Volltext: Hessenland (27.1913)

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vorgestrigen Sonntage vom Tode ereilt. Wer den rüstigen 
Mann die Jahre hindurch bei jedem Wetter den weiten 
zur Universität hatte radeln sehen, hätte sicher nicht an 
dieses rasche Ende geglaubt. Die Beisetzung des Ver 
storbenen erfolgte in Kassel. Hellwig war übrigens ein 
Kasseler Schulkamerad des Kaisers, der sich wiederholt 
von ihm Vorträge im Justizministerium halten lies;. 
Am 11. September verschied zu Fulda der Justizrat 
Rudolf Gegenbaur im Alter von 55 Jahren, 
nachdem er wenige Tage zuvor noch in der Stadt 
verordnetensitzung das sogenannte „Verschandlungsgesetz" 
durchgedrückt hatte. Er war der Sohn des bekannten 
Geschichtsforschers und Professors Joseph Gegenbaur, 
studierte nach Besuch des Fuldaer Gymnasiums in Münster 
und Berlin und ließ sich später in seiner Vaterstadt als 
Rechtsanwalt nieder. 1905 
wurde er zum Justizrat er 
nannt. Seit 1889 war er 
Mitglied der städtischen Kör 
perschaften, seit 1902 Stadt 
verordnetenvorsteher. 
Nach langem Krankenlager 
verschied am 23. August der 
Kgl. Kommissionsrat, Univer- 
sitäts- und Verlagsbuchhändler 
Wilhelm Braun, eine der 
bekanntesten Persönlichkeiten 
Marburgs und weit darüber 
hinaus bekannt, geachtet und 
geehrt, hatte doch sein Name 
und der seiner Firma, der 
N. G. Elwertschen Uni- 
versitäts-undVerlags- 
buchhandlung guten Klang 
im ganzep deutschen Buch 
handel. Geboren zu Reutlingen 
am 29. Mai 1842, wurde er 
1873 nach dem Tode seines 
Onkels N. G. Elwert Inhaber 
der N. G. Elwertschen Univer 
sitätsbuchhandlung nebst Buch 
druckerei, während der Verlag 
von ihm gemeinschaftlich mit 
seinem Schwager Carl Theile 
übernommen wurde. Am 18. 
Januar 1883 wurde er Allein 
inhaber der Firma, nachdem 
sein Schwager bereits 1878 
gestorben und die Buchdruckerei 
verkauft worden war. So sind 
es fast 40 Jahre, daß Braun 
die bedeutende Firma allein zu leiten hatte. In dieser 
Zeit wurde sie von ihm aus einem kleinen Provinzial- 
Sortiment zu einer weltbekannten Buchhandlung empor 
entwickelt. Besondere Pflege widmete er dem Verlag, in 
dem Werke von weittragender Bedeutung erschienen sind. 
Aus dem stattlichen Verlagskatalog seien nur einige 
Werke genannt: vor allem Könneckes Bilderatlas zur 
Geschichte der deutschen Nationalliteratur, das Lehrbuch 
des bürgerlichen Rechts von Enneccerus, Kipp und Wolfs, 
Claus-Grobben, Lehrbuch der Zoologie, u. a. Vilmars 
Nationalliteratur ist mit dem Namen Elwert eng ver 
knüpft. Neben vielen Werken, die Braun von bedeuten 
den Schriftstellern anvertraut wurden und die ihm zwar 
Ehre, aber oft recht wenig Gewinn einbrachten, verlegte 
er seit 25 Jahren die vom Geh. Rat Viktor heraus 
gegebene Zeitschrift „Die neuen Sprachen", die auf ihrem 
Gebiete grundlegend wurde. Seit 13 Jahren erscheint 
ferner die Zeitschrift „Teutsch-Evangelisch im Auslande" 
Università- und Verlagsbuchhändler 
Kominissionsrat Wilhelm Braun in Marburg f. 
in seinem Verlage. Besonders aber widmete er sich dem 
hessischen Verlag, in dem die N. G. Elwertsche 
Verlagsbuchhandlung heute unbestritten die erste Stelle 
einnimmt. Publikationen wie die Bau- und Kunstdenk 
mäler des Regierungsbezirks Kassels, Bickells hessische 
Holzbauten, Justis hessisches Trachtenbuch, Veröffent 
lichungen der Historischen Kommission für Hessen und 
Waldeck, Hehlers hessische Landes- und Volkskunde, Holt- 
meyers Alt-Hessen sind meist vorbildlich für andere 
Landesteile Deutschlands geworden. Der zunehmende 
Umfang des Geschäfts machte wiederholt eine räumliche 
Ausdehnung notwendig, so daß das angrenzende Haus 
Reitgasse 9 von Braun hinzuerworben und an Stelle 
des alten Druckereigebäudes am Pilgrimstein ein Neubau 
mit größeren Lagerräumen für Verlag und Antiquariat 
errichtet werden mußte. Seit 
langen Jahren stand ihm sein 
Sohn, Hofbuchhändler Gottlieb 
Braun, in der Leitung des 
Geschäftes zur Seite. Wenn 
der Verstorbene auch ganz in 
seinem Berufe aufging, so fand 
er doch Zeit, sich auch städtischen 
Angelegenheiten zu widmen. 
Als Mitglied des Magistrats 
hat er lange Jahre gewirkt 
und sich als Armenpfleger und 
Mitglied zahlreicher Kommis 
sionen vielfache Verdienste er 
worben. Für den Akademischen 
Konzertverein, für den Deut 
schen Schulverein usw. war er 
ebenfalls erfolgreich tätig. 
Persönlich schlicht und einfach, 
von größter Bedürfnislosigkeit, 
war er das Bild eines Buch 
händlers vom alten Schlag. 
Sich nur selten Erholung und 
Ruhe gönnend, lebte er ganz 
seinem Berufe. Im April 
dieses Jahres wurde er von 
einer tückischen Krankheit be 
fallen, die ihn monatelang 
an das Krankenbett fesselte. 
Fast genesen, suchte er Er 
holung in Bad Soden, wo 
er leider einen Rückfall erlitt, 
dem seine unverwüstlich er 
scheinende Natur erliegen sollte. 
Er ruhe in Frieden! 
F. 
Der am 3. August im 61. Lebensjahre zu Kassel ver 
schiedene Rentier K. Rudolph ist, so sehr ein Hervortreten 
in der Öffentlichkeit seinem Wesen fremd war, doch im Laufe 
der Zeit durch sein lebhaftes Interesse für die kurhessische 
Vergangenheit und durch die umfangreichen Samm 
lungen, die er aus diesem Interesse heraus angelegt 
hatte, über den Kreis seiner persönlichen Freunde hinaus 
vielen Verehrern der hessischen Geschichte und Heimats 
kunde bekannt geworden. Für manchen Leser dieser Zeit 
schrift wird es deshalb von Interesse sein, einiges über 
die Lebensumstände dieses treuen Sohnes seiner hessischen 
Heimat zu erfahren. Konstantin Rudolph entstammte 
einer niederhessischen Familie, die in der ersten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts nach Kassel übergesiedelt war 
und deren in Hessen ansässig gebliebener Zweig mit 
dem Verstorbenen erlischt. Er war als Sohn eines kur- 
hessischen Juristen, des Oberfinanzkammer-Sekretärs 
Theodor Emil Rudolph und dessen Gattin Betty geb.
	        

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