Full text: Hessenland (26.1912)

leicht stilgerechtere aber nüchterne Art Herzogs. — 
Neben den für das Studium komponierten Werken 
schrieb Volckmar zahlreiche Vor- und Nachspiele, 
Festphantasien, Fugen und Sonaten. In seinem 
Nachlasse fanden ficheine Symphonie, ein Ora 
torium (Johannes der Täufer), eine Oper in 
drei Akten (der verlorene Sohn) und eine Ouver- 
ture. Hermann Gehrig*) urteilt über die Volck- 
marschen Orgelwerke; „Sie zeichnen sich durch voll- 
kommene Beherrschung der musikalischen Formen, 
geistreiche thematische Bearbeitung der Motive, 
poetische Auffassung und einen großen Melodien 
reichtum aus. Sie sind alle in ernstem Stile 
gehalten, stets dem hehren 
Instrumente und dem hei 
ligen Zwecke angemessen, wo 
für sie geschrieben wurden. 
Aus der Bachschen Schule 
hervorgegangen, hat sich 
Volckmar als Komponist 
eigene Wege gebahnt, ja er 
ist in einen gewissen Gegen 
satz zu Bach getreten. Dieser 
ist durch und durch Epiker, 
Volckmar dagegen Lyriker und 
als solcher der großeErbe des 
ganz lyrisch angelegten Orgel 
musikers CH. G. Rink." 
Die heutige Kritik lehnt 
vielfach die Kompositionen 
Volckmars ab. Er ist aus 
der Mode gekommen. Gewiß, 
er hat vieles geschrieben, was 
vergessen werden darf. Auch 
manche seiner Sonaten haben 
durch die zahlreichen Wieder 
holungen derThemen oftmals 
eine ertötende Fänge. Aber 
viele seiner Werke lassen doch eine eigene Linie 
erkennen. Er hat es verstanden, dem strengen Stile 
eines Bach das Liedartige eines Rink hinzuzufügen. 
Über die harten, herben Linien des Kreuzes hat 
er Rosenranken gewunden. 
Bach und seine großen Genosien in Ehren. Aber 
die Ohren des gemeinen Mannes sind nicht ge 
halten, sich durch deren Schöpfungen erbauen zu 
lassen. Und wo wären die Orgeln, darauf man 
den Großen Gehör verschaffen könnte? Wer unsere 
hessischen Dorskirchen mit ihren einfachen Werken 
kennt, weiß, daß sich hier der Organist bescheiden 
muß. In richtiger Erkenntnis dieser Sachlage 
schrieb Volckmar seine berühmten Vor- und Nach 
spiele. (Tonger, Köln.) Diese schlichten, liedartigen 
*) Dr. W. Volckmar. Homberg (Fr. Settnickl 1888. 
Weisen, unter denen sich wahre Perlen befinden, 
sind so recht geeignet, den Mann aus dem Volke 
zu erbauen. Und hier hat auch der weniger ge 
übte Organist Gelegenheit, den Gottesdienst seiner 
Gemeinde würdig gestalten zu helfen. 
Angesichts des 100 jährigen Geburtstags des 
Homberger Musikers wäre es wohl Ehrenpflicht, 
wenn man sich in Hessen seiner ein wenig erinnern 
wollte. Vor allem sollten doch am kommenden 
Weihnachtsseste in unsern hessischen Kirchen die 
Volckmarschen Weisen vorklingen. Hier muß rüh 
mend hervorgehoben werden, in welch pietätvoller 
Art das Andenken Volckmars in der Wählershäuser 
Kirche gelegentlich der von 
unserer Kaiserin veranlaßten 
Orgelkonzerte gepflegt wird. 
Er ist es wert, denn er war 
unser. 
In Hersfeld erblickte er 
am 26. Dezember 1812 das 
Licht der Welt, wo sein Vater, 
ein geborener Schmalkalder 
und Schüler Vierlings, als 
ausgezeichneter Organist und 
Musiklehrer wirkte. 1817 
siedelte er an das Gymna 
sium zu Rinteln über, dem 
infolgedessen unser Hom 
berger Meister seine Bildung 
verdankt. Unter gründlichem 
Unterricht von seiten seines 
Vaters, in anregendem Ver 
kehr mit den adeligen Fa 
milien von Dörnberg, Münch 
hausen , Solms - Braunfels, 
wie auch in enger Freund 
schaft mit Ötker und Dingel 
stedt wuchs der musikbegabte 
Jüngling heran, um nach Absolvierung des Gymna 
siums sich ganz der Musik zu widmen. Nach einer 
kurzen Wanderzeit übernahm er Ostern 1834 die 
Musiklehrerstelle am Landschullehrerseminar zu 
Kaffel, um sich dann bald daraus mit seiner 
Jugendfreundin Amalie Kröner, von Dingelstedt 
einst als Rintelns schönste Jungfrau besungen, zu 
vermählen. 1835 siedelte er mit dem Seminar 
nach Homberg über, um dieser Anstalt in hessischer 
Treue seine ganze Lebensarbeit zu widmen. 
Die Stadt, die ihn anläßlich seines 50 jährigen 
Dienstjubiläums zum Ehrenbürger ernannte, hat 
seinem Namen dadurch ein dauerndes Denkmal 
gesetzt, daß sie ein schönes Plätzchen an ihrem 
Schloßberg „Volckmarsruhe" taufte. 
Seine Grabstätte auf dem Friedhofe dortselbst 
ist zu einem Wallfahrtsorte hessischer Lehrer ge- 
vr. Wilhelm Volckmar.
	        

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