Full text: Hessenland (28.1914)

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Die Deutschen werden es ihm nicht vergessen, und 
die Geschichte des Weltkrieges wird einmal seinen 
Namen auf die Zukunft bringen. Seine zweite 
Vaterstadt Kassel aber würde sich nichts vergeben, 
wenn sie diesem Helden, der dem Vaterland un 
schätzbare Dienste geleistet, schon so oft dem Tode 
ins Antlitz geschaut und in der Ausübung seines 
gefahrvollen Berufes schon zehn Unfälle glücklich 
überstanden hat, diejenige Würde verleihen würde, 
mit der sie ihre besten Bürger zu ehren pflegt und 
wie sie die mutigen Führer des „U. 9" und der 
„Emden" in ihren dankbaren Heimatstädten er 
fuhren. Wir aber entsenden dem braven Hessen 
sohne unsere aufrichtigen Glückwünsche! P. H. 
Drei westfälische Töchter des Königs Jérôme: 
Melanie von Wietersheim, Jenny von Pappenheim, Pauline von Schönfeld. 
Von Joachim Kühn. 
(Fortsetzung.) 
III. 
Wer Diana von Pappenheim oder Jenny von 
Gustedt durch die Augen ihrer kritiklos idealisie 
renden Biographin zu betrachten gelernt hat, wird 
sich durch die vorstehenden Ausführungen vielleicht 
veranlaßt finden, seinen Glauben an die historische 
Treue des Braunschen Buches ein wenig zu modi 
fizieren. Diese Modifikation wird zweifellos noch 
gründlicher werden, wenn wir nun die geheimnis 
volle Geschichte der Nonne Marie de la Croix 
(Pauline von Schönfeld) ein wenig unter die Lupe 
nehmen. 
Wie Lily Braun versichert, war Marie de la 
Croix Jennys rechte Schwester, eine zweite Tochter 
Diana von Pappenheims und des Westfalenkönigs. 
Zum Beweis führt sie einen Brief Maries an 
Jenny an, in dem es u. a. heißt: „Damals, 1813, 
brachte der König — genötigt, sein Reich zu ver 
lassen — noch die geliebte hochschwangere Frau 
nach dem Schloß Schörsield, wo ich geboren wurde 
und dessen Namen ich trage. Da Mama genötigt 
war, in Deutschland zu bleiben, und mich nicht mit 
sich nehmen konnte, denn Herr von Pappenheim 
war schon seit langem wahnsinnig und von ihr 
getrennt, vertraute sie mich ihrer besten Freundin 
(Madame Duperrö) an, nachdem sie ihren Schmuck 
und alle ihre Wertsachen verkauft hatte, um meine 
Existenz sicher zu stellen. In der Verzweiflung 
dieser Stunden, wo sie glaubte, als Buße für ihre 
Sünden alle Bande zwischen sich und dem König 
zerreißen zu müssen, folgte sie dem Rat der Freun 
din und teilte ihm mit, ich sei gestorben. Mme. 
Duperrö sagte mir, daß sie in ihrem Leben nichts 
so bitter bereut habe, wie diesen Rat, den sie er 
teilte, denn des Königs damals tief verwundetes 
Herz litt nicht nur sehr unter der Nachricht, es 
wäre für ihn eine Freude gewesen, für mich sorgen 
zu können. . . Wir beide sind die einzigen Kinder 
aus dem Liebesbunde zwischen unserer Mutter und 
dem König. . . Immer wieder hat sie in ihrem 
Briefwechsel mit mir von unserer Herkunft erzählt 
und mir das Versprechen abgenommen, Dir nichts 
davon zu sagen. „Im Augenblick aber", so schrieb 
sie mir, „wo die Verhältnisse Dir eine Begegnung 
mit Deinem Vater gestatten werden, was so lange 
unmöglich ist, als er un Exil lebt, und wo er Dir 
von Deiner Schwester spricht, soll es Deine Auf 
gabe sein, Jenny aufzuklären und sie in meinem 
Namen zu bitten, all die Liebe und Zärtlichkeit, 
die ein Kind seinem Vater schuldig ist, ihm ent 
gegen zu bringen und ihn nicht des Glückes zu 
berauben, der Zuneigung seiner Tochter sicher sein 
zu dürfen." Dieser Brief, liebste Schwester, aus 
dem ich Dir diese Zeilen abschreibe, ist der einzige, 
den ich noch von unserer Mutter besitze — auf 
ihren Wunsch mußte ich ihre Briefe vernichten — 
aber dieser eine genügt auch, um alle Deine Zweifel 
zu beseitigen. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt 
hat, will ich auch ihn verbrennen. . ." 17 ) 
Wie erwähnt, versichert Lily Braun, diese höchst 
romantischen* Angaben aus einem Schreiben zu 
schöpfen, das Pauline „ein Vierteljahrhundert" nach 
ihrer Geburt (also 1838; gemeint ist aber 1848!) 
an ihre „ferne deutsche Schwester" gerichtet hätte. 
Wäre dieses Schreiben echt, würde sich natürlich 
jeder Zweifel an den geschilderten Vorgängen von 
selbst erledigen. Der Brief ist aber apokryph, 
erwähnt doch die Biographin Jennys auf Seite 256 
ganz beiläufig, daß der erste Brief der Nonne an 
ihre Großmutter mit der Mitteilung, wessen Töchter 
sie beide wären, nicht erhalten sei. Sämtliche 
darin vorgebrachten Einzelheiten sind also erfunden. 
Das heißt doch die Pietät etwas weit treiben und 
dichterischen Fiktionen eine etwas ungewöhnliche 
Autorität verleihen! Denn in Wirklichkeit sind Jenny 
und Pauline gar keine Schwestern. Sie hatten nur 
einen gemeinsamen Vater, Jêrâme. Die Mutter 
der Nonne Marie de la Croix war aber 
nicht Diana von Pappenheim, sondern die 
Prinzessin Ernestine Louise Karoline Frie 
derike von Löwenstein-Wertheim. 
Ernestine war am 24. Juni 1784 als Tochter 
des Grafen Friedrich von Pückler und Limpurg 
i?) Lily Braun, Im Schatten der Titanen, S. 44—46.
        

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