Full text: Hessenland (26.1912)

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Jahresversammlung zu Schmalkalden, die Jahr 
hundertfeier der Schlacht an der Brücker Mühle 
am 22. September, endlich über die Tagung des 
GesamtvereinS der deutschen Geschichtsvereine zu 
Würzburg, bei der diesmal der Hessische Geschichts 
verein durch den Marburger Zweigverein und zwar 
eben durch vr. Rosenseld vertreten war. Hierauf 
erstattete nachträglich Landgerichtsrat Heer den 
Bericht über seine Kaffenführung im letzten Jahre. 
Es folgte der angekündigte Vortrag von Archivrat 
vr. Rosenfeld: Mitteilungen über Bruno 
Hildebrand aus der Zeit seiner Mar 
burger Professur (1841—51). Bruno Hilde- 
brand, geb. 6. März 1812 in Naumburg a. S„ 
hatte sich 1836 in Breslau habilitiert und war 
1839 außerordentlicher Professor geworden. Bald 
daraus wurde die Aufmerksamkeit der Marburgtr 
philosophischen Fakultät aus ihn gelenkt, bei der 
der Lehrstuhl für Staatswiffenschasten seit längerer 
Zeit unbesetzt war. 1841 wurde er hierher be 
rufen und hat 10 Jahre lang hier gewirkt, in 
einer Zeit wissenschaftlicher Blüte der Universität 
als einer ihrer glänzenden Vertreter. Aber guS 
Mißhelligkeiten mit der Polizeibehörde erwuchsen 
ihm Schwierigkeiten, die dazu beitrugen, daß sich 
aus einer Bagatelle, aus der Übertretung eines ihm 
nicht bekannten Verbots, eine fast 1 V-jährigeKriminal- 
untersuchung, Amtssuspension, Verhaftung für ihn 
ergaben. Das Vergehen bestand darin, daß er 
unter einer Menge Probenummern englischer Zei 
tungen, die er 1846 von einer Reise nach London 
für das hiesige akademische Museum zur Ansicht 
mitbrachte, auch einige Blätter einer verbotenen 
Zeitschrift im Museum auflegen ließ, deren Verbot 
hier nie veröffentlicht worden war. Eine aus 
diesem Anlaß bei ihm veranstaltete polizeiliche 
Haussuchung gab ihm Anlaß zu Beschwerden und 
Klagen, die seine Sache nur verschlimmerte. Im 
Februar 1847 wurde er vom Amt suspendiert und 
auch trotz seiner Freisprechung in dem anhängig 
gemachten Kriminalversahren nicht rehabilitiert, erst 
im März 1848 unter dem liberalen Ministerium 
Eberhard erfolgte die Aushebung seiner Suspension. 
Im folgenden Monat wurde er zum Abgeordneten 
für die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt 
erwählt, in deren volkswirtschaftlichem Ausschuß er 
tätig war, und in der er verblieb, auch als der 
Rest des deutschen Parlaments seinen Sitz nach 
Stuttgart verlegt hatte. Erst nach der Aufhebung 
des „Rumpfparlaments" im Juni 1849 kehrte er 
nach Marburg zurück und nahm im Juli einen 
Abgeordnetensitz in der Kasseler Ständeversammlung 
an. Vielfach ist er hier in politischen wie in 
volkswirtschaftlichen Fragen hervorgetreten. Als 
Ende-Februar 1850 die Reaktion auch in Kur- 
Hessen wieder zur Herrschaft gelangte, gehörte er 
seiner freisinnigen Richtung nach zu den schärfsten 
politischen Gegnern Haffenpflugs, aber die persön 
liche gehässige Bekämpfung des Ministers durch die 
Liberalen mißbilligte er entschieden. Nach der Auf 
lösung des Landtags im Juli 1850 nahm er in 
Marburg seine Lehrtätigkeit wieder auf, bis im 
Herbst 1861 ein Hochverratsprozeß vom Ministerium 
wegen seiner Beteiligung am Stuttgarter Rumpf- 
Parlament gegen ihn inszeniert wurde. Es gelang 
ihm, der Verhaftung sich noch rechtzeitig zu ent 
ziehen und einem Ruf nach Zürich als Profeffor 
der Staatswiffenschasten zu folgen. — Die Zu 
hörer dankten dem Vortragenden durch lebhaften 
Beifall, und Professor Wenck sprach aus, wie mit 
diesem aus umfassenden archivalischen Studien be 
ruhenden Vortrag, der das menschliche Mtgesühl 
an den Kämpfen und Leiden des charaktervollen 
Mannes zu packen gewußt habe, in dankenswertester 
Weise die pietätvolle Anregung des verstorbenen 
Professor Varrentrapp zu einer Ehrung Bruno 
Hildebrands bei der hundertsten Wiederkehr feines 
Geburtstags ihre Erfüllung finde. Er gedachte 
ergänzend einiger kleinen Arbeiten Hildebrands zur 
hessischen Wirtschaftsgeschichte und seiner Verdienste 
um die Geschichte der Universität Marburg: im 
Februar 1848 veröffentlichte Hildebrand eine 
Urkundensammlung zur Geschichte ihrer Frühzeit 
unter Landgraf Philipp. Danach skizzierte Pro 
fessor Troeltsch, der gegenwärtige Inhaber von 
Hildebrands Lehrstuhl, seine wissenschaftliche Be 
deutung. Sie sei von Sombart angegriffen worden, 
aber in neuerer Zeit zu entschiedener Anerkennung 
gelangt. Hildebrands Arbeiten seien, wenn er auch 
nicht immer aus die geschichtlichen Quellen zurück 
gehe, die Grundlage für diejenigen späterer Forscher 
geworden, auf seinen Schultern stehe Schmoller. 
Hervorzuheben sei, daß er praktische Ziele verfolgt 
habe, Conrad nenne ihn ein Organisationsgenie. 
So habe er u. a. eine Witwenkaffe begründet, habe 
für die Pflege der Statistik in Hessen grundlegend 
gewirkt und. ein trefflicher beliebter Lehrer, später 
in Jena ein erstes volkswirtschaftliches Seminar 
begründet. So reichen die Wirkungen feines 
Schaffens über seine Zeit hinaus. — Am Ende 
der Sitzung erläuterte noch Amtsgerichtssekretär 
Wessel die Tracht einer von ihm aufgestellten 
Puppe : die Tracht einer Frau von Haffenhausen 
bei Ebsdorf, die dort etwa 1885—1890 getragen 
worden ist und seitdem sorgsam verwahrt, sich sehr 
gut erhalten hat. Bemerkenswert waren seine Aus 
führungen über die bunte oberhesfische Tracht 
überhaupt, die erst gegen Ende des 18. Jahr 
hunderts die bis dahin übliche schwarze Tracht 
mit den Schnebbenhäubchen, wie fie noch heute
        

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