Full text: Hessenland (27.1913)

vsöL. 254 
Ein bunt Gewirr marschlustiger, musikliebender 
Schuljungen, durch deren Adern schon ein Tröpf- 
lein Iägerblut ungestüm pocht und jagt, beschließt 
hüpfend und jubelnd den Zug. Schon sind die 
Schützen auf dem Scheibenstande angekommen. 
Furchtlos steigt der Riesenvogel an der Stange 
empor. Weithin leuchten seine gold- und silber 
bronzierten Flügelfedern, die kunstvoll geschnitzten 
Kronen» Reichsapfel und Zepter. 
Der erste Schuß fällt. Das ist das Eröffnungs 
zeichen des Festes. Wie ein Heller, sieghafter Jodler 
hallt der Ton durch das Tal, bis er im fernen 
Waldgeflüster stirbt. Und nun beginnt die kunst 
gerechte Tranchierung des Doppeladlers. 9n ganz 
bestimmter Reihenordnung fallen Fähnchen, Krone, 
Reichsapfel, Zepter, Flügel und Schwanz den 
saufenden Kugeln zum Opfer. Mit dem Herunter 
schießen einer dieser Trophäen wird dem glücklichen 
Schützen ein Geldbetrag zuerkannt. 
Unterdessen hat sich abseits auf dem Festplatz» 
dessen Umrahmung aus vielfitzigen Wirtszelten be 
steht, ein fröhliches Treiben entwickelt. Auf zwei 
Angern dreht sich nach den Weisen der Kapelle 
die tanzlustige Jugend. Wahre Jünger Terpsichores 
führen elegant ihre Kunst aus, aber auch Ängst 
liche, Ungeschicktere mischen sich schüchtern dazwischen. 
Wer für weniges Geld einen einzigen Tunnel 
dutzendmal durchfahren will, der steige in das 
nebenstehende Karusfel, in dessen Glas- und Pgr- 
lenbehang der Dachrundung die Sonne goldene 
Maschen webt. Allerlei andere Buden laden auf 
dringlich zum Besuche ein. Das find die modernen 
Szyllas und Charybdis eines jeden Festes, denen 
selten einer ungerupst entrinnt. Nebenan hockt 
unter niedrigem Leinendache ein verrunzeltes Zucker 
weiblein. Ihr Häuslein gleicht ganz der Honig- 
kuchenhütte im Märchen von Hänsel und Gretel. 
Flammendrote Zuckerherzen liegen zu Bergen auf 
geschichtet auf dem Tische. Das ist die begehr- 
teste Ware des Festes. Je schöner und feuriger 
der Spruch darauf, desto reißender ist der Absatz 
der Liebesherzen. 
Froh blickt die Alte in das vorübertreibende 
Menschengewühl, denn ihre Lederlasche füllt sich von 
Stunde zu Stunde, und den grauen Sorgenlagen 
ist für längere Zeit der Besuch verwehrt. Hin und 
wieder wirst sie einen Blick auf die Tanzenden. 
Da taucht aus ihrer Erinnerung eine schlanke, 
blonde, lebensprühende Mädchengestalt auf. Die 
Augen glühen wie helle Frühlingsblüten, Blumen 
hängen im vollen Haare, frisches Kriftallachen 
quillt aus den roten Mädchenlippen. Die ganze 
Erscheinung scheint die verkörperte Anmut, ihr 
Gehen ein Tanzen auf blumigen Beeten zu sein. 
War sie es selbst? „Aus der Jugendzeit, aus 
der Jugendzeit “ 
Höher schlagen die Wogen der Freude und der 
Lust über den Festplatz, lauter klingt das Lachen und 
Jubeln der Feiernden, schmelzender und lockender 
umfließen die Melodien die Reihen der Tanzenden. 
Über alles Leben aber breiten wie ein einziger grüner 
Riesensonnenschirm uralte Linden ihre Kronen aus. 
Langsam sinkt der Sonnenball, und die Nacht 
schreitet lautlos über das Werratal. Aber dort 
stirbt das frohe Vogelschießenleben nicht. Heute 
wandelt keiner in den ausgetretenen Fußtapfen 
des Alltags. Heute ist unser Vogelschießen! Wie 
ein Stück aus einem uralten deutschen Märchen 
mutet das festliche Treiben den an, der es des 
Abends aus einiger Entfernung betrachtet. Dann 
ist der grüne Riesenfonnenschirm zum mächtigen 
Pilzhute geworden. Die bunten Lampions um 
schwirren und beleuchten ihn wie leuchtende, tanzende 
Johanniswürmchen. Wie Geistermusik klingt es 
scheu herüber. Und unter dem Pilzdache tanzen 
und Hüpfen den Werrafluten entstiegene Nixen 
ihre Ringelreihen. 
Das ist rechter Wanfrieder Vogelschießenzauber, 
der nie stirbt. 
Der zweite Vogelschießentag gleicht dem ersten, 
wie ein Bruder dem anderen. Und auch der dritte 
hat ein fast gleiches Gesicht. Nur daß die Fremden 
fast ganz verschwunden sind. Aber das ist kein 
Fehler; denn erst jetzt ist es ganz unser Fest. 
Wie aber sieht der stolze Doppeladler aus? 
Zerfetzt, zerhackt, zerrissen, so klebt er, ein Bild 
des Jammers, an seinem lustigen Horste. Aus 
dem stattlichen Königsvogel ist ein einziger form 
loser Holzklotz geworden. Doch ist es das beste 
Zeugnis für die Kunst der Schützen. 
Erft am nächsten Sonntag wird die Königs 
würde neu verliehen. Wer den Vogelrumpf ab- 
schießt, wird zum König gekrönt. Mit dem Fallen 
des Rumpfes ist der glückliche Schütze im Verein 
Träger der Königswürde fürs ganze kommende 
Jahr. Mit seinem letzten Schuß hallt es trium 
phierend über Tal und Fluß . „Der König ist tot, 
es lebe der König!" 
Neue Würde, neue Bürde. Und die neue Bürde 
des neuen Königs besteht zunächst im Tragen der 
schweren Königskette, die ihm feierlichst überreicht 
wird. Doch muß er auch echt königlichen Sinnes 
am Krönungslage seiner Untergebenen gedenken. 
Je tiefer sein Säckelmeister in den Königsschatz 
greift, desto freudiger hallt ihm auch der Huldigungs 
eid, der in einem dreifachen Hoch besteht, entgegen. 
Nun hält er seinen Triumphzug in die Stadt. 
Bis hin vor sein Hans geht der Zug, das nun 
ein ganzes Jahr lang ein Königsschloß bleiben soll.
	        

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