Full text: Hessenland (26.1912)

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ernennen, der in der Wertschätzung der ungewöhnlichen 
Persönlichkeit Vilmars nicht so weit geht, wie sein neuster 
Biograph und auch der Schreiber dieser Zeilen. Bon den 
srstheren Versuchen, ein Lebensbild Vilmars in Buchform zw 
entwerfen, konnte weder Leimbachs anspruchloses Schriftchen, 
(1875) noch weniger aber die Arbeit eines ungenannten 
Zeitgenossen (1900) genügen, die in einer kritiklosen Ver- 
himmelung ihres Helden gipfelte. Auch Hopf erhebt nicht 
den Anspruch darauf, eine völlig objektive kritische Wertung 
Vilmars zu liefern, er sagt vielmehr selbst: „Ich konnte 
ihn nur so zeigen, wie ich ihn mit meinen Augen gesehn 
habe und noch sehe. Das aber sind die Augen nicht bloß 
eines nahen Anverwandten, der während feiner Schüler-. 
Studenten, und Kanditatenjahre (1856—68) int Hause des. 
verehrten Oheims ans- und eingehen durfte, sondern auch 
und vor allem eines dankbaren und treuen Schülers." 
Mag so auch verwandtschaftliche Liebe lind Dankbarkeit 
die Feder des Autors geführt haben, so ist. das jedoch in 
diesem Falle gewiß nicht zum Nachteile des Buches gewesen, 
dem auch ein Andersdenkender an keiner Stelle den Vor- 
wurf panegyrischer Kritiklosigkeit machen kann... Um der. 
Gefahr allzustarker Subjektivität zu entgehn, hat Hopf sich', 
bemüht, wo es nur ging. Vilmar selbst aus seinen ge 
druckten und ungrdruckten Niederschriften, insbesondere aus 
seinen Briefen sprechen zu lasten, und damit ein Quellen- 
material zur Zeitgeschichte Kurhessens erschlossen, das in 
diesem Reichtum nur ihm infolge seiner nahen Stellung 
zu Vilmar zu Gebote stand. Das gilt namentlich von 
den mitgeteilten meist ungedruckten Briefen von und an 
Wilhelm Vilmar und Haflenpflug. während die der Brüder 
Grimm, Schwellers, Hoffmanns von Fallersleben.«, a. für 
den Germanisten von Interesse sein werden. Der vor 
liegende Band reicht bis zum Jahre 1847. Im ersten 
Teile, der Vilmartz Lehrjahre (1800—1833) behandelt, fesselt 
die geradezu klassische Schilderung der Franzosenzeit nach 
Vilmars eigenen Aufzeichnungen, die mit zu dem Besten 
gehört, was aus seiner Feder gefloffen ist. Reizend ist 
auch die Erzählung seines ersten Liebestraumes. dessen 
Erinnerung ihn zeitlebens nicht vtrgesien hat. Daß der 
junge Student und Burschenschafter zeitweise so radikal 
dachte, daß er kurz nach der Ermordung Kotzebues ein Hoch 
aus Sand öffentlich ausbringen .konnte, wird manchem Leser 
eine verwunderliche Neuigkeit sein. Die Sturm- und Drang 
periode seiner Lehrerzeit in Kirchhain, Rotenburg und Hers 
feld bereitete die geistige Umwandlung vor, die in. politischer 
Hinsicht schon durch Vilmars Tätigkeit in der Ständekammer 
(1831—32) ihren Abschluß fand. Ganz neu und sehr 
intereflant find die hier zum ersten Male mitgeteilten Vor 
gänge. die sich während der Abwesenheit des Kurfürsten 
von Kastei hinter den Kulisten der StändevttsamMlung. 
abspielten. Der zweite Abschnitt des Buches führt uns 
nach Marburg, wo Vilmars religiös-kirchliche Stellung 
den Standpunkt gewann, den er von da. an unverrückt- 
einnahm. Wer freilich im ihm einen der „Teufelsseher" 
und „Großmufti aller hessischen Mucker"-zu sehn gewohnt: 
ist. dem wird die Schilderung dieser Marbutger. Zeit' 
manche Überraschung bereiten. Im Mittelpunkt des geistigen 
und geselligen LebenS der Universitätsstadt stehend, genoß 
der bedeutende Schulmann und gefeierte Literarhistoriker 
damals in weitesten Kreisen uneingeschränktes Ansetzn und 
größte Beliebtheit. Das änderte sich erst, als die Stürme, 
der nachmärzlichen Zeit die Geister schieden undBilmar 
mit dem ganzen Ungestüm, seiner heißen Natur in den 
Kampf gegen die Revolution eintrat. Dieser Zeit deS 
Kampfes wird der zweite Band des. Hopfschen Werkes ge 
widmet sein, der dies hochinteressante Lebens- und Zeitbild 
abschließen wird. 
Bock, Franz. Die Neuordnung der Kasseler 
Galerie. Eine museumstechnifche und kunstpäda 
gogische Studie. 45 Seiten und 2 Abbildungen. Mar 
burg (Adolf Ebel) ISIS. Preis M. 1.20. 
Dr; Georg Gronau, der neue Direktor der Kasseler 
Galerie, hat diese bekanntlich im Zeitraum eines Jahres 
einer völligen Neuordnung unterzogen. Ihn leitete dabei 
die Notwendigkeit, einmal die Buder der holländischen 
Schule von denen der vlämischen zu trennen, sodann die 
Säle nach Möglichkeit für die großen Bilder zu reservieren 
und die kleineren in-die Kabinette zu verweisen. Dadurch. 
, daß dabei eine Anzahl' Kopien im Depot verschwanden, 
wurde Raum für treffliche Originale geschaffen. Natürlich 
war der diese Neugestaltung leitende Grundgedanke noch 
komplizierterer Natur. Eine Konzession gegenüber de» 
Wünschen der Allgemeinheit bildete die Schaffung eines 
eigenen Rembrandtsaale». Im allgemeinen ist die Tren 
nung der einzelnen Schulen mit geringen Ausnahmen 
durchgeführt. .Großer Wert wurde dann weiter auf den 
Wandanstrich, gelegt. Als unveränderliche Faktoren waren 
gegehen die Zahl der für etwa 800 Bilder bestimmten 
Räume und deren Beleuchtung. Diese Neuordnung hat 
nun den durch seine Kunstvorträge auch in Kassel weithin 
bekannten Professor an der Marburger Hochschule-vr. Franz 
Bock, der schon 1906 die Reformbedürftigkeit der Kasseler 
Galerie betont hätte, zu einer kritischen Studie veranlaßt. 
Er bemängelt darin zunächst die' auch zahlreichen anderen 
MuseumLbanten der gleichen EntstehungSzeit anhaftende 
, verfehlte Architektur, behandelt weiter die neue Farbentönuitg 
der einzelnen Wände und nimmt dann zu der Neuordnung- 
in den Sälen Stellung, auf die iin einzelnen einzugehen' 
hier zu weit'führen würde. Einen breiten Raum nimm! 
dann feine berechtigte Kritik der zwischen Bild undHahmen 
noch vielfach herrschenden Disharmonie ein. und es bleibt 
nur zü hoffen, daß auch für diese so notwendige Reform 
bald die nötigen Mittel winken. Gleichen Anklang wird 
die. eindringliche Klage darüber finden, daß in der Kasseler, 
Landesgalerie die Moderne bodenständige Heimatküntz immer 
noch nicht geziemend vertreten ist. dass das „Abendmahl" 
eines Bantzer nach Berlin., desselben Künstlers „Schwälmer 
Tanz" nach Hamburg gehen mußten. Daß dabei auch die 
wohlhabende Kasseler Bürgerschaft und ihre grrmge Neigung. 
daS eine oder andere Werk der heimischen, stunst drr.Galerre 
als Geschenk zu überweisen, ihren Treff wegbekommt, ist 
. nur zu berechtigt. Wann der vollberechtigte Anspruch der 
. lebenden hessischen .Künstler auf eine würdige Vertretung 
in der Kasseler Galerie durch Bewilligung der dazu not- 
. wendigen Ankaufsmittel Erfüllung findet, ist eine Frage. 
; deren Beantwortung wohl leider noch in weitem Felde 
liegt.' Hbach. 
; Ersen Mann, O. und Philipp!, A. Album der 
K'asfeler Galerie. Vierzig Farbendrucke. Mit 
histor. Einleitung und' begleitenden Texten. Leipzig 
' . (E. A. Seemann). Preis geb. 20 M. 
’ Diese Sammlung der wertvollsten Stücke der Kasseler 
Galerie iy der m ustergültigen weithin bekannten Reproduktion 
des Sermannschen Verlages bleibt immer eins der gediegensten 
. Geschenke, mit denen man Kunstfreunde erfreuen kann. Der 
. frühere Direktor der Kasseler Galerie gibt einleitend einen 
willkommenen Überblick über Geschichte und Entstehung 
dieser Jühchunderte alten bertzhmtyl fürstlichen Sammlung 
und schickt) abwechselnd mit Gcheiinrat Professor vr. Phi 
lipp!, jedem einzelnen Bild dessen Geschichte sowie eine 
kritische und ästhetische, Würdigung voraus. So haben 
Fremde wie Einheimische Gelegenheit, sich die im Original 
geschauten köstlichen Kleinode der Kasseler Gemäldegalerie 
in meisterhafter Wiedergabe immer wieder vor Augen zu 
führen. Hbach. 
Ph'. L.
        

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