Full text: Hessenland (27.1913)

über unsere Scheune hinweg in den Garten hin 
ein. Hart am Zaun lag dem Hannes sein Häuschen. 
Wenn ein Sternenlicht erlischt, hatte einmal meine 
Mutter gesagt, stürbe ein Menschenkind. Ich 
dachte an den Lorenz und lief erregt ins Haus. 
Die Mutter schnitt den Kuchen für das Gesinde 
und die Hirten. 
„Darf das der liebe Gott tun und auf Christ- 
tag ein Kind sterben lassen, Mutter?" 
„Junge, wie kommst du dazu, so zu fragen?" 
Ich berichtete meine Wahrnehmung. 
„Meinst du nicht, daß der liebe Gott da oben 
den Engeln auch einen Christbaum ansteckt?" 
„Ist der wohl schöner als der in unserer Kirche?" 
„Das glaub ich gewiß." 
„Gb wohl der Lorenz eben gestorben ist?" 
„Ach, Junge, was quälst du mich! Wir wollen 
wünschen, daß er noch lebt und bald wieder ge- 
fundet." 
„Wenn er aber nun auf Christtag stirbt?" 
„Dann hat er seinen Christbaum im Himmel." 
„Ja, aber mit wem soll er da Nüsse spielen, 
er kennt ja keinen Menschen?" 
Das Glockenzeichen zur Christvesper ersparte der 
Mutter die Antwort. 
„Geh, zieh dich an." 
Die nahe Kirche erhellte sich. Ihre hohen, 
schwarzen Fensterbogen füllten sich allmählich mit 
mildem Glanze. Jetzt blitzt es hinter dm blinden 
Scheibm auf, als ob eine unsichtbare Hand Sterne 
ausstreute. Nun flutet es in Fülle heraus, das 
lockende Licht und webt über den Schnee einen 
ftrahlmden Heiligenschein um die alte Kirche. 
Mein Vater nahm mich an die Hand. Aus 
allen Ecken und Enden kamen die Leute. Leise 
und feierlich tauchten die schwarzen Gestalten aus 
dem Dunkel auf und traten staunend ins Ge 
leucht. Am Kirchhof blieben sie stehen. Wenn 
sie miteinander sprachen, flüsterten sie, und jeder 
sagte, wie schön das doch fei mit dem Lichterbaum, 
davon habe man früher nichts gewußt und lobte 
den Pfarrer, der das eingeführt. 
Derweilen spähte ich nach all den Plätzen, 
dahin wir im Sommer unsere Freude trugen. 
Das Weihnachtslicht lächelte hinüber. Auch das 
verwitterte Steinkreuz, das letzte, das noch stand, 
sogar unser Höhlmhaus an der Mauer bekamm 
ihr Teil. 
Unter dem Zusammenläuten betratm wir das 
Gotteshaus. Wir Kinder saßen auf unserm ge 
wohnten Bänkm um dm Altar. Unsere Augen 
tranken Licht. Da fiel mein Blick auf einm leerm 
Platz. Ich dachte an Lormz und dm erloschenen 
Stern. 
Wir sangm vom Kindlein zart, von der Rose 
aus Iesse, von der stillen Nacht. Ich mußte 
immer nach dem leeren Platze sehen. Es fehlte 
eine Helle Stimme. 
Der Pfarrer trat unter den Baum. Seine 
Stimme klang heute so väterlich freundlich. Wir 
könnten uns freum, meinte er. Und der Lorenz 
war nicht dabei, sah keinen Schimmer von all 
der Herrlichkeit. 
Auf einmal gegen Schluß des Gebetes sprach 
er von einem lieben Jungen, der schwer krank 
damiederliege. Gott möge ihn genesen lassen als 
Weihnachtsgabe für seine Eltern, oder aber ihn 
lösen von dem Leid seiner Erdmheimat, damit 
er droben mitfeiern könne. 
Hier und da wurde ein Schluchzen laut. Einige 
Frauen fuhren sich über die Augen. Wir Kinder 
warteten mit Schmerzen auf die Hauptsache. 
Als der Schlußvers verklungen war, kam der 
Kantor von der Grgel herunter, und jedes Kind 
erhielt aus seiner Hand einen Zuckerkringel und 
ein buntes Buch mit Bildern und Versen vom 
Heiland. Ich muhte die Gabe für dm kranken 
Lorenz in Empfang nehmen. 
Nach der Kirche kamen das Trinchen und der 
lange Hannes in die Stube, ihre Geschmke zu 
holen. Jedes erhielt eine Rolle Leinwand, Wolle 
zu Strümpfen, ein großes Stück Kuchen, Äpfel 
und Nüsse, die Magd einen Rock und Schuhe, 
der Knecht Stiefel. 
Die Mutter fragte dm Hannes nach dem 
Kranken. Da fing der große Mann mitten in 
der Stube laut zu weinen an, daß er kein Wort 
hervorbringm konnte. Nie hatte ich einen Mann 
weinm sehen, Ich war der Meinung, ein Mann 
dürfe gar nicht weinen. Meine Kehle wurde mir 
heiß, und weil die Mutter und das Trinchen es 
dem Hannes nachmachten, wußte ich vor lauter 
Verlegenheit nicht, wohin ich sehen sollte und fiel 
auch mit ein. 
So gab es dmn am Heiligabend in unserer 
Stube ein lautes Klagelied. Was der Hannes 
nun erzählte, das war aber auch zum Weinm. 
Der Lorenz spräche dm ganzm Abend von 
nichts Anderm als von Brettem, die ihm das 
Christkind bringen solle. Ein Häuschen wolle er 
sich davon bauen, ein ganz kleines, und ich solle 
es anstreichen. 
Der Hannes und seine Frau hattm natürlich 
an dm Sarg gedacht. Ich wußte es besser, was 
er meinte, aber ich schwieg und hatte auch nicht 
dm Mut, dm Kringel samt dem Büchlein dem 
Hannes einzuhändigen. 
„Der Hannes ist zehn Jahre älter gewordm", 
sagte die Mutter, als er mit seinen sieben Sachen 
hinaus war. Es war noch tiefdunkel, als ich
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.