Full text: Hessenland (28.1914)

smiL, 30 SML. 
Sie machte „Ksch, ksch" und wiegte es zärtlich 
in den Armen. Langsam fing ich an zu frieren, 
fror, daß mir die Zähne klapperten, denn das Feuer 
hatte den Kampf mit der Kälte aufgegeben und 
war mutlos in sich zusammen gefunken. Von draußen 
fuhr der Nordwind gegen die Fenster und klemmte 
sich durch die Nitzen. 
„Hier ist es aber kalt " sagte ich. 
Ein Blick der Verachtung traf mich. Wie oft 
ist mir später dieser Blick begegnet. Der ganze 
Stolz der Armut ist darin. 
„Mir frieren noch nit - “ sagte Binchen. 
Und das Manschen lachte hell' auf. 
„Ja! Kalt is es, da derfen mer nachher ins Bett, 
wann mer's nit mehr aushalten. Das derfschst 
Du nit. Ihr hadd au nit so scheene Eisblumen an 
den Fenschlern." 
Nesn, das halten wir nicht. Und bei Tag ins 
Bett kriechen durfte ich auch nur, wenn ich krank 
war, und dann machte es mir keinen Spatz. Wie 
schön mußte es fein, fo ganz gesund im Bett liegen, 
wenn der Wind von draußen gegen die Fenster 
fauchte und all die silbernen Eisblumen blühen ließ. 
Ganz aufgeregt kam ich heim. Meine Abend- 
milch trank ich mit aufgestützten Ellbogen und 
schmatzenden Lippen. 
Mutter sah mich streng an und Vater fragte, 
ob ich das von den Schweinchen gelernt hätte. 
„Nein -" sagte ich stolz „von Müllers? 
„Überhaupt ist es da viel schöner, sie gehen schon 
bei Tag zu Bett, wenn sie frieren, und am Fenster 
ist alles voll Eisblumen. " Verächtlich maß ich unsre 
leeren Fensterscheiben. Mutter sah plötzlich ganz 
traurig aus, vielleicht beneidete sie Müllers auch. 
Aber das schien nicht der Fall zu sein, denn sie 
sagte mit tiefem Seufzen: 
„Die Armen." 
Vater meinte, sie solle es nicht gleich so zu Herzen 
nehmen, solche Leute feien stumpf und daran gewöhnt. 
Da wurde sie sehr aufgeregt: 
„G Fritz, gerade diese Stumpfheit, das ist das 
Fürchterliche." (Schluß folgt.) 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer Ge sch ichts verein. Auf dem wissen 
schaftlichen Unterhaltnngsabend des K a s s e l e r Vereins 
sprach am 5. Januar Rechnungsdirektor Woringer 
über den Generalleutnant v. H a y n a u. Wilhelm Karl, 
Freiherr von Haynau war der natürliche Sohn Land 
graf Wilhelms IX. und der im Jahre 1764 zu Biel in 
der Schweiz geborenen Rose Wilhelmine Dorothea Ritter, 
die nach Ankauf des freiadligen Gutes Lindental bei 
Wiesbaden durch den Landgrafen durch Diplom Kaiser 
Josefs II. vom 17. März 1766 in den Reichsadelstand 
unter gleichzeitiger Verleihung von 6 Ahnen erhoben 
worden war. An ihre Person hat die Sage die Räuber 
geschichte geknüpft, wonach sie wegen Untreue im Turme 
der künstlichen Ruine von Wilhelmsbad hingerichtet sei, 
und diese Schauergeschichte ist auch in einen von I. T. H. 
Temme versagten Roman übergegangen, der sogar den 
Ort nach Wilhelmsthal verlegt. Sie heiratete später den 
Artillerieleutnant und Kriegsbanverwalter Johann Georg 
Kleinhans, den der Kurfürst 1606 zum Rentmeister in 
der damals kurhessischen Festung Babenhausen an der 
Gersprenz machte. Der Name Haynau kam durch Ein 
schiebung eines n in den Namen Hanau zustande. Zum 
Unterhalt der drei Familien v. Hahn au. v. Hessenstein 
und v. Heimrod ivurden die sogenannten Salzkrenzer 
aus der Saline Nauheim angewiesen, eine Erfindung des 
später als Buderus von Carlshausen geadelten Schreib 
lehrers der Haynauschen Kinder. Die Erträge, über die 
der Vortragende genauere Angaben machte, betrugen für 
die Familie Haynau 634 Taler. Wilhelm von Haynau, 
der eine gute Erziehung genossen hatte, trat nach einer 
kurzen Dienstzeit als Sekondleutnant in hessischen Diensten 
in das bayerische Heer ein, während sein Bruder Julius 
in österreichische Dienste ging. 1605, im Alter von 25 
Jahren, hatte er Gelegenheit, bei den Kämpfen um Tirol 
am Passe Strub sich durch eine geschickt durchgeführte 
Umgehung auszuzeichnen. In seine Vaterstadt Hanau 
zurückgekehrt, trat er in Großherzoglich Frankfnrtische 
Dienste, und auch hier bot der 28. Oktober 1813 ihm 
Gelegenheit, als Major der Nationalgarde nicht ohne 
Erfolg die Wache an der Kinzigbrücke gegen marodierende 
Franzosen zu verteidigen. 1813 trat W. v. Haynau 
wieder in kurhessischc Dienste, als Oberst des Regiments 
Landgraf Karl und Kommandeur der ersten Brigade. 
Am 2. März 1814 setzte sich die dritte hessische Kolonne, 
bei der er sich, wie auch sein Halbbruder, Kurprinz 
Wilhelm, befand, in Marsch, um an der Einschließung 
der französischen Ostfeslungen teil »nehmen. Haynau blieb 
zuerst vor Luxemburg, übernahm dann am 22. März 1614 
das Kommando des Blockadekorps vor Diedenhofen, das 
von dem General Hugo, Vater des Dichters Victor Hugo, 
verteidigt ward. Nach einigen Zwischenfällen hielt Hay 
nau die Einschließung von Diedenhofen aufrecht, bis am 
17. April 1814 der Waffenstillstand eintrat. An dem 
Feldznge von 1815 nahm Haynau als Kommandeur der 
ersten Brigade teil. 1817 ward ihm die schwierige Auf 
gabe, die Bewohner des neu geworbenen Fulda für 
Hessen zu gewinnen, eine recht undankbare Aufgabe, die 
ein großes Geschick erforderte. 1818 zum Generalmajor 
befördert, blühte ihm schon 1826 wieder eine unange 
nehme Tätigkeit, er sollte den mit seinem Vater ent 
zweiten Kurprinzen znr Rückkehr nach Kassel bewegen. 
Bei dem 1830 drohenden Kriege mit Frankreich erhielt 
er das Kommando der hessischen, bei Kassel zusammen 
gezogenen Streitkräfte, doch kam es nicht zum Kriege; 
1831 wurde er Generalleutnant, 1832 Kommandeur der 
Infanteriedivision und ging 1847 in Pension. Auf 
seinem, an der Stelle des heutigen Schlachthofes ge 
legenen Besitztum „Friedenruhe" beschäftigte er sich mit 
theologischen Grübeleien, — am 28. September aus dem 
Ruhestand zurückgerufen, mußte er den Oberbefehl nach 
verhängtem Kriegszustand übernehmen, bis die ein 
rückende Bundesexekution seiner wenig angenehmen Tätig 
keit ein Ende machte. 1854 gab er noch eine Schrift: 
„Der Tod, das Totenreich und der Zustand der von hier 
abgeschiedenen Seelen, dargestellt aus dem Worte Gottes, 
von Val. Ulrich Maywahlen" heraus. Am 21. Januar 
starb er. Sodann erinnerte Bibliothekar Dr. Hopf an 
den Jahrestag der kurhessischen Verfassung, den 5. Ja-
	        

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