Full text: Hessenland (28.1914)

í m¡L 13 SML. 
bündnissen zusammengeschlossene Kreis der treuen An 
hänger Follens, der „Unbedingten", war sehr klein, in 
Gießen wie in Jena, und Leo, der zu ihnen gehört hat, 
überschätzt seine Bedeutung und seinen Einfluß gar sehr. 
Jedenfalls ist der Einfluß dieser extremen Partei in 
Marburg gleich Null gewesen: wohl bestand Verkehr 
zwischen den beiden Universitäten Marburg und Gießen, 
aber zu Vilmars Zeit seit Sommer 1818 mehr mit der 
Partei der „Weißen" in Gießen, d. h. der konservativen 
Partei. Daß der den Follenschen Ideen nahestehende 
damalige Pfarrer Weidig 1819 für diesen in Mar 
burg Propaganda gemacht habe, ist nicht nachweisbar, 
wenn er auch persönliche Bekanntschaft mit Marburgern 
gemacht habe. — In manchen Beziehungen verwandt 
mit den Follenschen Gedanken war der damals sich aus 
breitende Liberalismus, der von der Einführung eines 
Repräsentativsystems alles Heil erwartete, Freiheit und 
Gleichheit aller Menschen forderte, und als alle seine 
auf Preußen gesetzten Hoffnungen schwanden, sich in 
zunehmender Unzufriedenheit mit dem herrschenden Ne 
gierungssystem äußerte. In merkwürdiger Verschmelzung 
mit derartigen Ideen stand die ihnen eigentlich wider 
sprechende, ebenfalls weitverbreitete Weltanschauung der 
Romantik, die in der Rückkehr zu den alten Tugenden 
der Väter, zu der vereinten Herrlichkeit des mittelalter 
lichen Kaisertums, in Erneuerung des religiösen Lebens 
das Ideal sah. Diese beiden widerstrebenden Elemente 
lagen in der Burschenschaft von Anfang an neben ein 
ander, bis ihr Widerstreit später die Burschenschaft zer 
riß. Beide Elemente finden sich auch in Marburg. Die 
Teutonia von 1816 war auf Freiheit und Gleichheit aller 
Studierenden aufgebaut. Sie verfiel aber in den Fehler, 
das historisch Gewordene beseitigen zu wollen, nament 
lich das hergebrachte studentische Duell tunlichst zu be 
seitigen, daran scheiterte sie. Die drei Landsmannschaften 
vereinigten sich zum Kampfe gegen die Teutonen und 
traten schließlich, von der unitarischen Idee angesteckt, 
selbst am 6. September 1817 zu einer Gegenbnrschenschaft 
zusammen. Der Einfluß des Wartburgfestes vom 18. 
Oktober 1817, ein Streit mit den Behörden bei Ge 
legenheit des Reformationsfestes am 31 Oktober führten 
zu einer allgemeinen Verbrüderung und zur Aufhebung 
beider Sonderorganisationen. Die in der Entstehung 
begriffene allgemeine Burschenschaft verbarg sich unter 
einer Lesegesellschaft. Am 18. Januar traten daun 
20 bis 30 Studenten zu einer anderen Verbindung 
Germania zusammen, die sich allmählich zu einer alle 
ehrenhaften Studenten umfassenden Burschenschaft er 
weitern sollte. Sie kehrte zum studentisch konservativen 
Standpunkte zurück. Von Beseitigung des Duells war 
keine Rede mehr, doch wurde es natürlich durch die 
Bestimmung eingeschränkt, daß die Vorsteher Streitig 
keiten der Mitglieder schlichten sollten. In diesen Kreis 
trat Vilmar alsbald hinein. Auf dem Renthofe wurde 
eifrig geturnt und „rappiert", am 18. Juni 1818 der 
Jahrestag der Schlacht vom „schönen Bunde" mit den 
Gießnern gemeinsam gefeiert. An der eigentlichen Bur 
schenschaft hatte Vilmar als Fuchs noch keinen Anteil, 
erst am 4. September 1818 wurde er rezipiert. 
Im Winter 1818/19 gestaltete sich das Leben be 
wegter. Der Abfall einer großen Zahl von Mit 
gliedern, die die alten Landsmannschaften erneuern 
wollte, setzte die Burschenschaft in Verwirrung. Vil 
mar blieb ihr treuer Anhänger und wurde bald zum 
Mitglied des Ausschusses und des Vorstandes der Bur 
schenschaft gewählt. Verlegenheiten bereitete der Burschen 
schaft, daß öfter die akademische Behörde von geplanten 
Duellen mit den Gegnern, sowie von geheimen Ver 
handlungen in der Burschenschaft Kenntnis erlangte, 
wie sich später herausstellte durch ein Vorstandsmitglied 
selbst. Da geriet man auf den Gedanken, den Vilmar 
offenbar selbst eifrig verfochten hat, die Burschenschaft 
zu einer „öffentlichen" zu machen. Man berief eine 
allgemeine Studentenversammlung auf den 11., dann 
auf den 14. und 16. Januar 1819. Trotz der Versuche 
der landsmannschaftlichen Partei, den Plan zu ver 
eiteln, kam dieser zur Ausführung. Am 16. Januar 
erfolgte die Stiftung einer neuen Germania und am 
17. unterschrieben 112 Studenten deren Verfassung. 
Aus dieser, sowie aus der von 1817'18 teilte der Vor 
tragende die wesentlichsten Teile kurz mit. 
Hopf faßt die „Öffentlichkeit" dieser Verbindung im 
gewöhnlichen Wortsinn auf davon aber kann keine 
Rede sein. Den Behörden und Dritten gegenüber sollte 
sie, wie die bisherige, geheim sein, wenn natürlich tat 
sächlich auch der Bestand selbst niemandem ein Geheim 
nis bleiben konnte. Öffentlich war die Verbindung nur 
insofern, als jeder ehrenhafte Student — auch ein 
Fuchs nach kurzer Probezeit — ohne weiteres aus 
Meldung Mitglied werden konnte. Sonach drang das 
liberale Prinzip der Gleichheit durch, aber im übrigen 
blieb alles im wesentlichen beim Alten. Die Farben 
schwarz-rot-weiß, der Wahlspruch „Gott, Freiheit, Vater 
land" blieben unverändert. Gleichzeitig schloß man sich 
der allgemeinen deutschen Burschenschaft, in der Berlin 
den Vorsitz führte, der man schon 1818 beigetreteu 
war, wieder an. Bei den nun folgenden Reibereien 
zwischen der Burschenschaft und der akademischen Be 
hörde tritt Vilmar wiederholt hervor, besonders aber 
seit er mit Beginn des Sommers 1819 dem Vorstände 
der ersteren angehörte. Am 15. Januar 1819 wurde er 
als Vorstand der Lesegesellschaft ermahnt, in dieser für- 
größere Ruhe zu sorgen. Im Mai suchte er wiederholt 
um Genehmigung zu einem Kommers nach, der anfan'gs 
nicht gestattet wurde. Unter den zahlreichen Studenten, 
die wegen verbotenen Fechtens auf dem Renthofe denun 
ziert wurden, befinden sich im Mai 1819 auch Vilmar 
und als sein Schicksalsgenosse Friedrich Scheffer, der 
_ spätere hessische Minister. Erregte das Verbot des 
„Rappierens" und des Singens auf der Straße die 
Studenten, so kam vollends die Erregung zum Aus 
bruche, als am 28. Juni 1819 der Prorektor heimlich 
in der Nacht durch die Pedellen die Turngeräte ent 
seruen ließ. Diese Maßregel war aus höhere Anweisung 
erfolgt, weil man das Turnen als eine „schädliche, 
Leben und Gesundheit gefährdende Übung" betrachtete. 
Nachdem der zur Abfassung rappierender Studenten 
auf dem Renthofe erschienene Pedell bereits verhöhnt 
war, wurden er und ein Wächter am Abend von einer 
Schar Studenten, die eins der „gestohlenen" Turnhölzer 
wieder geholt hatten, geprügelt und jenem auch die 
Fenster eingeworfen. Als der Senat darauf mit dem 
Verbot antwortete, nach 9 Uhr auszugehen, zog am 
29. Juni abends gegen *^10 Uhr die gesamte Burschen 
schaft in geschlossenem Zuge schweigend von Ockers 
hausen nach dem Marktplatze, sany dort ein Lied und 
ließ die Burschenschaft leben. Der ratlose Senat ließ 
einzelne Studenten, darunter auch Vilmar, der hervor 
ragend beteiligt war, verwarnen, verglich sich dann 
aber mit der von der Burschenschaft gewählten Depu 
tation dahin, daß das Fechten künftig unter Aufsicht 
von vier Studenten stattfinden dürfe. Das Verbot nach 
9 Uhr auszugehen wurde beseitigt. 
Am 10. Juli 1819 legte Vilmar sein Vorsteheramt 
nieder, nicht, wie Hopf meint, wegen Unstimmigkeiten, 
sondern weil die Verfassung es verlangte und Wiederwahl 
unzulässig war. Ob dann Vilmar, der sich nun wohl 
eifrig seinen nie vernachlässigten Studien ividmete, an
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.