Volltext: Hessenland (27.1913)

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mich in der Festlagsfrühe die Treppe hinunter- 
tastete meiner Hoffnung entgegen. Der Napf 
stand aufrecht und war gefüllt bis zum Rand. 
Glücklich trug ich ihn in die warme erleuchtete 
Küche, wo das Trinchen schon hantierte. Das 
tat einen lauten Schrei, als ich auf einmal hinter 
ihm stand. 
Auf dem blanken Küchentifche kramte ich meine 
Wunder aus. Das weiche Halstuch und die braunen 
Handschuhe flogen vorerst einmal über die Seite: 
denn darunter leuchtete ein Farbenkasten mit gelbem, 
blankpoliertem Deckel, darin man sich wie im 
Spiegel besehen konnte. Zitternd zog ich ihn auf. 
Ich glaubte, mir gehörte die Welt, als mir das 
frohe Farbenspiel entgegenlachte. Und ich nahm 
den Pinsel in die Hand und dachte, wenn das 
der Lorenz jetzt sehen könnte. 
Und das Trinchen stand hinter mir und sagte: 
„Gb wohl der Lorenz noch lebt?" 
Was ging mich im Augenblick das Sterben an, 
ich konnte und mochte daran nicht denken. Das 
Leben vor mir war doch so bunt, so schön, so 
lustig und voller Erfüllung. Das leckere Zucker 
gebäck, die rotwangigen Äpfel hielten meinen 
Sinn gefangen. 
Hundertmal nahm ich die Dinge in die Hand, 
betrachtete sie von allen Seilen und meinte, sie 
seien alle in Himmelsglanz getaucht. 
Zuletzt setzte sich das Trinchen zu mir, legte 
seinen Arm um meinen Nacken und freute sich 
mit mir. 
Auf einmal pochte es an die Haustür. Das 
Trinchen schloß auf. Ich lauschte, was da wäre. 
Unverstandene Worte klangen an mein Ghr, 
denen Schluchzen folgte. 
Die Mutter trat gerade aus der Kammer, als 
der Hannes durch den Gang zur Küche taumelte. 
„Gott sei Dank", sagte meine Mutter zu ihm, 
„mm hat er's überstanden." 
Als mich der Hannes sah und meinen Farben- 
Kasten, riß er mich in seine Arme und preßte 
mich ungestüm an seine Brust, daß ich einen 
großen Schrecket: bekam. Und er weinte wieder 
so laut wie gestern Abend. Von den Brettern 
und dem Farbekasten hätte der Lorenz in feiner 
letzten Stunde immerfort gesprochen. So oft ich 
meinen Farbekasten öffnete, meinte ich, der Lorenz 
müsse kommen und lachen. Und über das ganze 
Fest ging er wie ein trauriger Engel durch unser 
Haus. 
Die Mutter meinte, einen Kranz müsse doch 
der Lorenz von mir haben. Wenn ich es dem 
Hannes sagen wolle, daß er Buchsbaum auf dem 
Pfarrgarten hole, forge sie dafür. Am zweiten 
Festtage gingen wir hin. Unter dem Gfen taute 
das eiserstarrte Grün auf, und jedes Sträußchen 
reichte ich der Mutter. 
Einmal wollte ich doch den Lorenz noch sehen. 
Endlich erlaubte es die Mutter. Sie trug den 
Kranz und ich den Kringel samt dem Bilderbuche. 
Der Hannes hatte uns kommen sehen und 
öffnete die Tür. In der Ecke der kalten Diele 
stand der Sarg. 
Die Frau kam heulend aus der Küche, zwei 
kleinere Kinder am Rock und nahm dankend den 
Kranz ab. 
Schweigend hob Hannes den schwarzen Deckel. 
Aus weißem Kissen, das mit roten Schleifen 
bedeckt war, schaute ein fremdes, wachsbleiches 
Gesicht. Gefaltete Hände hielten einen Rosmarin 
zweig. 
War das der Lorenz? - 
Ich legte, als verstände es sich von selbst, Kringel 
und Buch in die Totenlade, und niemand sagte 
etwas. Nur dem Lorenz feine Mutter, die wandte 
sich ab und weinte. — 
So ost das Christkind kommt, denke ich des 
kleinen lieben Weggenossen der Jugendzeit, dessen 
Wunsch sich so ganz anders erfüllte, als er es sich 
geträumt. Und ich danke Gott, der mir Jahr 
für Jahr immer wieder den bunten Farbenkasten, 
Leben genannt, beschert. Je länger ich seine Farben 
betrachte, finde ich, daß sie um so schöner leuchten, 
wenn jenes Licht sie überstrahlt, das in Bethlehem 
seinen Aufgang nahm. 
Ein Strahl von diesem Lichte fällt dann immer 
auch auf den nun längst vergessenen füllen Rasen- 
hügel, darunter der Lorenz schläft. 
Die Liebe hob ihn in ein Wunderland. 
Die Liebe hob ihn in ein Wunderland 
Ich sah die Augen Dankgebete lächeln 
Und eine weiche, weiße Frauenhand 
Das Glück in seine harten Stunden fächeln. 
Der leere Raum» worin er hauste, stieg 
Ins Ungemessene, wie ein fürstlich Zimmer, 
Und jeder Wunsch und jede Klage schwieg 
In einem ungewohnten Freudenschimmer. — 
Ihn hob die Liebe in ein Wunderland, — 
Sie strich leis kosend über Sorgenfalten 
Doch einmal hat die weiße Frauenhand 
Ein letztes Lächeln zitternd festgehalten. 
München. 
Gustav Adolf Müller.
	        

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