Full text: Hessenland (28.1914)

imtb 22 SWL. 
königin, die rührende Zeichnung des göttlichen Dulders 
mit dem schmerzlich gesenkten Haupt, die auch durch 
Modellierung betont ist, sprechen für die Beobachtungs 
gabe und das Gefühl des Malers. Als originell kann 
die Umrahmung des Tabernakels m't der Riesenmonstranz 
gelten. Die mit sehr beschränkter Palette hergestellten 
Bilder heben sich durch frische Töne warm und freund 
lich vom weißen Hintergründe ab. Durch geschickte 
Mischungen und überlegte Gegensätze hat der Künstler 
große Wirkungen erzielt. 
Ihrem Stil nach muß die Malerei gleich nach Fertig 
stellung des Rohbaues aufgebracht sein. Anscheinend im 
17. und 18. Jahrhundert wurden die Bilder überstrichen, 
wogegen die farbig behandelten Skulpturen am Taber 
nakel und Getvölbeschlußstein unberührt blieben. Die in 
mattrotem Tone gehaltene, mit schwarzen und gelben 
Krabben besetzte Quadereinfassung des Triumphbogens 
scheint späteren Datums zu sein. Im Jahre 1890 legte 
man die Wandmalereien, die von einer Überarbeitung 
freigeblieben sind, zum größten Teile wieder bloß, 
während das Gewölbe noch heute unter der Tünche liegt. 
Die Zusetzung des Triumphbogens erfolgte bei einem 
Neubau des Schiffes, bei welcher Gelegenheit der ehe 
malige Chorraum in eine Art Treppenhaus verwandelt 
wurde, das einerseits zu der an der Triumphbogenwand 
angebrachten Kanzel, andererseits durch eine in das 
Gewölbe eingeschlagene Öffnung in die Turmoberge 
schosse führt. 
è«- 
5elix Blangini, 
König Ièromes Generalmusikdirektor. 
Bott vr. Philipp Losch. 
(Fortsetzung.) 
Die Musiker des Königs, denen sich Blangini 
als Generalmusikdirektor vorstellte, bildeten eine 
stattliche Zahl von ettva 80 (?) Köpfen. Die meisten 
von ihnen verstanden fein Wort französisch, und 
Blangini verstand kein Wort deutsch. Die iuter- 
trationale Sprache der Musik mußte zur Verständi 
gung ausreichen. Die Orchestermitglieder waren, 
tvie erwähnt, aus ben verschiedensten Kapellen, 
namentlich der Kasseler und Braunschweiger ge 
kommen und es waren ausgezeichnete Künstler dar 
unter. Blangini erwähnt besonders K e l l e r G ), 
den Cellisten Fency und die berühinten Wald 
hornisten Gebr. S ch u n k e 6 7 ). Einen guten Ruf 
besaßen auch die Soloviolinisten M a r k m a n n , 
Fesca 8 ), Wiele 10 ), Georgis, der Oboist 
T h u r n e r 9 ) und der Fagottist G r a s b a u m. 
Als Direktor des Opernorchesters wirkte Legaye, 
früher in Braunschweig. 
6 ) Karl Keller, vortrefflicher Flötist', * 1784 zu Dessau, 
t 1855 zu Schaffhausen, war zuletzt Theaterkapellmeister 
in Donaueschingen. 
7 ) Michael (1780—1821) und Gottfried (1777—1840), 
Söhne eines Bäckermeisters in Schkortleben bei Weißen- 
sels. Auf gemeinsamen Konzertreisen errangen sie Welt 
ruf. Gottfrieds Sohn Ludwig * 1810 zu Kassel 's 1834 
zu Leipzig war der intimste Freund Rob. Schumanns 
und ein hochbegabter Pianist. 
8 ) Friedr. Ernst Fesca, * 1789 zu Magdeburg, 
f 1826 zu Karlsruhe als Konzertmeister. Kam aus 
Oldenburg nach Kassel. Komponist von Kammermusik 
werken. 
9 ) Friedr. Eugen Thurner, * 1785 zu Mömpelgard, 
f 1827 zu Amsterdam im Irrenhause. Kam aus Braun 
schweig nach Kassel. Machte zahlreiche Kunstreisen. Er 
war ein Better und Jugendfreund G. Dörings, der sein 
Leben und unglückliches Ende in der Leipz. Musikal. 
Zeitg. erzählt hat. 
10 ) I. Wiele, * 1759, f 1819 zu Kassel. Kam aus 
Oldenburg. Vater des späteren Kasseler Konzertmeisters 
Adolph W. (1793—1845). 
Auch die Oper verfügte über ein tüchtiges Per 
sonal, das aber zum Teil auch dem Schauspiel 
angehörte, so daß die kleinen Operetten und Vaude 
villes besser besetzt waren und gegeben wurden, 
als die eigentlichen großen Opern. Als erste 
Sängerin glänzte Madame D e l y s mit einer auch 
in der Höhe klaren und lieblichen Stimme. Auch 
die Kammersängerin Madame Schüler trat zu 
weilen im Theater auf, neben ihr Blanginis 
Schwester Felicità und Signora Taglioni, die 
Frau des 1. Tänzers, die auch eine gute Harfen 
spielerin war. Von den übrigen weiblichen Kräften 
seien noch Madame V i g n y, Madame A st r u c, 
Madame Theodore und Mademoiselle Klara 
genannt. Die ersten Liebhaber der Oper wechselten 
häufig. Der Tenorist Der ub elle war vorher 
einer der Sterne der Pariser Oper gewesen. Auch 
C o u s i e r und C o r b e t waren gute Tenoristen 
und bezogen wie der Baritonist C h o d o i r und 
der Bassist Bernard hohe Gagen. In der letzten 
Zeit war Mr. Theodore als Tenorist beliebt. 
Noch besser wie um die Oper stand es um das 
Ballett, für das keine Kosten gescheut wurden. An 
der Spitze stand der Ballettmeister Pierre A u - 
mer 11 * * ), der sich in der guten alten Schule der 
Tanzkunst zu Paris gebildet hatte und im Arran 
gement von Balletts, die mehr kleinen Komödien 
glichen, eine große Fertigkeit besaß. Erster Tänzer 
war Filippo Taglioni 1S ), der Vater der 
berühmten Maria Taglioni, mit einer Gage von 
n ) Später wieder an der Pariser Oper, wo er mit 
seinen Balletten große Erfolge hatte. U. a. arrangierte 
er die vielbewunderten Ballettdivertissements in der 
„Stummen von Portici" Scribe war mehrmals sein 
Mitarbeiter. Vgl. Orsncks Encycl. 4, 679. 
* 2 ) * 1777 zu Malland, f 1871 am Comersee. Seine 
Frau war eine Schwedin Marie Karsten. Ihre sämt 
lichen fünf Kinder widmeten sich der Tanzkunst.
	        

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