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Der erste $einb über England.
Nun ist's Ereignis geworden. Das sich seit
Jahrhunderten im Bewußtsein seiner Unnahbarkeit
sonnende Albion hat sich über Nacht durch die
rauhe Wirklichkeit belehren lassen müssen. Am
26. Oktober überflog ein deutscher Flieger seine
Gestade, kreuzte über Dover, das er, wie zuvor
Calais, mit Bomben überschüttete, kehrte, obgleich
er scharf mit Kanonen beschossen und in der Luft
von zwei mit Maschinengewehren bewaffneten eng
lischen Doppeldeckern bedrohlich in die Mitte ge
nommen wurde, unversehrt über den Kanal zurück
und landete nach ö'.stündiger Fahrt an seiner
Aufstiegstelle. Das Eiserne Kreuz erster Klasse war
sein Lohn, das er dem bei Lüttich errungenen
I bersten Reihen der deutschen Flieger. Besonders
bekannt wurde er 1911 durch den großen Überland
flug ohne Zwischenlandung; er plante — damals
noch ein tollkühnes Unternehmen — einen Flug
von Berlin nach Kassel, seiner zweiten Heimatstadt.
Sein Apparat zerschellte jedoch am 9. Mai 1911
bei Halle an einer Telegraphenleitung, er selbst
wurde schwerverletzt unter den Trümmern hervor
gezogen. Doch schon im Herbst 1911 beteiligte er
sich an der Nationalen Flugwoche bei Johannisthal,
wo er mit 5 Stunden 8 Minuten Gesamtflugdauer
Preisträger wurde. 1912 nahm er am Nordmark
fluge teil und stellte in Kiel am 19. Juni mit
einem Höhenflug, bei dem er 3245 Meter in
Kliegerleutnant Kaspar wird «ach seiner Rückkehr vo« «nglnn» von einer angetretene« Abteilung begrüßt.
(Nach einer von dem Piloten an seine Kasseler Angehörigen gesandte« Karte)
Kreuz zweiter Klasse und fünf weiteren Tapferkeits
orden anreihen durfte.
Ein „blinder Hesse" war es, dem zuerst diese
grausame Belehrung der Krämerseelen glückte, der
Fliegerleutnant Karl Caspar. Zu Netra im
Kreise Eschwege am 4. August 1883 geboren, be
suchte er das Kasseler Wilhelmsgymnasium und
studierte die Rechtswissenschaften in Marburg, wo
er der Burschenschaft Alemannia angehörte. Als
Kriegsfreiwilliger zeichnete er sich in den Kämpfen
gegen den südwestafrikanischen Aufstand durch seine
Unerschrockenheit aus, vollendete dann in Deutsch
land, von schwerem Typhus genesen, sein Studium
und trat als Berliner Kammergerichtsreferendar
in Beziehung zu der eben aufstrebenden Flugsache
in Johannisthal*). 1910 ließ er sich die erste
deutsche Rumplertaube bauen, die ihn von Erfolg
zu Erfolg führte. Bald stand er mit in den vor-
*) Vgl. Richard Weber, Hessen und die Luftfahrt,
„Hessenland" 1912, S. 20 f.
45 Minuten erreichte, Gipfelleistungen für Höhe
und Aufstieggeschwindigkeiten auf. Der Nordmark
flug brachte ihm ansehnliche Preise ein. Seine
Absicht, in Kassel eine Fliegerschule zu begründen,
fand — der Prophet im Vaterlande — wenig
Entgegenkommen; er gründete darauf in Hamburg
eine Fliegerschule, die stark besucht wurde und der
Flugsache schon viele tüchtige Piloten zuführte.
Gleichzeitig errichtete er in Hamburg-Fuhlsbüttel
eine schon jetzt bedeutende Flugzeugfabrik. Caspar,
der als Leutnant der Reserve dem Dragoner-Regi
ment Nr. 5 in Hofgeismar angehört, wurde bei
Ausbruch des Krieges einer Feldfliegerabteilung
zugewiesen, tat sich bei Lüttich glänzend hervor,
war einer der ersten, die über Paris ihre drohenden
Kreise zogen, und hat nun, trotzdem er noch vor
kurzem drei Wochen in einem französischen, von
den Deutschen besetzten Lazarett an einer Bein
quetschung, die er sich durch Absturz bei äußerst
böigen Winden zuzog, daniederlag, als erster auch
den englischen „Vettern" deutsche Grüße überbracht.