Volltext: Hessenland (27.1913)

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bürg blieb Ruine und gab zwei Menschenaller 
später die Steine zum Bau der neuen Ge 
mäldegalerie her. Unter seinem Sohne und 
Nachfolger Kurfürst Wilhelm II.» dem Schwager 
König Friedrich Wilhelms HI. von Preußen, 
hatte die Kasseler Residenz wenig Erfreu 
liches zu erleben, und Hessens letzten Kur 
fürsten Friedrich Wilhelm I. zwangen die Er 
eignisse des Jahres 1866, sein Land für immer 
zn verlassen, das nunmehr als Teil der Pro 
vinz Hessen-Nassau dem Königreich Preußen 
einverleibt wurde. 
Fragen wir nun, was Kassel dem Einheimi 
schen und Fremden bietet, so ist es neben der 
unvergleichlichen Umgebung, den verschiedenen 
Hochwaldparks, der Galerie, dem Hofiheater, 
dem der Kaiser sein besonderes Interesse widmet, 
sowie den übrigen Kunst- und wissenschaftlichen 
Instituten nicht zuletzt die Altstadt mit ihren be 
häbigen, in noch unverdorbener Hessenart errich 
teten Bürgerhäusern, die in dieser Einheitlich 
keit nur noch wenige Städte aufweisen können 
und die schon der vielgereiste Merian pries. 
Seitdem entstand seit der Hugenottenzeit über 
Barock. Rokoko und Biedermeier so manches 
beachtenswerte Bauwerk bis zu den: wuchtigen 
neuen Rathaus, in dem städtische Selbst 
herrlichkeit eine sichtbare Verkörperung ge 
funden hat. 
Die nun tausendjährige Fuldastadt, in der 
ein Philipp der Großmütige mannhaft zum 
Schwerte griff, in der ein Papin die ersten 
bahnbrechenden Versuche mit der Dampf 
maschine und Goethe nebst dem Anatomen 
Sömmering Anno 1783 mit dem Luftballon 
anstellte, in der die von eben diesem Goethe 
besungene Mara, die größte Sängerin ihres 
Jahrhunderts, geboren wurde und Johannes 
von Müller starb und begraben liegt, in der 
Ernst Koch, der spätere Fremdenlegionär, 
seinen unvergänglichen „Prinz Rosa Stramin" 
dichtete, in der Louis Spohr wirkte und kompo 
nierte und die Brüder Grimm ihre Märchen 
schrieben — dieses Kassel hat, wie diese wenigen 
Hinweise verraten, auch noch andere als bau 
liche Erinnerungen. 
In den letzten Jahren hat die Residenz 
einen Auffchwung genommen, der demjenigen 
anderer gleichgearteter Großstädte unbedenk 
lich zur Seite gestellt werden kann. Ungeachtet 
seiner Einwohnerzahl ist Kassel aber doch keine 
Großstadt im eigentlichen Sinne. Frei von 
Ruß und Rauch bietet es noch immer dem, 
der seine Zelte nicht gerade an den Haupt 
adern des flutenden Verkehrs aufschlägt, eine 
Stätte der Ruhe und des Behagens. Daß 
Kassel zu den schönsten Städten des Deutschen 
Reiches gehört, ist überall zu lesen; der Ein 
gesessene kann sich also darauf beschränken, 
dieses Lob seiner Vaterstadt den Fremdling 
künden zu lassen. Jahrhundert um Jahr 
hundert wurde es von einsichtvollen und fein 
sinnigen Baukünstlern nach einheitlichenPlänen 
angelegt, und Aufgabe der Gegenwart bleibt 
es, das organisch geschaffene Städtebild - mehr, 
als es leider in den letztön Fahren der Fall 
war — vor den brandenden Wogen der nivel 
lierenden Neuzeit zu schützen. 
Die alte Stadt ist noch guter Hoffnung — 
der Hoffnung auf ein großes internationales 
Wellbad. Droben am Habichtswald, am Fuße 
der Wilhelmshöhe, die bisher neben ihrer 
Eigenschaft als kaiserliche Sömmerresidenz nur 
den berechtigten Anspruch machte, als Luft 
kurort zu gelten, ist man seit fast einem Jahr 
zehnt mit großen Mitteln daran, eine kohlen- 
saureKochsalzquelle zu erbohren. Nach mehreren 
Bohrungen an verschiedenen Stellen ist man 
in diesem Sommer bis etwa 750 Meter Tiefe 
gelangt. Sobald der erwünschte Erfolg erreicht 
ist — die Sole erfreut sich der günstigsten 
Gutachten geologischer Autoritäten —, soll 
sofort mit der Errichtung eines Solbades mit 
Kuranlagen begonnen werden. 
Wer also in den festlichen Septemberlagen 
dem Rufe: „Ab nach Kassel!" Folge leistet, 
wird sich innerhalb wie außerhalb des Kasseler 
Weichbildes — es sei nur noch an die auf 
strebenden Gartenstädte rings um die Stadt 
erinnert — bald davon überzeugen können, 
daß die tausendjährige Chassalla auch der neu 
zeitlichen Entwicklung Rechnung zu tragen weiß.
	        

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