Full text: Hessenland (28.1914)

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selbst, die Andacht vor dem, was ich noch nicht bin, 
was ich aber werden soll; das Emporfchauen, das Hin 
aufsteigen in die Göttlichkeit meiner selbst, die i n mir 
und doch über mir ist .. Immer und immer will ich 
so die Hände ins Licht heben und schon in meinem 
Erdenkleid im Himmel sein! 
„Verkläre mich, Vater!" — Ein schönes Wort. Das 
einzige, um das ein Mensch den Geist der Gott-Sonne 
bitten sollte. Es will sagen: „Mache meine Sinne ganz 
zur S e e l e, mein Ich ganz zum Wesen!" Und dieses 
ist die zweite Schöpfung, die Fortsetzung der Natur: 
das Himmelreich. 
«B» 
Wenn wir wieder zur wahren, ursprünglichen 
Christusgestall zurückgekommen nnd, so werden 
wir uns von selbst auch wieder zu Balor-Eiegfried und 
Wuotan heimfinden. Das ist meine feste Überzeugung! 
«B. 
Der Erde treu — und wurzelfest dein Stand; 
Doch Haupt und Herz den Sternen zugewandt! 
Kapellmeister Franz Beier f. 
Am 25. Juli 1914 starb in Kassel der erste 
Kapellmeister des Kasseler Hoftheaters, Professor der 
Musik vr. phil. Franz Beier. 28 lange Jahre 
hat der nun Verstorbene der Hofbühne seine treuen 
Dienste gewidmet, 13 Jahre als Chordirektor und 
zweiter Kapellmeister, 15 Jahre als erster Kapell 
meister. Sein frühzeitiger Tod, der nach einem 
langen, qualvollen Nierenleiden als wirklicher Er 
löser erschien, bedeutet nicht nur für das Hof 
theater, sondern für das gesamte Musikleben Kassels 
einen schweren Verlust. Denn Beier nahm unter 
den augenblicklich in Deutschland wirkenden Diri 
genten eine nicht zu unterschätzende Stelle ein, 
besonders als Wagnerdirigent. Die von ihm ge 
leiteten Aufführungen von „Tristan und Isolde", 
„Ring des Nibelungen", ,>Die Meistersinger" usw. 
waren allemal ein Festtag für die Theaterbesucher, 
und schon hatte Beier die ersten Proben zu 
„Parsifal" abgehalten, als sein Leiden, durch eine 
zweite Operation -nur für kürzere Zeit gelindert, 
sich so verschlimmerte, daß an ein weiteres Wirken 
des beliebten Kapellmeisters nicht mehr zu denken 
war. Aber nicht nur die Wagnerschen, auch alle 
anderen Opern, die Beier herausbrachte, wurden 
durch das treffliche Zusammenarbeiten des Diri 
genten und der Königlichen Kapelle des Hoftheaters 
zu musikalischen Musterleistungen. Selten hat es 
wohl einen Menschen gegeben, der jüngeren Kom 
ponisten und emporstrebenden Talenten mit gleichem 
Wohlwollen entgegengekommen wäre wie vr. Franz 
Beier. Dafür zeugen eine größere Anzahl ge 
lungener Uraufführungen in Kassel von Opern 
noch nie zu Worte gekommener Tondichter, die 
seitdem auf den Spielplänen mancher anderen 
Theater anzutreffen sind. Kurz sei nur an „Dorn 
röschen" von Weweler, „Die Bettlerin vom Pont 
des Arts" von Kaskel, „Hans der Fahnenträger" 
von Dippe u. a. erinnert. Aber nicht nur als Opern 
kapellmeister leistete Beier Ausgezeichnetes, er war 
auch ein gründlicher Kenner der absoluten Musik, 
weshalb die von ihm geleiteten „Abonnements 
konzerte" im Königlichen Hoftheater stets zu den 
musikalischen Ereignissen Kassels gehört haben. 
Denn Beier bot neben den klassischen Meister 
werken Haydns, Mozarts, Beethovens, Schuberts 
und Brahms' auch neuere große Jnstrumentalwerke 
von Max Reger, Richard Strauß, Max Schillings, 
Franz Mayerhoff u. a. Die ersten Gesangesgrößen 
und Jnstrumentalsolisten zog er zu diesen Konzerten 
heran. Das Musikleben Kassels förderte aber Beier 
- besonders noch durch glanzvolle Aufführungen von 
Riesenwerken wie Bachs 3-molI-Messe, Berlioz' 
„Fausts Verdammnis", Liszts „Legende von der 
heiligen Elisabeth", Beethovens „Neunte Sinfonie" 
usw., bei- denen er verschiedene Kasseler Vereine 
zu einem großen musikalischen Körper zusammen 
schmolz. 
Eine Oper seines früheren Vorgängers Louis 
Spohr „Die Kreuzfahrer" bearbeitete vr. Beier mit 
richtigem Verständnis neu, so daß sie, bei Gelegenheit 
des ersten in Kassel abgehaltenen Männergesang- 
Wettstreites 1899 im Hoftheater als Galavorstel 
lung aufgeführt, einen nachhaltigen Eindruck hinter 
ließ. Bei den Gesangswettstreiten wurde Vr. Beier 
vom Kaiser zum Mitglied des Preisrichterkollegiums' 
berufen. Als Komponist hat sich Beier mit einer 
1890 zu vielfacher Aufführung gelangten komischen 
Oper „Der Gaunerkönig" betätigt. Auch schrieb 
er die in Kassel 1888 zuerst aufgeführte Parodie 
„Der Posaunist von Speckingen". Zu Shake 
speares „Antonius und Kleopatra" komponierte 
Beier eine wirkungsvolle Musik und trat schrift 
stellerisch durch musikalische Aufsätze häusig her 
vor. Ebenfalls gehörte er der Kommission an, die 
auf Veranlassung des deutschen Kaisers das große 
, zweibändige „Volksliederbuch für Männerchor" 
(Leipzig, Peters) bearbeitete. 
Franz Beier wurde am 18. April 1857 in Berlin 
geboren. Bon seinem Vater, der Militärkapell 
meister beim Kaiser Franz-Regiment war, erbte 
er die musikalische Begabung. Nachdem er das 
! Kullacksche und Sternsche Konservatorium besucht, 
machte er seine Abiturientenprüfung und studierte 
dann an der Berliner und Rostocker Universität
        

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