Volltext: Hessenland (26.1912)

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die Bergeswand geklebt, darüber das alte Schloß 
und die ehrwürdige Kirche, wo der großmütige 
Philipp einstmals jdie Edelsten seines Landes zu- 
sammenberufen. um zu beraten über die Lehren 
des Wittenbergischen Mönches. Und seit jener 
Zeit durfte in Hessen jedermann glauben, wie's 
ihm nms Herze war. 
Vor uns — fast möchte man es mit Händen 
greifen — liegt Zennern, ehedem zwei Orte, Ober 
und Nieder-„Czenuern". Heute weiß kein Bauer 
mehr in jener Gegend etwas von dem Zwillings- 
dörflein. Vergessen ist das eine. Und noch nicht 
einmal in Flurncunen hat sich der Name erhalten. 
Wo einstmals elende Hütten gestanden, wiegen sich 
heute wogende Weizenfelder im lauen Winde. Ver 
mutlich zu der Zeit der großen Seuchen, zur Zeit, 
da die Pest und der Schwarze Tod ins Land kamen, 
ist jenes Dörfchen Wüstung geworden. 
Nordwestlich liegt Gudensberg. Dicht dabei 
Maden, die ehrwürdige Gerichtsstätte; das alte 
Mattium, von dem Tacitus schon berichtet, daß 
sich dort die Chattenvölker versammelt, um ihren 
Spruch zu geben über Recht und Unrecht und zu 
beschließen ^über Krieg und Frieden. Dort war 
es auch, wo 1247 der Landtag zusammentrat, der 
die Geschicke Hessens entscheiden sollte für viele 
Jahrhunderte. „Und die Edlen des Landes kamen 
dort zusammen, die Ritter, die Grafen und Herren 
und Obersten aus den Städten, und sie wurden alle 
eins bei ihrem heiligen Eide, in Ehren und Treuen, 
tot oder lebendig, zu halten zu Heinrich dem jungen 
Herzog von Brabant, der heiligen Elisabeth Tochter 
sohn." Und von Stund an war Heinrich, das 
Kind von Heffen, Herr geworden im alten Lande 
der Chatten. 
Und von der entgegengesetzten Seite grüßen uns 
die roten Dächer Fritzlars und die schlanken Türme 
des alten Peter-Thumbs*), der sich an der Stelle er 
hebt, wo Bonifatius einst das erste deutsche Gottes 
haus gebaut . Die alten, grauen Mauern der 
*) Thumb — Dom. 
Stadt und die zerfallenen Türme genahmen an 
längst vergangene Zeiten, da die Kriegsfurie durchs 
Land fegte dreißig lange schwere Jahre lang. 
Piccolomini, Gustav Adolf, die Kroaten, der kaiser 
liche General Melander — von Geburt ein Hesse, 
der Vater hatte sich noch Holzapfel geschrieben — 
Tilly; alle, alle hatten ihre Spuren hinterlassen, 
die heute noch zu sehen und zu erkennen sind. 
Die zerfallenen Warttürine um Fritzlar, drüben 
gegen Zennern die Aue-Warte, bei Möllrich die 
Kasseler Warte, dort der Eckerich und die Helle- 
Warte bei Hadamar. Das Mainzer Rad, das 
alte Hoheitszeichen, ist an vielen noch zu erkennen.*) 
Vor hundert Jahren zog der Franzmann endlich 
fort, damals, als auch der König Lustik das Weite 
suchte. Und seit dieser Zeit hat keines Feindes Fuß 
die Stätte betreten, wo das Kreuz zuerst aufgerichtet 
war in deutschen Landen und von wo sein Glanz 
hinausstrahlte zum Wohle der deutschen Stämme. 
Aber dennoch ziehen sich von Zeit zu Zeit Heeres 
massen dort zusammen, wenn der oberste deutsche 
Herzog seine Mannen mustern will und sein Kriegs 
werkzeug prüfen zu des Reiches Wehr. Dann 
weht der Geist Heinrich des Voglers durch die 
Mannschaft zu Pferd und zu Fuß. In Fritzlar 
war Heinrich zum deutschen König ausgerufen 
worden. Ein freier deutscher Herzog wollte er sein, 
unabhängig von Rom und auch kein Zinsmeier 
der Hunnen. Seht Euch den „Neuen König" an 
von Wildenbruch, dann erlebt Ihr jene Zeit mit. 
„In dreien Monden werden die Schwaben vor 
Meißen stehn", so etwa ruft begeistert der Schwaben 
herzog und bietet dem neuen König die Rechte. Und 
der Thüringer Herzog legt die seine dazu. — In 
dreien Monden werden die Thüringer vor Meißen 
stehen. — Und die Hessen, die Sachsen, die Franken, 
die Alemannen und der ganze deutsche Heerbann 
stand gegen die Hunnen an des Reiches Ostgrenze. 
Die Zennersche Ebene hat damals schon die 
deutsche Einh eit gesehen. 
*1 Vgl. S. 341 in diesem Heft. 
Oelsberg ittv 17. Jahrhundert. Nach Merian.
	        

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