Full text: Hessenland (26.1912)

888 NStL. 
preußischer Offizier geworden war, und der sich 
vor den Düppeler Schanzen und auf Alsen seine 
Ehrenkreuze holte, ist vor wenigen Jahren hier im 
Ruhestand gestorben. Mit dem Sitzenbleiben ging's 
mir ein Jahr später ebenso wie ihm. Allein der 
0o6tu8 A & B, wie der damalige Gymnasial- 
direktor so gerne sagte, waren ja in einem Zimmer 
vereinigt, und die freundliche Pädagogik jener Tage 
erfand noch einen besonderen Trost. Die sitzen 
gebliebenen Untersekundaner wurden offiziell „Ge 
samtsekundaner" genannt. Es waren damals unser 
nur zwei, also seltene Vögel, mein treuester, noch 
lebender Jugendfreund Schriftsteller Louis Wolff 
aus der Wolfschlucht und ich. Er ist ein halbes 
Jahr älter als ich, und neidlos ließ ich ihm den 
höheren Platz. Noch heute danke ich ihm sein 
Sekundieren bei einem anderen Mißgeschick, das 
mich als den Finger nicht mehr rückenden Gesamt 
sekundaner an einem heißen Sommertag vor 
51 Jahren treffen sollte. Ich wurde aus einem 
nicht interessierenden Grund in der französischen 
Stunde an die Wand gestellt. Mein Stolz bäumte 
sich dagegen auf, ich protestierte mit dem Hinweis 
darauf, daß das Stellen an die Wand keine ge 
eignete Strafe sei. und was tat mein treuer Jugend 
freund? Er erhob sich und sprach mit sonorer, 
aus tiefer Brust kommender Stimme: „Ich wollte 
doch auch bitten, daß sich mein Mitschüler wieder 
setzen darf; das Stellen an die Wand ist keine 
Strafe für einen — Gesamtsekundaner!" 
Das Recht der freien Meinungsäußerung stand 
schon im Jahr 1861 zur allgemeinen Debatte. 
Wir beiden Gesamtsekundaner bekamen die Quittung 
in Verhängung einer Karzerstrafe, ich mit vier 
Stunden, mein rückfälliger Sekundant mit sechs 
Stunden, die wir unter der getreuen Obhut des 
unvergessenen Sebastian Schmidt, des damaligen 
Pedellen, getröstet von den Fabeln des Phaedrus, 
natürlich getrennt, abgesessen haben. Der alte 
„Sebast" pflegte zu sagen: „Ich und der Herr 
Direktor haben sehr viel zu tun." 
Wer meinen Protest unbescheiden finden und 
meinen Standpunkt zur Frage der freien Meinungs- 
äußerung als mindestens verfrüht bezeichnen wollte, 
dem sei nicht vorenthalten, daß uns derselbe Lehrer 
im deutschen Aufsatz kurz vor diesem Verfaffungs- 
konflikt das Thema zur Beantwortung gegeben 
hatte: „Ansichten von Vater und Mutter in Goethes 
Hermann und Dorothea über Kindererziehung." 
Ich mußte Strafe leiden, und4ch bin auch diesem 
treuen Lehrer darüber auf die Dauer nicht gram 
geworden, so wenig wie er mir. 
Daß ich der Lebensgeschichte meiner Gelehrten 
schule in späteren Jahren gerne nachgegangen bin, 
entspricht den Gefühlen der Dankbarkeit, die ich mir, 
in aller Bescheidenheit sei es gesagt, trotz mancherlei 
Leiden ihr gegenüber bewahrt habe. Ich trug ja 
auch im Sommer 1862 die auf der alten Druse! 
erfundene rote Primanermütze. Die Gymnasial 
anstalt reicht zurück in das Jahr 1539, in die 
Schule im Kreuzgang der Martinskirche, dessen 
Spuren ein aufmerksames Auge noch an der öst 
lichen Seite des Kirchschiffs auffinden kann. 
Die Schenkung, die Landgraf Friedrich II. am 
23. April 1779 mit dem Lyzeum der Stadt Kassel 
machte, half einem längst, gefühlten Bedürfnis ab. 
Der alte Kreuzgang hatte in den Jahren 1776 
und 1777 Baufälligkeit halber abgeriffen werden 
müssen. Wer an dem damals geschenkten, nun auch 
veralteten Schulhaus in der Königsstraße vorbei 
kommt, mag den Zuruf nicht überhören, den 
die beiden Frauengestalten über dem Säulenportal 
mit dem Kreuz und bcm Bienenkorb an ihn richten. 
Er steht über der Aula des Friedrichsgymnasiums 
mit Ora et labora, bete und arbeite, angeschrieben 
und gilt allen Gelehrtenschulen. Er stammt, wie 
wir sehen werden, aus den Schulgesetzen im Kreuz 
gang an der Martinskirche. Bereits im Jahre 1734 
berichtete der Stadtrat, das Schulgebäude im Kreuz 
gang drohe dem täglichen Einfall und könnte das 
größte Unglück sowohl an Lehrenden als an Lernen 
den daraus werden. Die Grundmauern seien bei 
nahe fünf Zoll aus ihrem Lot gewichen, die Zapfen 
verfault, die Schlußsteine im Gewölbe gesenkt und 
die entsetzlichsten Riffe sichtbar; deshalb müffe „diese 
der ganzen Stadt zum Specktakel bestehende Mörder 
grube" verlegt werden. Und dennoch blieb „die 
Mördergrube" noch 42 Jahre lang in Gebrauch. 
Anno 1775 berichtete der Subkantor Georgi von 
seiner Wohnung, daß man durch den Fußboden 
der obersten Stube und Kammer nach dem Kirch 
hofe zu und an allen Orten auf die Straße sehen 
könne. Auch habe es bereits etliche Male gekracht, 
und die Mauer sei so gewichen, daß die Fenster 
im kleinen Pädagogium nicht mehr geschloffen 
werden könnten. 
Der erste Schulmeister (sit venia verbo !), der in 
diesem Kreuzgange gelehrt hat, und der nicht nur 
den Geist seiner Schüler bilden und durch gründ 
liches Wissen bereichern wollte, sich vielmehr auch 
mit Erfolg bemühte, ihr Herz zu veredeln, ihr 
Gemüt fromm zu machen, sowie ihre Sitten zu 
verfeinern, hieß Magister Peter Neige, nach da 
maliger, ursprünglich klösterlicher Sitte N i g i d i u s 
genannt. Geboren war er am 22. Februar 1501 
zu Mendorf a. W. als Sohn des damaligen Schöffen 
und Ratsverwandten Heinrich Neige. Gelernt hat 
er aus der Lateinschule zu Homberg, berühmten 
Andenkens, die unter Nikolaus Asklepius, einem 
Kasselaner von Geburt und seit 1527 Profeffor
        

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