Full text: Hessenland (28.1914)

Heffenlarrd 
Hessisches Heimatsblatt 
Zeitschrift für hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde, Literatur und Kunst 
Rr. 2. 28. Jahrgang. Zweites Ianuar-Heft 1914. 
Moderner Bildersturm. 
„Aus Niederzwehren. Die Gemeindevertre 
tung beschloß eine Erweiterung der Kirche nach Süden 
hin, um die Zahl der Sitzplätze zu erhöhen. Der alte 
Wehrturm der Kirche soll m organische Verbindung mit 
dieser gebracht werden. Gleichzeitig wurde die Nieder 
legung der südlichen, mit Schießscharten versehenen starken 
Kirchhofsmauer beschlossen, um die Umgebung der Kirche 
„würdig zu gestalten". Das Projekt wurde von der 
Firma Eubell und Rieck in Kassel ausgearbeitet. Es 
bleibt abzuwarten, ob die zuständigen Behörden dazu 
ihre Zustimmung geben werden." 
Mit dieser Notiz suchte das „Hessenland" vor 
Jahresfrist (1913, Heft 1) die beteiligten Kreise 
auf das hinzuweisen, was sich im nahen Nieder 
zwehren vorbereitete. Ja, noch Größeres hatte 
man dort im Sinn. Der noch aus spätgotischer 
Zeit stammende alte Turm, nach Holtmeyer „einer 
der interessantesten und bedeutendsten kirchlichen 
Wehrbauten Hessens", sollte nicht nur in „orga 
nische Verbindung" mit der Kirche gebracht, son 
dern überhaupt vom Erdboden fortgesetzt werden, 
da eine andere Lösung, die Zahl der Sitzplätze zu 
erhöhen, offenbar nicht einfiel. Zum Glück lehnte 
der damalige Bezirkskonservator Professor von 
Drach die wiederholt nach dieser Richtung hin 
gemachten Anträge mit Entschiedenheit ab und 
stellte den Turm unter Denkmalschutz. Nun hielt 
man sich einigermaßen schadlos an der in Resten 
erhaltenen, noch Schießscharten aufweisenden Um 
wehrungsmauer, und nur durch das Eingreifen 
des Landrates ist wenigstens ein kleiner Teil dieser 
Mauer erhalten geblieben. Die Öffentlichkeit er 
fuhr dann wieder von dem Umbau der Nieder- 
zwehrener Kirche durch eine kleine Notiz, die 
kürzlich durch die Tagespresse lief. Es hieß darin, 
daß die gärtnerischen Anlagen, die um die Kirche 
geplant waren, unter die besondere Obhut unsres 
neuen Bezirkskonservators gestellt werden sollten. 
So beruhigend das klang — eine grausamere 
Ironie ist wohl selten im Lande zu Hessen zu 
Tage getreten. Denn dieselben Leute, die ein 
paar Büsche und Rasenplätze großmütig dem Wohl 
wollen des Heimatschutzes empfahlen, dieselben 
Leute hatten es inzwischen trotz wiederholten 
Vorhaltungen fertig gebrächt, die mittelalter 
lichen Wandgemälde im Innern des Turmes kalt 
lächelnd und ohne zwingenden Grund mit dem Ham 
mer herunter zu klopfen. Herr Metropolitan Ritter 
hat dadurch bewiesen, daß er der ihm anvertrauten 
Kirche und ihren Schätzen nicht mit demjenigen 
Kunstverständnis gegenüberstand, wie wir es heute 
im Zeitalter der Denkmalpflege auch von dem 
entlegensten Dorfpfarrer zu fordern berechtigt sind. 
Ach, hätte doch sein Vorgänger, Metropolitan Beß, 
diesen Kirchenumbau noch erlebt, der einst mit 
so heller und verständnisvoller Entdeckerfreude 
diese Gemälde unter dem Verputz hervorholte. 
Daß es sich wirklich um einen kostbaren Schatz 
handelte, der hier gehoben wurde, legte noch im 
selben Jahre 0890) Professor Hermann Knackfuß 
dar, der in der „Zeitschrift für christliche Kunst" 
diese Wandgemälde nach eigenhändigen Zeichnun 
gen veröffentlichte und beschrieb, sie der „höchsten
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.