Full text: Hessenland (28.1914)

mut. 814 pwcb 
jedem schönen Herbstmorgen sieht er zu Füßen der 
Herkulesanlage inmitten der Wilhelmshöher Park 
anlagen im Schein der goldenen Oktobersonne die 
Kuppel des Schlosses gleißen, das seit Jahrzehnten 
der deutschen Kaiserfamilie als Sommerresidenz 
dient und in dem nach dem Zusammenbruch der 
„xrancks Nation" bei Sedan der dritte Kaiser der 
Franzosen vom 5. September 1870 bis zum 
19. März 1871 als Kriegsgefangener weilte, und 
von dem aus er am 4. Februar 1871 sein an 
klagendes, in Brüssel gedrucktes Manifest an das 
französische Volk richtete. Vor 44 Jahren entstieg 
er mit seinen Generälen Douay und Lebrun auf 
eben dem Wilhelmshöher Bahnsteig dem Zuge, 
von dem aus — Nemesis der Weltgeschichte — 
auch jetzt tausende und abertausende seiner Lands 
leute dem nahen Gefangenenlager zugeführt werden. 
In eben diesem klassizistischen Bau, dem schönsten 
Fürstensitz Europas, den des alten Kaisers Ritter 
lichkeit Napoleon dem Dritten einräumte, hatte 60 
Jahre zuvor dessen Oheim, der vielverschrieene 
„König Lustik" seine verschwenderischen Orgien 
gefeiert, den sein größerer Bruder aus dem Nichts 
zum Beherrscher Westfalens gemacht hatte. Sieben 
lange Jahre hatte hier der Benjamin der Napoleo 
nischen Familie, der über eine Zivilliste von. 5 Mil 
lionen verfügte, mit dem Geräusch seines allein 
8 Millionen verschlingenden glänzenden Hofes von 
französischer Lebhaftigkeit diese imposante Gnsam- 
keit erfüllt; hier war mehr denn einmal mit 
großem Pomp das Geburtsfest des allgewaltigen 
Korsen begangen worden und hierhin war Jörome 
mitten in der Nacht still und niedergeschlagen vom 
russischen Feldzug zurückgekehrt. 
Der Vollständigkeit halber könnte noch erwähnt 
werden, daß auch der Vorgänger dieses von Jussow 
und Du Ry erbauten imposanten Schlosses, der 
aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stam 
mende und später veränderte Barockbau, währen 
des siebenjährigen Krieges zwei Wochen lang 1200 
Franzosen beherbergte, was seinem Innern nicht 
gerade dienlich war. Es könnte ferner erwähnt 
werden, daß das im Norden gelegene Schlößchen 
Wilhelmsthal, eine Perle des deutschen Rokoko, 
Lieblingsaufenthalt der Königin Katharina von 
Westfalen war, daß in der Nähe des Schlosses 
eine der letzten blutigen Schlachten des sieben 
jährigen Krieges stattfand und Herzog Ferdinand 
von Braunschweig, der im Schloß sein Haupt 
quartier hatte, nach der Schlacht die gefangenen 
französischen Offiziere zu Tische lud und sie zum 
Nachtisch mit einer bis dahin verdeckt gewesenen 
Schüssel voll goldener Uhren und anderen Kost 
barkeiten bewirtete, und schließlich, daß drüben, 
jenseits der Fulda, auf der Höhe des Sanders 
häuser Berges im Sommer 1758 das hessische 
Korps unter dem Prinzen von Isenburg jenes 
unglückliche, aber ruhmvolle Gefecht gegen die drei 
mal so starken Franzosen lieferte. 
Noch näher liegend aber ist der Hinweis auf 
das kleine, gleich dem Barackenlager an der Frank 
furter Landstraße gelegene und von diesem etwa 
eine halbe Stunde entfernte Schlößchen Schön 
feld, dessen jetzt im Besitz der Stadt befindlicher 
Park mit seinem alten Baumbestand zu einem 
idyllischen Kleinod umgeschaffen wurde. Dieses so 
manche Erinnerung an die Brüder Grimm fest 
haltende Schlößchen, das sich in den Jahren là 
bis 1809 im Besitz des Bankiers Karl Jordis 
befand, des Schwagers von Clemens und Bettina 
Brentano, von Achim von Arnim und von Sa- 
vigny, erlebte seine eigentliche Glanzzeit gleich 
falls unter Jérôme, der es von Jordis käuflich er 
warb und die Umgebung des Parkes durch seinen 
Hofarchitekten Leo Klenze umgestalten ließ.*) Fort 
ab bildete das abgelegene Schlößchen das Stell 
dichein der intimsten Freundinnen des Königs, 
und mehr denn einmal sah man Jérôme nach 
den Festlichkeiten in Kassel oder auf „Napoleons 
höhe" sich mit einer der Damen seines Hofes dort 
hin zurückziehen. Bor allem spielte sich hier der 
Liebesroman des Königs mit der pikant schönen 
Gräfin Diana von Pappenheim ab, die noch bei 
der ersten Flucht Jérômes in diesem Schloß ihrer 
schweren Stunde entgegensah und der ihre Nach- 
kommin, die Sozialistin Lili Braun, in ihrem Er 
innerungsbuch „Im Schatten der Titanen" eine 
ebenso geistvolle wie nachsichtige Charakteristik 
widmete. 
Schweift der Blick der Franzosen — es sind 
Vertreter aller Stände unter ihnen — von der 
Höhe des Keilsbergs gen Norden, so begegnet er 
zunächst an den Hängen des Weinberges der Kasseler 
Gemäldegalerie, aus deren Schatz, wie erst kürz 
lich an dieser Stelle ausgeführt wurde, in den 
Jahren 1806 und 1807 einige Hundert der wert 
vollsten Gemälde mit räuberischer Hand nach Paris 
entführt wurden. Auch die ersten, seit dem 21. Ok 
tober hier oben internierten Russen dürften sich, 
soweit ihnen ihre Intelligenz dabei nicht im Wege 
ist und ihnen materiellere Interessen jetzt nicht 
weit mehr am Herzen liegen, daran erinnern, daß 
die 38 besten dieser Gemälde bis auf den heutigen 
Tag noch die umfangreiche Sammlung der Peters 
burger Eremitage zieren. Auch sonst könnten sie, 
falls sie sie je besessen haben sollten, geschichtliche 
Kenntnisse auffrischen und mit ihren jetzigen fran 
zösischen Bundesgenossen austauschen. Es war vor 
101 Jahren, als das Streifkorps des russischen 
Generalmajors Tschernitscheff in Kassel einzog und 
damit dem Königreich Westfalen den Todesstoß 
versetzte. Und noch ehe die Kasseler Bürger die 
freudig aufgenommenen Kosaken in ihrer fremd 
artigen Gewandung anstaunen konnten, jagte König 
Jérôme mit seiner Gardedukorps auf eben jener 
Frankfurter Landstraße an der Knallhütte vorüber 
dem Süden zu. Noch einmal kehrte er zwar auf 
wenige Tage zurück," um dann nach der Leipziger 
Schlacht, von neuem durch russische Kugeln ver- 
*) Philipp Losch, Schönfeld. 1913.
        

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