Full text: Hessenland (28.1914)

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flüchtigen Buchstaben bekritzelt. Einzelne Blätter 
hatte er herausgerissen. Was er damals schrieb - 
das waren Verse, törichte Verse und Briese - Pax, 
der alte Korpsdiener, mußte sie immer besorgen. 
Donner nicht nochmal — da war doch irgendeine 
Erinnerung — aber er konnte sich nicht darauf 
besinnen - - 
Er blätterte in einem der dünnen Hefte. Hier 
und da auf den vergilbten Blättern standen die 
Namen von Kommilitonen und Freunden. Flüchtige 
Zeichnungen Spitznamen und Karikaturen. 
Die ganze alte Zeit war wieder vor ihm auf 
gestanden. Jene herrlichen, sorglosen Tage! Seine 
Jugend - sie trug ein rotschwarzgoldenes Band 
um die Brust und eine rote Mütze über der kecken 
Stirn. — 
„Johann Senger — “ Wer war das doch? Ach 
er erinnerte sich' Was mag wohl aus dem ge 
worden sein? Und hier - „Domlöckchen" 
Hier nochmal - - ganz vergessen! - 
Und da - wahrhaftig, das ist der Professor 
Wenck* Wie nannten sie ihn doch? „Perkeo - “ 
Nichtig. Was hatten sie den Alten als geärgert. 
Er lächelte in Gedanken an all' die Streiche, 
die sie damals vollführt. 
Und das 
„Wie wütend war ich, als mir Heinz Brettner 
das Tintenfaß über die Seite goß gerade über 
ein paar schmerzensselige Nenne f 
Tot! - Wie lange ist es her, daß er starb? — 
Wie flott war er — so jung hat der schon sterben 
müssen! “ 
Hier hatte er Zirkel an den Nand gezeichnet 
mit flotter Hand. Tiburtius lehnte sich im Stuhl 
zurück, seine Augen schweiften hinaus. Halblaut 
summte er das Lied vom „Wirtshaus an der 
Lahn “ vor sich hin. — Das Heft entglitt seiner 
Hand und fiel auf den Boden. Die Seilen blätterten 
um. - 
Er nahm es wieder auf. Da fiel sein Blick 
ans einen Namen, der quer über die Seite hin- 
gekritzelt war. 
„Sophie — “ Halbunbewußt formten seine Lippen 
den Namen. — — 
Ein heftiger Windstoß weht ganze Wolken Schnee 
gegen das Fenster - im Nebenzimmer zündet seine 
Frau den Tannenbaum an. 
Draußen in den Gassen pufften schon die ersten 
Schwärmer — aus den Kneipen scholl Lärm. 
„Sophie - “ Er lehnte sinnend den Kopf in 
die Hand und blickte lange hinaus. Die Augen 
wurden ihm feucht — eine Träne fiel auf das Heft 
in seiner Hand. Ein einziger heißer Tropfen 
Iugendträume — wo sind sie hin ? Versehnt — 
verloren. Es ist alles anders gekommen. 
Sophie! 
Gb sie mich vergessen hat - ob sie wohl glück 
lich ist? 
Nun kommt die Erinnerung wieder — Stück 
für Stück. Wie weiß er heute noch alles. 
Unten an der Lahn am alten Wirtshaus war 
es. - Eilig gehen die buntgekleideten, flinken 
Hesfenmädchen nach der Gisselberger Landstraße 
hinunter, die leeren Marktkörbe auf dem Kopfe. 
Am Hoftor steht der Wirtssohn — einen blühenden 
Lindenbüschel zwischen den Zähnen. Er wartet 
auf das Annlies vom Nauschenberger Müller, 
das in Giffelberg dient - die ist sein Schatz. 
Jetzt kommt sie schon, lustig wippen die vielen 
Nöcke. 
Drüben auf der andern Seite der Straße steht 
ein Student am Gartenzaun, das war Wilhelm 
Tiburtius. Nicht lange, so kam auch die Sophie 
- sie trug eine Bluse aus nelkenroter Seide — 
er erinnerte sich noch deutlich daran. Und dann 
gingen sie hinaus, durch die Felder nach Cappel 
— oder über die Brücke nach dem Hochgericht 
und zu den Hansenhäusern hinauf. — 
Er hatte die Sophie geliebt — heiß und leiden 
schaftlich — und dann machte er das Examen — 
ging fort von Marburg - und dann — ja, 
dann hat er sie vergessen. 
Einmal hat er noch durch seinen Freund von ihr 
gehört. Den langen Gervinus von den Philippinen 
hat sie geheiratet. Der war ihr damals schon 
nachgestiegen. Von ihm hatte Tiburtius auch die 
steile Guart abbekommen, die er ihm in seiner 
barbarischen Eifersucht hinaufgehauen. 
Und so ist die Zeit dahingegangen - sie hat 
alle Erinnerungen aufgezehrt, bis jetzt der Sohn 
in Marburg bei seiner alten Burschenschaft war 
und auch seine heiße, verschwiegene Burschenliebe 
hatte - und das alte Lied auf dem Lautenband 
trug. - - 
„Es steht ein Wirtshaus an der Lahn — " 
Mitternacht schlägt es von allen Türmen. 
Draußen ist ein Schreien und Toben, als sei 
die Hölle losgelassen, dazwischen prasseln die 
Schwärmer, leuchtet Rot- und Grünfeuer von den 
Balkons, knallen die „Frösche" auf den Bürger- 
steigen. 
Tiburtius hob fein Glas — hell schwebte der 
Klang durch das Zimmer. Er reichte seinem 
Jungen die Hand. „Habe sie lieb — und vergiß 
sie nicht, Deine Burschenflamme da unten in dem 
kleinen Hessenstädtchen. Wie heißt sie denn?" 
Nach einigem Zögern nannte der den Namen: 
„Clara Gervinus."
        

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