Full text: Hessenland (28.1914)

In München lernte er die Prinzessin M arie v. 
Hessen-Philippsthal kennen, eine gebo 
rene Baronesse Verghe von Trips, die von ihrem 
Gemahl, dem späteren berühmten Verteidiger von 
Gaeta Prinzen Ludwig von Hessen-Philippsthal 
einst in sehr romantischer Weise aus einem Kloster 
entführt worden war. Die liebenswürdige, fein- 
gebildete Prinzessin bezauberte den jungen Künstler 
dermaßen, daß er seine ganze freie Zeit bei ihr 
verlebte. Seine Schwärmerei brachte ihn sogar 
mit der Münchener Polizei in Kollision, als er 
eines Nachts der Prinzessin eine Serenade bringen 
wollte, und die Nachtwächter kein Verständnis 
für den ruhestörenden Lärm dieses Ständchens 
bezeigten. 
Die Prinzessin starb bald darauf nur 33 Jahr 
alt in München. Ihre einzige Tochter Ka'roline 
traf Blangini wenige Jahre später in Kassel als 
Dame àu ?alai8 der Königin Katharina wieder. 
Sie heiratete dort 1810 den Palastmarschall Grafen 
de la Ville sur Jllon, von dem sie sich aber 1814 
wieder scheiden ließ. Eine Zeit lang trieb sie sich 
in Italien mit dem-Leutnant Eggena aus Kassel 
herum. In Rom ging sie später eine zweite Ehe 
mit einem — Pianofortehändler ein und starb als 
Signora Angelini erst 1872 in einem dortigen 
Kloster. 
Blanginis Tätigkeit in München war nur von 
kurzer Dauer. Bald darauf ernannte ihn Napo 
leons Lieblingsschwester, die Prinzessin Pauline, 
Gemahlin des Fürsten Camillo Borghese, zu 
ihrem Konzertmeister. Fast drei Jahre lebte er 
mit ihr zusammen als unzertrennlicher Begleiter 
und erklärter Günstling meist in Nizza, dann in 
Turin und Paris. Hier lernte ihn Jérôme, 
der im November 1809 nach Paris kam, kennen 
und machte ihm das Anerbieten, ihm als Kapell 
meister und Generalmusikdirektor mit 12 000 Fr 
Gehalt und freier Wohnung nach Kassel zu folgen. 
Der 27 jährige Künstler zögerte nicht, den ehren 
vollen Ruf anzunehmen, umso mehr, als feine 
Stellung bei der Prinzessin Pauline namentlich 
durch die Eifersucht des Fürsten Borghese immer 
schwieriger geworden war. Die romanhafte Er 
zählung Oettingers, Blangini habe den König 
Jérôme bei einem -zärtlichen lête à Tête mit 
seiner Schwester Felicita überrascht und sei nur 
infolge dieser Überrumpelung mit seinem neuen 
Amte gewissermaßen abgefunden worden, ist wohl 
völlig aus der Luft gegriffen. Allerdings folgte 
auch Felicita Blangini ihrem Bruder nach 
Kassel, wo sie als Kammersängerin nicht nur durch 
ihre Stimme, sondern auch durch ihre reizende 
Erscheinung Aufsehen erregte. In Oettingers Ro 
man spielt sie eine große Rolle als Geliebte des 
Königs und seiner Günstlinge. Das mag aber 
ebenso aus der Phantasie des Verfassers geschöpft 
sein, wie die Behauptung, daß sie sich vergiftet 
habe. In Wirklichkeit wurde sie im Jahre 1813 
die Gemahlin des Hofbaudirektors Leo von 
K lenze, der seine große künstlerische Laufbahn 
in Kassel begannt und später als Architekt Lud 
wigs I. von Bayern zu Weltruf gelangte. Sie 
starb 20 Jahre vor ihrem Gatten am 9. November 
1844 zu München. 
Blangini machte die Reise nach Kassel in Be 
gleitung des seinerzeit berühmten Miniaturmalers 
A u b r y, der den König und seine Gemahlin in 
Kassel malen sollte. Nach der Ankunft meldete 
er sich sofort bei dem Baron de B o u ch e p o r n , 
den er bereits von Paris her gut kannte. Damals 
war dieser Herr Boucheporn nur ein kleiner Be 
amter bei der Lotterieverwaltung mit 1200 Fr 
Gehalt gewesen, jetzt hatte er sich als spezieller 
Landsmann Jerömes (er war ein geborener Korse) 
zum westfälischen Baron und Hofmarschall aufge 
schwungen. Seine Frau, eine geb. Tesportes, war 
Hofdame der Königin. Sehr freundlich wurde Blan 
gini auch von dem „Generalintendanten des Kgl. 
Hauses Laflöche" empfangen. Dessen Schwäge 
rin, die Gattin des Barons von Kendelstein, war 
sehr musikalisch und eine bemerkenswerte Schönheit. 
Lafleche selbst war ein solcher Liebhaber der Musik, 
daß er den Spitznamen il pazzo per la musica 
trug. * 5 ) Blangini erhielt von ihm eine reich aus 
gestattete Wohnung in einem der Krone gehörigen 
Hause angewiesen, das noch das Wappen des Kur 
fürsten von Hessen trug. 
-*) Vgl. Ph. Losch, Schönfeld S. 
5 ) Es gab damals am Kasseler Hofe drei Lafleches, 
deren vermandschaftliche Beziehungen zueinander nicht 
klar sind. Alle drei stammten aus Marseille, l. Jean 
George Konstantin L., der Generalintendant, wurde 1808 
zum Barou v. Keudelstein erhoben. Seine (Gemahlin 
Bianca Carrega aus Genua war die Geliebte Jérômes. 
2. Lazare L., Maréchal des logis du palais. Komponist 
der Oper Les Rivaux, die 1812 in Kassel gegeben wurde. 
8. Dessen Bruder Marseille L-, Maître des cérémonies. 
Gleichfalls Komponist von Opern, Kantaten und Liedern. 
Verheiratet mit Jennp Earrega, der Schwester der 
Baronin Keudelstein. Nach Fétis Musiklexikon hiest er 
J. A. Fléché, non de la Flèche. Gerber, Lex. d. Tonk. 
nennt ihn 3. A. Marseille de la Flèche. Tie beiden 
Schwestern Earrega verließen Kassel schon 18l2 in 
königlicher Ungnade. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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