Full text: Hessenland (27.1913)

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all die Wunder des Theater mundi wuchsen und 
wurden. Nicht nur den mechanischen Betrieb baute 
er eigenhändig auf, auch die Figuren und Land 
schaften stellte er her. 
Einmal nach der Zeichenstunde nahm er mich mit 
auf den Boden. Klopfenden Herzens stand ich vor 
dem Verschlag. Ich ahnte, zu welch großen Dingen 
ich hier berufen wurde: ich sollte ein Wissender werden. 
Mit herablassendem Schmunzeln empfingen mich 
die bereits Eingeweihten. In diesem Reiche hatte 
außer dem Alten nur der Julius zu befehlen. Nur 
er redete, alle anderen hatten zu schweigen. Der 
nahm mich dann beim Arm und enthüllte mir die 
Geheimnisse hinter den Kulissen. Da standen aus 
einem Seitentische am Dachfenster in schönster Ord 
nung nebeneinander all die alten Bekannten, jeder 
aus seinem Wäglein. Ich hätt' sie streicheln mögen. 
Und dann schaute ich in die Gassen. Julius drehte eine 
Kurbel. Ein Leinwandstreifen brachte ein Klötzchen 
heraus, das ein aufgestelltes Wäglein vor sich her 
schob. Die in Schienen rollenden Räder setzten wieder 
die Figur in Bewegung, die drüben einer in Empfang 
nahm. 
Dem Neuling wurde zu guterletzt die hinterste 
Gasse als Wirkungsfeld angewiesen. Sie lag zwischen 
den Bergen und war für die Eisenbahn bestimmt. 
Zu drehen war hier nichts, es mußte vielmehr ge 
schoben werden. Dabei war zu beachten, daß die 
Hand nicht sichtbar wurde. Der erste Versuch gelang 
zu aller Zufriedenheit. 
Am nächsten Tage war Geburtstag im Pfarr- 
hause. Die Gäste sollten durch eine Ausführung 
überrascht werden. So ungesehen aus dem Hinter 
gründe heraus andere Menschen lachen machen, ich 
fühlte es, das war eine köstliche Sache. 
Alles ging gut. Zur Prozession hatte ich das 
Läuten zu besorgen. Mit einer Wäscheklammer 
schlug ich an einen kristallenen Tafelaufsatz. 
Da kam das Unglück. Eben hatte der Julius 
den Ochsen sich jucken lassen. Hastig reichte er ihn 
Aus Heimat 
Hessischer Geschichtsverein. Am 2. Juli 
hatte sich eine stattliche Zahl von Mitgliedern des 
Marburger Vereins zu einem Ausflug nach 
Schweinsberg vereinigt, dessen Burg ihnen durch 
die Güte des Freiherrn Di-. Ernst Schenk zu Schweins 
berg, Erbschenk in Hessen, gastlich die Tore öffnen 
wollte. Die Führung hatte in erster Linie Archiv 
direktor a. D. Geheimrat Freiherr Dr. Gustav Schenk 
zu Schweinsberg übernommen. Das hochragende 
Schloß krönt einen steilen Basalthügel, der die 
bauliche Hinterlaflenschast von sieben Jahrhunderten 
mir, damit ich ihn zur Seite stelle. Allein ich 
weiß nicht, wie es kam, ob meine Hände noch vom 
heiligen Glockenklang zitterten, oder ob ich schon an 
den Eilzug dachte — der Ochse tat einen tiefen Fall. 
Dafür waren natürlich die Figuren nicht gebaut, 
und als ich zugriff, hielt ich zu meinem Entsetzen 
zwei Dinge in der Hand: den Wagen und den 
Ochsen. 
Fauchend erschien des Alten Kops in der Tür: 
„Himmelkreuz sapperment, wer war das?" 
Julius deutete aus mich. 
Ich wußte nicht, wen ich mehr verwünschen sollte, 
den frommen Nonnenzug oder das störrische Hornvieh. 
„Drei Tage bei Wasser und Brot aus Erbsenstroh 
knieen'" diktierte der Gestrenge und schnob hinaus. 
Von meiner Freudenmilch war aus einmal aller 
Rahm abgeschöpft. Die hämischen Blicke meiner 
Genossen trieben mich in meine Gasse zurück, denn 
nun sollte bald die Eisenbahn an die Reihe kommen. 
Und Julius nickte. Ich setzte meinen Damps- 
wagen auf. „Verkehrt, verkehrt'" wetterte es 
draußen. Ich hatte den Wagen so ausgesetzt, daß 
der Dampf in der Fahrtrichtung zog. 
Wieder knarrte die Tür. Ich hörte bereits das 
Erbsenstroh knistern. Doch ließ er mich meines 
Fehlgriffs nicht entgelten, und als die Vorstellung 
glücklich beendet war und die Frau Pfarrer zum 
Pudding einlud, durste ich auch mit dabei sein. 
Mit der Zeit wuchs die Zahl der Zuschauer, 
was dem stillen Psarrhause bald lästig wurde. So 
stieg denn eines Tages das Theater mundi aus 
dem Bodendunkel hinab in die große Stube des 
Gemeinderathauses. Manchen Winter durch hat es 
die Dorfleute unterhalten und belustigt, bis es eines 
schönen Morgens hieß: „Der Herr Sekertar ist 
fort" Bei Nacht und Nebel hatte er dem Dorfe, 
das ihm gewiß zu einsam war, den Rücken gewandt, 
um sich in einer nahen Stadt niederzulaffen. 
Im Dorfe aber geht heute noch die Mär vom 
Herrn „Sekertar" und dem Theater mundi. 
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und Fremde. 
umschließt, und dient einem weitverzweigten Geschlecht, 
das heute ungefähr fünfzig männliche Glieder zählt, 
zum Treffpunkt. Vom Bahnhof aus kam man vor 
über an einem Haus, das in Holz geschnitzte Bild 
nisse des Pfarrers Lanz und Frau trägt. An der 
Kirche des Städtchens, die im 13. Jahrhundert ge 
gründet, im 16. umgebaut und vor etwa vierzig 
Jahren restauriert wurde, interessierte der Grabstein 
des aus Schweinsberg gebürtigen Kanzlers der Mar 
burger Universität Joh. Georg Estor (f 1773), der 
unserer Universitätsbibliothek durch die testamenta-
	        

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