Full text: Hessenland (26.1912)

1848 bis 1850 nahm Bismarck eine verteidigende 
Stellung gegen jede Schmälerung des preußischen 
Staates ein, höchstens, daß er gegen die Verfassung 
der preußisch-deutschen Union im April 1850 den 
Gegenvorstoß der Forderung einer ausgesprochenen 
preußischen Hegemonie in dem neuen Bunde machte. 
Das Scheitern der Unionsplane sah er mit Be 
friedigung, und er hat diese ganze, schließlich nach 
Olmütz führende Politik in einer großen Rede vor 
der preußischen zweiten Kammer verteidigt. Auch 
in der 1850 vortretenden hessischen Berfassungsfrage 
stand er ganz auf der reaktionären Seite, die hessische 
Frage war ihm nicht das Opfer preußischer Soldaten 
wert, das waren ihm Lappalien. Aber die Auffassung, 
als hätte er in der Rede einer erobernden Politik das 
Wort geredet, die damals ein Ziel nur in Jahren hätte 
haben können, ist abzuweisen. Er war preußischer 
Parteimann, von diesem Standpunkt sah er auch 
die deutschen Fragen an Hessen war ihm ebenso 
gleichgültig, wie das übrige außerpreußische Deutsch 
land. Während der Zeit der Bundestagsgesandt 
schaft Bismarcks in den 50 er Jahren berührten 
feine Berichte auch die kurhessischen Dinge, aber nur 
im Rahmen der von ihm mit vertretenen reaktionären 
Bundespolitik überhaupt, in der Zollvereinssrage 
zeigte sich scharfe Gereiztheit gegen das Kurfürstentum, 
und was seine Stellung zu den in Hessen kämpfenden 
Parteien anging, so kam er 1860 zu dem Schluß, 
daß die Partei des Kurfürsten um kein Haar besser sei 
als die der Gegner. Die Wendung in der Haltung 
Preußens und schließlich des Bundes gegenüber Hessen, 
das Eintreten für die Verfassung von 1831 gegen 
den Kurfürsten wurde durch Bismarcks Nachfolger 
in Frankfurt, Usedom, veranlaßt. Die damit ein 
geleitete preußische Jnterventionspolitik übernahm 
Bismarck bei seinem Regierungsantritt (Sept. 1862) 
als Erbschaft von seinem Vorgänger und führte sie 
durch die bekannte Feldjägersendung energisch zum 
Ende, wobei allerdings das eigene Vorgehen des 
Ministers von Dehn-Rotselser beim Kurfürsten nicht 
zu unterschätzen ist. Wenn auch Kurfürst Friedrich 
Wilhelm diesen Schlag Preußen dauernd nachge 
tragen hat, so wurde sonst das Verhältnis besonders 
durch Bismarcks Bemühungen im diplomatischen 
Verkehr ein durchaus gutes, bis das Entscheidungs 
jahr 1866 kam. Der Vortragende schilderte ein 
gehend die Entwicklung des Einheitsgedankens bei 
Bismarck, wie er schließlich in dem Rundschreiben vom 
10. Juni 1866 feststand gesamtdeutsches Parlament 
mit begrenzten Befugnissen, preußische Herrschaft im 
Norden, bayrische im Süden. Alle Versuche Bayern 
und die anderen deutschen Staaten vom Kriege auf 
Österreichs Seite zurückzuhalten, mißglückten, obgleich 
von Hannover und Kurhessen nur Neutralität ge 
fordert wurde: Hessen sollte der Entwicklung der 
Ereignisse ruhig zusehen, jede Schonung wurde ihm 
verheißen. Trotz allen Abmachungen im eigenen 
Lande entschloß sich der Kurfürst, hinter dem vor 
allem seine Gemahlin stand, zum Krieg gegen Preußen. 
Bismarck hatte zunächst keinen Eroberungsgedanken, 
als höchstens den der Einverleibung Sachsens und 
einer territorialen Verbindung der preußischen Ge 
bietsteile auf Kosten Hannovers und Hessens. Erst aus 
der Abdränguug vom großen Einheitsplan aus einen 
nur norddeutschen Bund (Intervention Napoleons, 
feindliche Haltung des deutschen Südens) erwuchs 
zugleich der Gedanke eines Ersatzes in umfassenden 
Annexionen, der aber erst nach Königgrätz, zwischen 
dem 6. und 9., vielleicht dem 8. und 9. Juli, 
seine endgültige Gestalt gewann, zugleich wurde die 
weitere Schwierigkeit beseitigt, die in den feind 
seligen Dynastien lag, und diesen Gesichtspunkt hat 
Bismarck nach außen stets besonders nachdrücklich 
betont. Gewiß hätten sich die damals annektierten 
Staaten dem späteren Reich einfügen lassen und 
wären durch den Zwang der Entwicklung mit ihm 
verwachsen, wie die andern auch. Damals, 1866, 
war diese Zukunft nicht zu übersehen, und nur aus 
jener Lage hatte Bismarck zu handeln. Er hatte 
zunächst nach preußischer Hegemonie gestrebt, die 
preußische Eroberungspolitik war ihm ein Notausweg, 
den er aber dann mit vollster Entschiedenheit und 
mit genialer Eigenart betrat: entweder vollständige 
Einverleibung oder vollständige Schonung im Hin 
blick aus die künftige Bundesgenossenschaft. Die 
Einhaltung der von den norddeutschen Staaten ge 
forderten Neutralität hätte den Gedanken an Ein 
verleibung garnicht auskommen lassen das Schicksal 
dieser Staaten und somit auch Hessens hat einzig 
und allein aus ihren Thronen gesessen. — Lebhafter 
Beifall bekundete den starken Eindruck, den die Aus 
führungen des Redners gemacht hatten, und in fast 
einstündiger Erörterung einzelner Punkte sprach sich 
besonders seitens der älteren Mitglieder die innere 
Anteilnahme aus. Das Wort ergriffen die Herren 
Rvsenfeld, Hartwig, v. Pentz, Heldmann, Paulus, 
Strippe!, Glaser. Willkommene Ergänzungen bot 
zunächst Archivar Rosenfeld, er machte über mehrere 
von Professor Busch bereits gestreifte Punkte nähere 
Mitteilungen unter Heranziehung und teilweiser Ver 
lesung von neuem archivalischen Material: über die 
Sendung des preußischen Generals v. Willisen an 
den Kurfürsten im Mai 1842, über Beziehungen 
hessischer Politiker zu Bismarck, besonders über die 
Unterredung Friedrich Ötkers mit Bismarck im 
Jahre 1864. Namentlich aus den Berichten der kur 
hessischen Gesandten in Berlin teilt er Verschiedenes 
mit und konnte der Versammlung auch die Originale 
zweier denkwürdiger Aktenstücke vorlegen des durch 
General v. Willisen überbrachten Handschreibens
        

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