Full text: Hessenland (27.1913)

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Schon Jahr um Jahr hat der steinerne Roland 
am Gasthaus zum Schwan einen neuen König an 
sich vorüberziehen sehen. Es ist, als wenn jedes 
mal an solchem Tage ein sonniges Lächeln über 
sein Steingesicht husche. Freut er sich über die 
Enkel, die Sitte und Brauch der Ahnen nicht in 
der hastenden, modernen Zeit untergehen lassen? — 
Erloschen ist der Festtrubel auf dem Griesgraben. 
Hinweggeweht sind Leben und Lust, Lachen und 
Scherzetz. Nur über die Wipfel der Linden läuft 
noch ein letztes Zucken und Lohen. Aber rings 
um im reifenden Ährenfelde hebt ein Raunen und 
Flüstern an. Die vom Segen gebogenen Ähren 
halme sind es, die wehmütig Zwiesprache hallen 
vom nahenden todbringenden Ernteschnitt. Sie 
erzählen von blitzenden Sensen und Sicheln und 
nervigen Fäusten. Und daran mangelt es den 
Wanfriedern auch nicht . . . 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer Geschichtsverein. In der 
gut besuchten Generalversammlung des Mar- 
burger Zweigvereins am 16. Juli erstattete der 
Vorsitzende, Archivrat vr. Rosen selb, den Be» 
richt über das abgelaufene Geschäftsjahr. Eine er» 
sreuliche Vermehrung der Mitgliederzahl war fest 
zustellen. Der Vorsitzende gab sodann einen lurzen 
Rückblick auf die Ereignisse im Vereinsleben seit der 
vorjährigen Mitgliederversammlung in Schmalkalden, 
aus die Vortragsabende und Ausflüge und forderte 
zum Besuch der diesjährigen Mitgliederversammlung 
auf, die vom 7. bis 9. August in Homberg a. d. Efze 
tagen wird. In Vertretung des abwesenden Kon- 
servatorS berichtete der Vorsitzende ferner über die 
Neuerwerbungen für die Altertümersammlung, über 
den Besuch der Sammlung, sowie über ihre Be 
nutzung für kunstgewerbliche und wissenschaftliche 
Zwecke. Besonderes Interesse erregten die Mit- 
teilungen über die in dem abgelaufenen Geschäfts 
jahre endgültig erledigte Teilung der Sammlung, bzw. 
den Austausch mit Kassel. Unter dem 19. Februar d. I. 
ist der gegenseitige Leihvertrag zwischen dem Kasseler 
Landesmuseum und dem Verein vom Kultusmini 
sterium genehmigt worden. Demgemäß ist die Ab 
gabe der aus der Vereinssammlung als Leihgabe 
dem Museum zu überweisenden Stücke Anfang April 
erfolgt, die Leistung der Gegengabe wurde mit Rück 
sicht auf die großen, für die Einrichtung des neuen 
Museums in Kassel erforderlichen Arbeiten in beider 
seitigem Einverständnis noch verschoben. Bisher ist 
nur ein großer Barockschrank aus dem Anfang des 
18. Jahrhunderts hier eingetroffen; doch konnte auch 
eine vorläufige Auswahl aus den vom Museum zur 
Verfügung gestellten Sachen in Kassel durch die 
Vertreter des Marburger Vereins vorgenommen 
werden. Noch nicht berücksichtigt wurden dabei die 
Prähistorie und die Münzabteilung; ausgesucht wurden 
Proben von Porzellan. Fayence und Steingut der ver 
schiedenen hessischen Fabrikorte, Gläser, Schnitzereien 
in Bernstein, Elfenbein. Achat. Buchsbaum usw., 
auch Waffen und Möbel. Gewiß ist dieses noch kein 
gleichwertiger Ersatz für die von dem Verein ge 
brachten Opfer, weder an materiellem noch an künst. 
lerischem Wert, andererseits ist nicht zu leugnen, 
daß die nach Kassel abgegebenen Stücke dort vielfach 
zu befferer Geltung kommen werden, und für die 
Vereinssammlung wird ein größerer Gegenwert in 
dem dauernden Austauschverhältnis zum Kasieler 
Museum liegen. Durch die bevorstehenden Zugänge 
aus Kassel wird auch für Gebiete, die hier bisher 
gar nicht oder für Studienzwecke ganz unzulänglich 
vertreten waren, doch so erhebliches Material der 
Marburger Sammlung zugeführt, daß ste wirklich 
nun den Grundstock für ein zweites hessisches 
Museum bilden kann. Die beträchtliche Ver 
mehrung, die ihr infolge des Abkommens mit Kassel 
nun bevorsteht, läßt auch das Bedürfnis nach zweck 
mäßigeren Räumen wieder stärker hervortreten, 
daher ist es erfreulich, daß durch den Beschluß der 
Stadtverordneten vom 19. Mai d. I. 30 000 Jt> 
als Grundstock für einen Museucksbau bewilligt 
worden find. Da außerdem die Gelder des Alter 
tums» nnd Kunstvereins für diesen Zweck zur Ver 
fügung stehen, so ist das Ziel einer Museumsbaues 
der Verwirklichung nahe gerückt. — Sodann er 
stattete der Schatzmeister, Landgerichtsrat Heer, 
den Kassenbericht und legte den Voranschlag für das 
nächste Jahr vor; nach Bericht der Revisoren über 
die Prüfung der Rechnung wurde Entlastung er 
teilt und der Voranschlag genehmigt. — Die Mit 
glieder deS Vorstandes und des Redaktionsaus- 
schuffeS wurden auf Antrag aus der Versammlung 
durch Zuruf von neuem gewählt; der Vorstand 
besteht aus den Herren- Rofenfeld, Wenck, Heer 
und Giebel, die von Marburg zu wählenden Mit 
glieder des RedaktionsausschuffeS find: Schröder- 
Göttingen und Wenck. — Es folgte der angekündigte 
Vortrag von Archivrat vr. Rofenfeld: Land 
graf Friedrichll. von Hessen-Kassel und 
d i e H e r r e n h u t e r. In die kolonisatorischen Be 
strebungen dieses Landgrafen gehört auch ein Versuch, 
eine Herrenhuter Niederlassung nach Kassel zu ziehen; 
der Gedanke dazu scheint durch einen Besuch Fried 
richs in Neuwied 1781 angeregt zu sein, wo sich 
seit 1750 eine, damals in schönster Blüte stehende 
Brüderkolonie befand. Besonderes Interesse erregt
	        

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