Full text: Hessenland (26.1912)

StzSLL, 228 SMttL, 
Gut erhalten auf unsere Zeit gekommen ist eigent- 
lich nur die Schloßkirche, einer der ersten selb 
ständigen Versuche protestantischen Kirchenbaues, 
oft zusammen genannt mit der fast gleichzeitigen 
Schloßkirche zu Torgau. 
Eine praktische Denkmalspflege wird weniger 
durch die einschlägigen Bestimmungen und das 
Vorhandensein zuständiger Behörden gewährleistet, 
als dadurch, daß geeignete Personen zur Betätigung 
kommen. So ist denn auch das Schloß zu Schmal 
kalden schon vor fast 20 Jahren in einem offiziellen 
Werk „abgemalt und aufgeschrieben", aber wenig 
geschah für die Erhaltung. Erst in den letzten 
Jahren hat die Kgl. Domänenverwaltung zu Kassel 
und das lokale Hochbauamt energische Schritte 
getan, um den überlieferten Schatz wenigstens 
in diesen Resten zu erhalten. Einen Teil der 
Schloßräume hat die Staatsregierung dem Verein 
für Hennebergische Geschichte und Landeskunde zu 
Museumszwecken zu überlassen. Die Sammlung, 
deren Grundstock noch von den eifrigen Vereins 
gründern Senator Gerland und Apotheker Matthias 
stammt, kommt unter den Lokalmuseen Hessens 
wohl an dritter Stelle und muß nach Hanau und 
Marburg genannt werden. Doch wir ersparen 
uns alles Nähere, jeder komme und sehe, was 
Schloß Wilhelmsburg dem Geschichts- und Kunst 
freund noch bietet. Schmalkalden, von wo einmal 
15 Jahre lang die Geschicke Europas bestimmt 
wurden, und das einem politisch folgenschweren 
Kriege seinen Namen gab, hat dann in großer 
Zeit noch einmal von sich reden machen können. 
Der Krefelder Musikdirektor Karl Wilhelm, der 
Komponist der „Wacht am Rhein", ist hier in 
der Auergasse geboren und als Pensionär im 
Pistorschen Hause am Lutherplatz gestorben. Auf 
dem Altmarkt, inmitten grüner Bäume und vor 
der Reformationskirche, steht sein Denkmal, einfach 
und altmodisch, vielleicht sogar spießisch, aber das 
echte Dokument einer tatenfrohen und doch idea 
listischen Zeit, der für das rein Dekorative das 
heutige Verständnis fehlte. 
Wer die Werrabahn hinauffährt, sieht, kurz ehe 
er an die Schmalkalder Umsteigestation Werns 
hausen kommt, jenseits des Tals eine malerische 
Baugruppe, das alte Schloß Herrenbreitungen, 
wohin der Verein am zweiten Tage der Ver 
sammlung seinen Ausflug unternimmt. Einst stand 
hier ein Kloster, dessen Kirche, eine romanische 
Pfeilerbasilika, im Längsschiff noch erhalten ist; 
die übrigen Gebäude sind nach dem Bauernkrieg und 
der Säkularisierung durch Graf Boppo von Henne 
berg zu einem Residenzschloß umgebaut worden und 
zeigen einfache spätgotische Form. Durch Aus 
grabungen, die der Jenenser Kunsthistoriker Prof. 
Dr. Weber, unterstützt durch den Kgl. Reg.-Bau- 
meister Kaufmann aus Schmalkalden, vornahm, 
ist der Grundriß der ehemaligen Kirchenanlagen 
festgestellt. Eine Fortsetzung der Grabung wird 
hoffentlich weitere Aufschlüsse bringen. Hier in 
Herrenbreitungen starb um 1630 die letzte Trägerin 
des Namens Henneberg, die Witwe des gefürsteten 
Grafen Boppo, im Alter von S1 Jahren, um 
ca. 50 Jahre hat sie den Mannesstamm ihres 
Geschlechts überlebt; noch eine Zeitgenossin Luthers, 
ragte die Greisin über die Epigonen der Refor 
mationen hinaus bis, in die Jahre des großen 
Krieges, Mittelalter und Neuzeit seltsam verbindend. 
Noch vieles könnten die alten Mauern erzählen, 
aber es mag genug sein. Wen es reizt, die alte 
Stadt des Schmalkalder Bundes einmal von An 
gesicht zu Angesicht zu schauen und auf den Spuren 
der Reformatoren zu wandeln, der komme zur 
Tagung des Geschichtsvereins. Nicht nur die Mit 
glieder, sondern alle Freunde vaterländischer Ge 
schichte und Kunst sind freundlichst eingeladen, sich 
im August zur kurzen Reise zu rüsten. 
S., Schmalkalden. 
Wilde Triebe am Stammbaume der hessischen Landgrase«. 
Von Dr. Carl Knetsch. 
lSchluß.) 
Philipp Wilhelms erste Frau starb im Jahre 
1600, nachdem sie ihm IO Kinder geboren hatte. 
Seine zweite Frau wurde 1602 Christine von 
Boyneburg, Melchior Rudolf v. Boyneburgs 
und der Anna von Herda Tochter. Auch aus 
dieser Ehe stammten 10 Kinder. Philipp Wilhelm 
von Cornberg starb im Alter von 63 Jahren am 
30. August 1616 und wurde zu Richelsdorf bei 
gesetzt. Sein steinernes Grabmal in der Kirche, 
das mit den Wappen der Familie von Cornberg, 
der von Falcken und von Boyneburg (Eltern der 
1. Frau), der von Boyneburg und von Herda 
(Eltern der 2. Frau), von Harstall und von 
Buschhausen") (Großmütter der 1. Frau) und 
von Reckrod und von Creutzburg (Großmütter der 
2. Frau) geschmückt ist, trägt ia ) folgende Inschrift: 
'*) — Bischofshausen. 
") Nach Kalckhoffs Collect, in der LandeSbibliothek zu 
Kassel Mer. Hass. fol. 151.
	        

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