Volltext: Hessenland (26.1912)

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allerliebster Wichtigkeit die Brauen hoch und meinte: 
„Und noch eins, verehrter Kollege — Sie sehen 
doch etwas angegriffen aus, der Klimawechsel heischt 
eine vorsichtige Lebensweise. Gönnen Sie sich Ruhe 
und gute Pflege!" 
Beinahe hätte er laut gelacht vor Vergnügen. 
So machte er nur eine höfliche Verbeugung, lobte 
ihren Scharfblick und machte einige Bemerkungen 
über die Strapazen einer Forschungsreise. 
„Und das nächste Mal erzählen Sie mir von 
jenen Tempelruinen der Naturvölker, wollen Sie?" 
„Ich tue es nicht gern — denn die Summe 
dessen, was ich dort drüben enträtseln half, ist, daß 
jenem toten Volke, das so wunderliche Ruinenreste 
hinterließ, der Tod das Geschehen aller Geschehnisse 
war — die einzige Wirklichkeit, ein Schrecken und 
Grauen ohne Ende — glauben Sie mir, dort lernt 
man, wie riesengroß Sehnsucht werden kann." 
Und dann ging er, mit dem beschämenden Gefühl, 
zu viel gesagt und verraten zu haben. 
Kornette stand unter dem rosenumwachsenen Tor- 
bogen und sah hinter Hartmut drein, wie er eiligen 
Schrittes nach Wendelstein zuschritt. Er war länger 
geblieben, als es sonst bei einem ersten Besuch statt 
haft ist. Dann wendete sie sich nach ihrem Garten 
zurück. Kinderlachen klang ihr entgegen, und rings 
um grüßte sie Leben und Frieden, und dennoch 
flüchtete sie auf ihr Zimmer, wehrte den Kinder 
händen, die sie am Kleid saffen und zurückhalten 
wollten, und warf sich in ihren Lesestuhl am Fenster, 
bedeckte die Augen mit der Hand und hätte fast 
geweint. 
* * 
* 
Als Hartmut nach Stunden — er hatte das Schloß 
auf einem Umweg erreicht — seinem Freund gegen 
über saß. sagte er zu diesem „Frage mich bitte 
nichts! Doktor Wasmer hat meinen nervösen Zu 
stand vollkommen erkannt und mir Ruhe — ab 
solute Ruhe verordnet." 
Der Baron sagte leichthin: „Dazu braucht einer 
nicht Medizin studiert zu haben! Nur — wenn 
sie etwa meint, die Tropenfonne und dann der 
Klimawechsel seien es allein, so kann sie keine guten 
Diagnosen stellen, meine liebe Freundin Kornette 
— wenigstens nicht an einem Kollegen. Heimweh 
und Neid haben Dich zumeist ruiniert! Bitte wider 
sprich nicht — ich lasse mir nichts ausreden." 
Wie dem auch sein mochte. Doktor Hartmut 
verlängerte seinen Aufenthalt in Wendelstein, denn 
die Lust bekam ihm vorzüglich. 
„Es ist nicht nur die Lust und die Pflege, sagte 
Bruno Wendelstein eines Tages mit leisem Spott 
— es sind auch seelische Momente, die den Welt- 
reisenden so vorteilhaft beeinflussen." 
„Spotten Sie doch nicht immer!" bat Fräulein 
Babette. 
„Renkt sich nicht alles vortrefflich ein?" —7 
Ja, das tat es wirklich. Kein Mensch in Dorf 
Wendelstein wunderte sich, als Doktor Hartmut an 
einem schönen Herbslabend, der dem Tag voraus 
ging, den er für seine Abreise bestimmt hatte, mit 
Kornette Wasmer Hand in Hand durchs Dorf ging. 
Sie übergab ihm ihre Praxis, weil sie seine Frau 
werden wollte. Sie tat es mit leichtem Herzen 
und lachenden Mienen. Sie wußte ja ganz genau, 
daß sie für alle Zeit seine Gehülfin sein würde. 
Straub triumphierte. Er sagte zu seiner Schwester 
Babette und zu Bruno, den er immer noch gern 
einen Windhund nannte: „Hatte ich nicht recht? 
Sie gesellt sich ihrem Meister als Gehülfin zu." 
„Da kann gar nicht von Meister die Rede sein", 
ereiferte sich Babette — „vielleicht fand Doktor 
Hartmut seine Meisterin!" 
„Diese Angelegenheit ist doch entsetzlich einfach! 
Jeder von ihnen fand das andere Leben, in dem sich 
das feine ergänzte —" rief Bruno. 
Die Zukunft gab dem Baron Wendelstein recht. 
Kornette und Hartmut stimmten zu einander wie 
die Töne in einem Akkord, wenn sie in harmonischer 
Folge zu einander stehen. 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer Geschichtsverein. In der 
Monatsversammlung des Kasseler Vereins sprach 
am 21. Oktober vr. pdll. Butte von der Kaffeler 
Landesbibliothek über „Hersfeld und die Landgraf 
schaft Heffen im 14. und 15. Jahrhundert". Wir 
werden den feffelnden Vortrag des Redners, der 
sich feit Jahren dem Spezialstudium der Geschichte 
HerSfeldS widmet, im Wortlaut veröffentlichen und 
können deshalb hier von einem näheren Eingehen 
auf dessen Inhalt absehen. In dieser Versammlung 
teilte übrigens der Vorsitzende General Ei sen t r a u 1 
mit, daß die nächstjährige Jahresversammlung nicht 
in Allendorf, sondern in Homberg stattfinden wird. 
In der ersten Winterfitzung des Marburger Ver 
eins am 22. Oktober hatte der Vorsitzende Archivrat 
vr. Rosenfeld zunächst geschäftliche Mitteilungen 
zu machen. Er begrüßte Archivdirektor Geh. 
Archivrat vr. Reimer, der früher lange Jahre 
dem Marburger Zweigverein angehört habe, als 
neueingetreteneS Mitglied. Weiter berichtete vr. 
Rosenfeld über die Ereignisse im Vereinsleben seit 
der Generalversammlung vom 9. Juli: über die
        

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