Full text: Hessenland (28.1914)

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Kanals ^b), tzer, großartig genug, mit Schaffung 
des Weserplatzes Karlshafen begonnen ward. Daß 
die Technik jener Tage die Durchführung nicht 
möglich werden ließ, ist kein Argument gegen die 
Bedeutung der Idee, die erst heute und unter 
bei weitem günstigeren Terrainverhältnissen — von 
der Entwicklung und den Erfahrungen der Technik 
ganz zu schweigen — durchgeführt wird. 
Eine völlig neue Note klang an in den Be 
ziehungen zu England. Den ersten Anstoß 
dazu mögen wohl die Feldzüge des spanischen 
Erbfolgekrieges gegeben haben, als, im Anschluß 
an die Verträge von 1694, 1701—1702 zwischen 
Hessen-Kassel und den Generalstaaten, durch Ver 
mittlung der letzteren mit dem Vertrag vom 
31. März 1703 England in die Reihe der Sub 
sidien zahlenden Mächte trat. Von da an, bis 
zum Ende des 18. Jahrhunderts, blieben dann 
diese Beziehungen in der denkbar regsten Form 
bestehen und ergänzten, ohne sie grundlegend zu 
verändern, die bisherige Politik Hessen - Kassels. 
Wohl hatten schon früher, in Hinblick auf die Ver 
teidigung der evangelischen Freiheit, Beziehungen 
zu England bestanden, so eng indessen, wie seit der 
Verlobung und Vermählung des Prinzen Friedrich, 
des nachmaligen Landgrafen Friedrich II. mit Maria 
von England, Tochter Georgs II., waren sie vor 
her nie gewesen, und das gehört mit zu den großen 
Witzen der. Weltgeschichte, daß gerade Friedrich 
katholisch wurde. Allerdings haben die dazu trei 
benden Kräfte der kaiserlichen und der französischen 
Politik ihr Ziel nicht erreicht, einen Bruch mit 
den seitherigen Traditionen des Landes herbei 
zuführen. Mag die Assekurationsakte noch so viel 
zu diesem Resultate beigetragen haben, ein traditio 
nelles Schwergewicht hat auch wohl überdies noch 
mitgewirkt, namentlich jenes mit Karl. einsetzende 
Moment der Verteidigung der deutschen 
Westfront durch Hessen-Kassel, das im 
siebenjährigen Kriege a u s g e l ö st ward durch den 
Kaunitzischen Fehlgriff, Frankreich in die inneren 
Angelegenheiten des Reiches hineinzuziehen. Nur 
so ward es möglich, daß Hessen-Kassel wie Eng 
land-Hannover sich mit einem zeitweilig 160000 
Mann starken Heere wie ein Windschirm aufstellten 
zur Deckung König Friedrichs II., während ohne dies 
Dazwischentreten Frankreichs diese Masse nicht nur 
neutral, sondern feindlich gegen Friedrich von 
Preußen, als den Reichsfriedensbrecher, gestanden 
haben würde. 
Ehe wir über die im allgemeinen ruhige Zeit 
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausführ- 
^^eitschr. d. B. f. h. G. u. S., Bd. 19 (N. F. Bd. 9), 
licher hinausgreifen,- sei ein Blick auf das parallel 
laufende Entwicklungsschema Hessen - Darmstadts 
gestattet. 
Was Moritz einst durch seinen Bruch der Be 
stimmungen bes Marburger Testaments verschuldet, 
unbedingt im Unrecht durch die Hartnäckigkeit, mit 
der er sich durchzusetzen strebte, und doch damit 
unbewußt einer wichtigen Idee dienend, wenn 
schon unfähig sie zu erkennen und durchzufechten, 
das renkte nach besten Kräften der friedlich-fromme 
Sinn Ludwigs VI. von Hessen-Darmstadt wieder 
ein, der noch als Erbprinz im Aufträge seines 
Vaters den Einigkeitsvertrag vom 14. April 1648 
ermöglichte. Bedenklich wurde die Passivität, die 
sich ja auch schon in dem Verhalten zum Kaiser 
ausgedrückt, als Ludwig VI. in dem mit Frankreich 
1672 ausbrechenden Kriege sich neutral stellte. 
Daß das Land dabei von beiden Parteien ver 
wüstet ward, wäre noch weniger zu bedauern, wenn 
nicht damit auch eine Hinneigung zu Frankreich, 
eigentlich nur aus dem Gefühl der Schwäche her 
aus, sich entwickelt hätte. Ludwigs VI. Witwe als 
Vormünderin ihres Sohnes z. B. weigerte den 
französischen Hugenotten den Aufenthalt, wohl nicht 
unbeeinflußt durch des „Sonnenkönigs" Drohen, 
doch darf auch nicht vergessen werden, daß sowohl 
in dem Kriege von 1688 wie in dem spanischen 
Erbfolgekriege hessen-darmstädtische Truppen tapfer 
auf Seite des Reiches fochten, ohne indessen weder 
der Zahl noch dem Umfange der Beteiligung nach 
neben die hessen-kasselschen Truppen sich stellen zu 
können. 
Nicht genutzt ward die Hanau - lichtenbergische 
Erbschaft, die durch seine Mutter Ludwig IX. zufiel, 
der sie aber eigentlich nur benutzte, um in Pir 
masens seiner Soldatenspielerei zu fröhnen. Seine 
persönliche Neigung zog ihn zu Friedrich II. von 
Preußen hin, aber der traditionellen Politik seines 
Hauses folgend, mußte er, um Wien und Paris 
nicht zu mißfallen, 1757 in die Heimat, in sein 
Soldatenidyll Pirmasens, zurückkehren^ 
Bon größerer Bedeutung als dieser Fürst, der 
selbst nach späterer Übernahme der Regierung in 
Pirmasens verblieb, war seine Gemahlin Karo 
line, „die große Landgräftn", die auch die Er 
ziehung der Kinder leitete. Ludwig X. bedeutet 
insofern eine Unterbrechung der passiven Politik 
des Landes, als er an dem im Jahre 1793 aus 
brechenden Reichskriege mit stärkerer Macht sich be 
teiligte, und doch hatte auch hier erst der Zwang 
desReichskrieges anfeuernd gewirkt, Hessen- 
Kassel hatte ja, wovon noch zu sprechen sein wird, 
nicht erst dies Moment abgewartet, sondern schon 
1793 mit vollster Kraft sich, an dem Kampfe 
gegen die -französische Revolution beteiligt.
	        

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