Full text: Hessenland (27.1913)

das Brennen der Fingernägel oder der Seiten mit 
Fackeln oder in Schwefel getauchten und angesteck 
ten Federn, das Betropfen mit brennendem Schwe 
fel, das Schnüren und Fitscheln mit dünnen Seilen 
an den Gelenken, bis die Haut abfiel, das Geißeln, 
Pressen an einzelnen Gliedmaßen und der Salz 
trunk, der den Untersuchungsgefangenen in ge 
heizter Zelle dem Verschmachten oder Wahnsinn 
nahe brachte. Von allen damals gebräuchlichen 
Foltergeräten bewahren hessische Museen so gut 
loie nichts auf. Auswärtige Museen, Burgen- und 
Stadtsammlungen enthalten noch genug solcher Ge 
genstände wie Winden, spanische Böcke, spanische 
Galgen, spanische Stiefel zum Pressen der Schien 
beine mit Keilen oder Schrauben, Daumenstöcke, 
durch deren Anwendung Nägel und ganze Finger- 
glieder abfielen, Birnen zuin Auseinanderpressen 
der Kiefer, Beile zum Abhacken einzelner Glied 
lieferung nach soll auch in dieser Folterkammer 
die eiserne Jungfrau gestanden haben, mit der das 
Verschwinden eines Adligen in Verbindung ge 
bracht wird. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß 
tatsächlich im Zwehrenturme eine solche Marter 
maschine wie die eiserne Jungfrau, die luir in einem 
Exemplar auf der Burg Nürnberg kennen, gestan 
den hat. Es ist bezeichnend, daß sich die alten 
Kasselaner ihre eiserne Jungfrau nicht nehmen 
lassen »vollen, man hat nur den Platz ge>vechselt. 
Nach dem Neubau des Zwehrenturms zum Obser 
vatorium hatte der Turin nichts Mittelalterliches 
mehr an sich, man verlegte deshalb den Standort 
der Jungfrau und die Folterkammer in das lange 
verschlossen gewesene Fuldarondel „die Fehme" 
Das Rondel hat aber nie zum Abhalten von Ge 
richt gedient oder als Gefängnis, es war der Was 
serturm des Schlosses. In dem hoher» Kuppelraum 
—V 
maßen, Beinschellen mit Zwischenbalken, Stachel 
ringe, Armschrauben, Folterkragen und Geißeln. 
An Grausamkeit steht allen diesen furchtbaren 
und raffiniert erdachten Werkzeugen die Kasse 
ler Folterbank nicht nach, die auf der Abbil 
dung vorn steht. Bis auf diesen Tag steht sie auf 
dem Boden des Museums am Friedrichsplatz. 
Hoffentlich kann sie im neuen Landesmuseum einein 
größeren Interessentenkreis zugänglich gemacht 
werden.*) Es ist anzunehmen, daß die Bank vordem 
im Zwehrenturm stand, der ja bis zu seiner Um 
wandlung zu einer Sternwarte mehrere Gefäng 
nisse enthielt. Nach einem wahrscheinlich von Du 
Ry stammenden Essai d’une description du Musée 
Fridericien enthält der Turm auch einen Raum, 
in dem die Tortur angewandt wurde. Der Über- 
*) Es wäre in der Tat wünschenswert, wenn die 
Kasseler Folterbank mitsamt dem Kasseler Richtstuhl dem 
staubigen Dachboden des alten Museums entrissen und 
im neuen Landesmuseum als letzter Rest dieser grau 
samen Zeit aufbewahrt würde. Die Redaktion. 
befand sich ein Brunnenschacht für Sickerwasser aus 
der Fulda. Wenn man also das Rondel seines 
Geheimnisses entkleidet hat, bleibt es trotzdem noch 
hochinteressant. Doch das nur nebenbei. Der 
Zwehrenturm war als stinkendes und unflätiges 
Gefängnis übel berüchtigt und gefürchtet. Gar 
mancher, der hinein gebracht werden sollte, zog es 
vor, sich auf dem Transport nach dort aus dem 
Staube zu machen. Betrachten wir nur: die Folter 
bank näher, so sehen wir, wie gut erdacht sie in 
allen einzelnen Teilen ist. War der Untersuchungs 
gefangene daraus gelegt, so wurden über seinen 
Hals, über die Oberbeine und die Kniekehlen ent 
sprechend geformte hölzerne Bögen geklappt und 
mit Pflöcken festgemacht. Für die Füße und den 
Kopf sind besondere Ausbuchtungen vorgesehen. 
Die Arme wurden durch zrvei uach unten gehende 
Blechröhren festgehalten. Auf diese Weise konnte 
sich der Unglückliche kaum bewegen, um seine 
Schmerzen kundzutun. Als Zubehörteil der Fol 
terbank liegt dabei eine hölzerne, innen hohle 
Welle, dicht mit kurzen eisernen Stacheln besetzt,
	        

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