Full text: Hessenland (28.1914)

Hefsenland 
Hessisches Heimatsblatt 
Zeitschrift für hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde. Literatur und Kunst 
Nr. 18. 28. Jahrgang. Zweites September-Heft 1914. 
Die Verluste der Kasseler Galerie in den Jahren 1806 und 1807. 
Bon Georg Gronau. 
In Nummer 17 dieser Zeitschrift hat deren 
Herausgeber die Frage aufgegriffen, die seit Aus 
bruch des Krieges schon viele Kasselaner beschäftigt 
hat, ob sich jetzt nicht die Gelegenheit bieten könnte, 
die in den Jahren 1806 und 1807 in Verlust 
geratenen Bilder der Kasseler Galerie wieder zu 
rück zu gewinnen. 
Ich möchte in einer kurzen Erwiderung nicht 
diese Frage behandeln, zu deren juristischer Ent 
scheidung ich mich nicht zuständig glaube; vielmehr 
ist es meine Absicht nur, eine Reihe von Irr 
tümern richtig zu stellen, die sich in dem erwähnten 
Artikel ebenso finden, wie in allen älteren Auf 
sätzen, die sich mit dieser Angelegenheit befaßt 
haben, und damit übertriebenen Vorstellungen zu 
begegnen, die man sich von der Einbuße, die die 
Kasseler Galerie damals erlitten hat, macht. 
Die Kasseler Galerie hat 1807 eine sozusagen 
amtlich sanktionierte Beraubung erfahren. Es war 
die Auswahl, die Derton für das Musée Napoléon 
traf: diese Bilder (fast 300 an Zahl) sind mit 
wenigen Ausnahmen, für die zum Teil ein Ersatz 
geleistet wurde, zurückgeliefert worden und bilden 
den kostbarsten Bestandteil unserer jetzigen Galerie. 
Bon den hierbei verloren gegangenen Bildern, 
die der damalige Galerieinspektor Robert, dessen 
zuverlässiger Arbeit wir die sichersten Nachrichten 
zu danken haben, aufführt (siehe in dem genannten 
Aufsatz, Seite 258 erste Spalte oben), kann ich 
noch zwei nachweisen; ein großer Rubens, Abraham 
und Melchisedeck, ist im städtischen Museüm in 
Caen in der Normandie (Roberts Liste Nr. 1) und 
der unter Nummer 4 genannte P. Neefs ist über 
Malmaison in die Ermitage gekommen. Der Both 
war in Straßburg und ist wohl mit der dortigen 
Galerie 1870 zu Grunde gegangen; ob das Porträt 
von Ravesteyn noch in Toulouse ist, weiß ich nicht 
anzugeben. 
Sind also bei dieser Gelegenheit nennenswerte 
Verluste nicht zu verzeichnen, so steht es anders 
mit einer Beraubung, die jener amtlichen zuvor 
gegangen war: ich meine die Beschlagnahme der 
48 Bilder, die Wilhelm I. beim Herannahen der 
Franzosen hatte verpacken lassen, und die dem 
General Lagrange in die Hände fielen. Diese 
Bilder kamen nicht ins Musée Napoléon, sondern 
zu einem Teil nach Malmaison in den Besitz von 
Josephine, und ein Teil von diesen ist durch den 
in keiner Weise zu rechtfertigenden Ankauf seitens 
Alexanders I. nach Petersburg gelangt. Nur drei 
von diesen 48 Bildern haben die hessischen Bevoll 
mächtigten zurückerlangen können, natürlich die
	        

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