtungen hatte die Muuizipalkasse inner 
halb wie außerhalb der Kommune. Zu einem 
guten Teil waren es ganz dieselben, die schon die 
Gemeindekasse hessischer Zeit gehabt hatte. Unter 
anderem enthält das Rechnungsformular einen 
Ausgabe-Titel „Zum Behuf der Feuer-Geräth- 
schaften" Ehedem war hier nur von der Spritze, 
ledernen Eimern und verwandten Dingen die 
Rede. 1812 aber können wir hier einen Akt west 
fälischer Staatspädagogik bewundern. Wir lesen 
nämlich: „Dem N.N, Douceur, weil er bei einer 
hier ausgebrochenen Feuersbrunst der erste mit 
dem Pferd bei der Spritze zum Anspannen war." 
Wie diese Freigebigkeit am rechten Platze, so macht 
auch die erhöhte Sorge für das Sanitätswesen 
einen günstigen Eindruck. Die Munizipalkasse 
übernahm die Einziehung und Ablieferung des 
Physikats- oder Doktorgroschens, wozu jedes Fa 
milienoberhaupt einen guten Groschen beizusteuern 
hatte. Und nicht genug damit. Sie sorgte auch 
für ärztliche Instrumente. Schaffte sie doch einen 
Troisquart nebst einer Anweisung vom Herrn Pro 
fessor Busch zum Preise von 26 Alb. 8 Hlr an. 
Diese und andere Vorzüge der westfälischen Ver 
waltung werden aber reichlich ausgewogen durch 
ihre Nachteile und Schäden. Es ist eine Kleinig 
keit, macht aber doch einen entschieden ungünstigen 
Eindruck, wenn die Munizipalkasse wiederholt zu 
einem „Douceur" für Bediente und Schreiber 
höherer Beamten herhalten muß. In jeder Rech 
nung erinnert der Ausgabe-Titel „Interessen von 
erborgten Kapitalien" mit seiner bis zu 70 Talern 
steigenden Zinssuiume an die schwere Schuldenlast, 
die der Gemeinde durch den französischen Eroberer 
aufgebürdet war. Daneben brachen die Leistungen 
für außerkommunalc Zwecke garnicht ab. Das 
Jahr 1809 brachte eine Ausgabe von 30 Talern 
für Kriegsfuhren und von 18 Talern Beitrag zur 
Lieferung ins Kriegsmagazin. 1810 mußten zur 
„AuSründung des Anlehns-KapitalS" noch einmal 
27 Taler und an militärischen VerpfleguugSkosten 
13 Taler hergegeben werden. 1811 wurden 27 Tlr 
zu Arrestanten- und Kriegsfuhren und 28^, Taler 
Zuschuß zur Grundsteuer von Gemeiuds wegen 
bezahlt. 
(Fortsetzung folgt.) 
Helix Blangini, 
König Jérômes Generalmusikdirektor. 
Von vr. Philipp Losch. 
(Fortsetzung.) 
Jeromes Gemahlin, die Königin Catharina, 
war gleichfalls dem Hoskapellmeister wohlgesinnt.' 
Sie nahm Musikstunden bei ihm, was zur Folge 
hatte, daß eine ganze Reihe von Damen der Hof 
gesellschaft ihrem Beispiele folgten. Bei den Lek 
tionen der Königin mußte gewissermaßen als Ehren 
wächter ein Page zugegen sein, und in den Kreisen 
dieser jungen Leute erzählte man sich, daß der 
Lehrer beim Vortrag von Duetten sich angemaßt 
habe, die Königin als Gegenstand seiner Zärtlich 
keit nicht undeutlich zur markieren. Als die Köni 
gin nach Ems ins Bad reiste, mußte Blangini 
sie begleiten.^) Hier machte sie angeblich den 
Versuch, den Italiener unter die Haube zu bringen, 
mit einer sehr vornehmen, reichen Dame, die gut 
Harfe spielte. Blangini erzählt, er habe dies An 
sinnen abgelehnt, wegen der Häßlichkeit der Dame, 
die einen Buckel gehabt habe. Nach Zinserlings 
Darstellung ^) klingt die Geschichte anders. Danach 
hat gerade Blangini selbst sich sehr eifrig um die 
Hand der bewußten Dame, der Tochter eines vor- * 17 
16) Oettinger macht in seinem Roman daraus eine 
Reise nach Scheveninaen, auf der es zu einem regelrechten 
Liebesverhältnis zwischen der Königin und Bl. kommt. 
17 ) Westfälische Denkwürdigkeiten 143. 
nehmen Staatsbeamten, bemüht, der König habe 
aber die Mesalliance verhindert. 
Wie jeder Komponist hatte auch Blangini den 
Ehrgeiz, in Kassel seine eigenen Werke zur Geltung 
zu bringen. Seine Opern, mehr als 30 an der 
Zahl, sind jetzt längst vergessen, aber das lyrische 
Element ihrer süßlichen, einschmeichelnden Melo 
dien entsprach dem damals herrschenden Geschmack 
des Publikums. Die erste Oper, die er in Kassel 
aufführen ließ, „Le Sacrifice d’Abraham“, hatte 
er noch in Paris komponiert. Nach der Vorstellung 
sandte ihm Jérôme eine Rolle mit 100 Napoleons. 
Blanginis zweite Oper „Le Naufrage comique“ 
nach dem Libretto des Kasseler Theatersekretärs 
B é r a r b 18 ) hatte einen Mißerfolg wegen ihres 
Inhalts, der sowohl bei den Schauspielern wie bei den 
zahlreichen französischen Glücksrittern in Kassel An 
stoß erregte. Es handelte sich darin um einen Schiff 
bruch einer Bühnentruppe, die aus einer Insel landete, 
deren Gouverneur angesichts des Flitterstaats in 
18) Dieser Bêrard war die rechte Hand des damaligen 
Theaterintendanten Bercagny, dem er auch bei der Ab 
fassung der Theaterkritiken im Moniteur behilflich war. 
Nach der Restauration wurde er in Paris Theater 
direktor des Vaudeville und des Théâtre des Nou 
veautés.
	        

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