Full text: Hessenland (28.1914)

«AUL- 309 «E. 
in Rosenberg neu an. Fünf Jahre später reiste 
Jenny mit ihrem ältesten Sohn abermals nach 
Paris und kehrte über das Elsaß nach Hause zu 
rück, „meinen Koffer mit Geistesnahrung für Jahre, 
mein Herz mit Abschiedsqualen und Dankbarkeits 
freuden erfüllt . . Und wieder fünf Jahre 
später schloß Jorome in Billegsnis die Augen. 15 ) 
Es muß ein harter Schlag für Jenny gewesen sein, 
denn im selben Jahre wurde ihr Mann zum Land 
rat des Halberstädter Kreises gewählt, und ihr 
mittlerweile bei den Danziger Husaren eingetretener 
Ältester brach finanziell und gesundheitlich völlig 
zusammen; die Anforderungen stiegen also, während 
die Hand des gebefreudigen Exkönigs in Paris 
für immer erkaltete. Sie suchte Rat zu schaffen, 
indem sie sich — was bisher ganz unbekannt ge 
blieben ist — hilfeflehend an Napoleon III. wandte. 
Im Februar 1864 schrieb sie als „Patenkind" 
Joromes an den Kaiser, um ihn für ihren Sohn, 
der am 18. Januar desselben Jahres eine Straß 
burger Cousine, Cöcile de Bussiöre heimgeführt 
hatte, um Überlassung von Ländereien in Algerien 
zu bitten.^b) Die Antwort der Tuilerien ist nicht 
bekannt; jedenfalls fiel sie unbefriedigend aus, denn 
Otto ließ sich reaktivieren und machte den Krieg 
von 1870/71 als Ordonnanzoffizier des Kron 
prinzen mit. Er ist als Rittmeister a. D. am 
23. Januar 1905 verstorben. 
Kurz nach dem Scheitern ihres Schrittes bei 
Napoleon III., am 1. Oktober 1864, wurde Jenny 
Witwe. Sie vermochte sich nur schwer über den 
Verlust hinwegzutrösten. Dann raffte sie sich wieder 
auf und suchte sich durch eine Reise zu zerstreuen. 
Im Winter auf 1865 erschien sie in Paris. Nach 
Deutschland zurückgekehrt ließ sie sich in Berlin, 
dann in Potsdam nieder, wo ihr das Haus ihres 
Schwiegersohnes, der Salon der Königin und 
Kaiserin Augusta zahlreiche Anknüpfungen bot, ging 
1872 noch einmal nach Paris und siedelte 1875 
zu ihrem Schwager, dem Grafen Beust, nach Wei 
mar über, von wo sie sich in den achtziger Jahren 
endgültig auf das Gut Lablacken, die Besitzung 
ihres jüngsten Sohnes an der Kurischen Nehrung, 
zurückzog. Dort ist sie hochbetagt am 29. Juni 
1890 sanft entschlafen. 16 
lö) über seine letzten Jahre vergl. meinen Aufsatz in 
der Täglichen Rundschau vom 24. Juni 1910 bzw. in der 
Kasseler Allgemeinen Zeitung vom 24. und 25. Juni 1911. 
16) Henri Bordier, L’Allemagne aux Tuileries, Paris 
1872, Nr. 536. 
(Fortsetzung folgt.) 
Der Verhau. 
Zehndoppelt starrte der Verhau 
Von scharfen Stacheldrähten. 
Da hieß es: Schmied und Schlosser vor, 
Mt Scheren angetreten. 
Ich war im Regiment der Schmied, 
Der Schlosser war gefallen, 
Der Hufschmied lag im Massengrab, 
Nur ich, ich blieb von allen. 
Ich nahm die Schere und ich schnitt, 
Das war kein Zuckerschlecken; 
Die Schere knirschte in den Draht, 
Stumpf ward sie und blieb stecken. 
Nur vorwärts, Schmied! — Es muhte sein; 
Ich schnitt und schnitt durch Stundm; 
RegrnSburg. 
Aus meinen Armen troff das Blut, 
Die Hand war voller Wunden. 
In Fetzen hing das Fleisch herab, 
Doch muht' ich schneiden, schneiden, 
Denn eine Bresche galt es ja 
Den Brüdern zu erstreiten. 
Das Teufelsnetz bezwang ich da 
Mit meiner guten Schere. 
Der Hauptmann sagte: Dank, mein Sohn, 
Das bringt dir grohe Ehre. — 
Man nahm die rechte Hand mir ab, 
Denn sie ist brandig worden; 
Auf meiner Bmst strahlt eisem blank 
Des Kreuzes Siegesorden. 
M. Herbert. 
Kriegslied von 1870/71. 
Das von Dr. Otto Gerland in voriger Nummer 
mitgeteilte Kriegslied von 1870/71 war lvohl nach 
dem Kriege überall verbreitet. Wenigstens habe 
ich es als Junge öfters von unfern Kriegern 
(Niedermeiser, Warmetal) gehört. Besonders leb 
haft sind mir noch die beiden Strophen im 
Gedächtnis: 
„Napoleon, du Schustergeselle, 
Du sitzest nicht fest auf deinem Thron. 
Bei Weißenburg da wärest du so schnelle, 
Bei Sedan bekommst du deinen Lohn. 
Ach hättest du nicht an das Deutschland gedacht 
Und hättest den Frieden bei Sedan gemacht, 
So wärest du Kaiser geblieben 
Und hättest den allerschönsten Thron."
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.