Full text: Hessenland (26.1912)

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an der neugegründeten Hochschule in Marburg, in 
hohem Ansehen stand. 17 Jahre alt, ging er 1518 
zur Universität nach Erfurt, hat 1526 noch Luther 
und Melanchthon in Wittenberg gehört und ist 
daselbst ein Freund von Justus Jonas und Bugeu- 
hagen geworden. Obwohl man ihn allerwärts als 
Lehrer begehrte, ift'8 ihm doch eine besondere Freude 
gewesen, anno 1527 das Lehramt in seiner Vater 
stadt Allendorf antreten zu können. Zufrieden und 
genügsam bei seinem geringen Einkommen schrieb 
der gelehrte Mann, der zu den Füßen der Größten 
seiner Zeit gesessen, damals an seinen Landsmann 
Eobanus Hestus: „Was seine Mittelmäßigkeit nicht 
erreichen könne, das wolle er nach besten Kräften 
durch Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit und Redlichkeit 
auszugleichen suchen." Im Jahre 1539 berief ihn 
Landgraf Philipp an die neu angelegte Schule im 
Kreuzgang an der Martinskirche zu Kassel. 
Die Schulgesetze, die Nigidius in lateinischer 
Sprache entworfen hat, haben 45 Paragraphen 
und könnten, wenn sie auch das Schneebällen und 
Betreten des Eises verbieten, noch heute gebraucht 
werden. Sie beginnen mit der schönen Ermahnung: 
„Gott, seinen Schöpfer, soll ein Jeder fürchten, ihn 
lieben, anbeten und verehren. Bei der göttlichen 
Majestät soll Niemand schwören, den geheiligten 
Namen Gottes Keiner entweihen;" 
^ 
und sie enden mit dem uralten Satz: „Qui pro- 
ficit in literis et deficit in moribus, plus deficit 
quam proficit“, zu deutsch: „Wer Fortschritte in 
den Wiffenschasten macht und Rückschritte in den 
guten Sitten, der macht mehr Rückschritte als 
Fortschritte." 
Anno 1549 siedelte Peter Nigidius nach Marburg 
über, ward 1560 Professor daselbst und starb dort 
an Altersschwäche im 83. Jahr seines reichen Lebens, 
am 29. Dezember 1583. Er erlebte es, daß seine 
Familie auf 102 Glieder, darunter 13 Kinder, 
herangewachsen war. Ob's noch Nachkommen von 
ihm in hessischen Landen oder anderwärts gibt, 
weiß ich nicht. Das eine aber weiß ich, daß seine 
Schüler mehr als einmal von ihm gerühmt haben, 
er sei wohlwollend und freundlich gegen die Jugend 
gewesen, bereit, den armen, aber strebsamen Jüng 
ling nach Kräften zu unterstützen. Ausgerüstet 
mit vielseitigen Kenntnissen, bewandert in der alten 
Literatur und begabt mit Scharfsinn und Geschmack, 
war er stets bedacht, allen Lernenden, so viel er 
konnte, zu helfen. Viele im Hessenland haben viel 
von ihm gelernt, nicht zuletzt die Wahrheit des 
Satzes: „Die Furcht Gottes ist aller Weisheit 
Anfang." 
Oberst Emmerich. 
„Habe nun unter dem alten Fritz 
Gestanden bei Leuthen und Bunzelwitz, 
Habe an England mein Fell verkauft 
Und mit den Pankees drüben gerauft, 
Din oft dem Tod in die Arme geritten 
Und sollte feig um Gnade bitten? 
Nein, Kinder, nein! — Mein Haar ist weiß. 
Paar Jährchen mehr — was hilst's dem Greis? 
Dafür soll der welsche Weichling sehn, 
Wie alte Soldaten zum Sterben gehn. 
Und wenn sie den Kolben zur Backe heben, 
Dann ruf ich: Mein Herr, der Kurfürst, soll leben! 
Nur eins begehr' ich in letzter Stund', 
Die Pfeife, die lasse ich nicht aus dem Mund: 
Ich hab' sie geachtet wie einen Freund, 
Sie ist, wie ich, gebrannt und gebräunt 
Aus gutem Ton harthefstfcher Zeiten, 
Die soll mich nun auch zum Nichtplatz begleiten. 
Ta, das mit der Pfeif' ist ein eigen Ding, 
Tm linken Mundwinkel stets sie hing, — 
Die Kugeln pfiffen; — Potz Wetter und Brett! 
Die Pfeife die war wie ein Amulett! 
Tch glaubte, es könnte mich keiner morden, 
Solang mir der Tonkopf nicht kalt geworden. 
Kassel. 
Lag mal im Felde totsterbekrank, 
Und wie ich schon mit dem Tode ra«lg, 
Da rief ich: Tungens, noch einen Kopf, 
Und danach hol' mich der Wiedehopf! — 
Der Feldscher hatte mich aufgegeben, 
Aber die Pfeife erhielt mich am Leben. 
Der Herrgott mag's mir iy Gnaden verzeih»: 
Tn die Kirche kriegte mich niemand rein. 
Denn wo mein Freund nicht hingehört, 
Da hätte ich sicherlich auch gestört. — 
Ur^d kann mich Petrus trotzdem gebrauchen, 
So möcht ich im Himmel mein Pfeifchen schmauchen! 
Als Oberst Emmrich zum Sterben schritt, 
Die Menge zog trauernd des Weges mit. 
Cr grüßte freundlich den stummen Chor, 
Sog blaue Wolken aus seinem Nohr. 
Der Franzmann mutzte bald erstaunen 
Über des Alten Lächeln und Launen. 
Nur einmal vergaß der das Rauchen wohl, 
Da rief er laut seine trotz'ge Parol: 
„Der Kurfürst: Mein rechtmäßiger Herr! 
Feuer!" — Es krachten zwanzig Gewehr'. — 
Es mutzte die Pfeife auf ewig erkalten, 
Wie die Heldenfaust, die sie sterbend gehalten. 
Karl Freiherr von Berlepsch.
        

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