Volltext: Hessenland (26.1912)

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ist ganz charakteristisch für den Fürsten, der wieder 
einmal auf die „ungebrannte Asche" hinweist: 
„Quod ad naturalem nostrum Guilielmum 
attinet, satis nobis constat, ingenia talium 
indigere praeceptore; si igitur nolit praecep 
torem lenem, dandus est illi praeceptor ex 
non adusto cinere. Qubd nuptiis sororis 
interesse cupit, id necessitas non postulat; 
ille enim ad studia, non ad choreas desti 
natus est, hoc illi dicas. Bene vale.“ 
(Schluß folgt ) 
Die blinden Hessen. 
Von Professor Dr. K. Stuhl-Würzburg. 
Wenn in dem unterfränkischen, dem Lande der 
Hessen benachbarten Teile des alten Grabfeldgaues 
ein Kind des Volkes etwas nicht sieht, was ihm 
vor den Augen liegt, dann hört es wohl aus dem 
Munde seiner Mutter die Worte: „Siehst du es 
nicht? Da liegt es ja, du blinder Hesse!" 
Seit geraumer Zeit beschäftigt mich, der ich als 
Knabe oftmals selbst ein solch „blinder Hesse" 
gewesen bin. die Frage ttad) dem Ursprünge dieser 
merkwürdigen Redensart. Da las ich, was Vilmar 
in seinem Idiotikon von Kurhessen unter bent 
Beiwort blind bemerkt hat über diese „dem Hessen 
stamme zugewiesene Bezeichnung, die dieser mit 
weit größerer Bestimmtheit trägt als der Volks» 
stamm der Schwaben", und nun will es mich be- 
dünken, als sei ich der Lösung des Rätsels auf die 
Spur gekommen. Mögen die Gelehrten des Hessen 
landes die Erklärung, die ich im folgenden gebe, prüfen 
und entweder billigen oder durch stichhaltige Gründe 
widerlegen und durch eine andere, bessere ersetzen! 
Nach Vilmar also hießen die Hessen bis zur 
Mitte des 17 Jahrhundert niemals schlechtweg 
„blinde Hessen", wie jetzt, sondern „blinde Hunde" 
oder „blinde Hundehessen". So sagt Hans Sachs: 
„Die Hesten engst (neckt) man mit den Hunden"; 
ein Beleg für das zweite findet sich bei Lüntzel. Hildes- 
heimische Stiftsfehde S. 36 u. a. St. (Vilmar). 
Es kommt mithin die Blindheit eigentlich den 
Hunden zu, mit denen man noch zur Zeit des 
Hans Sachs die Heffen „ängstigte" oder foppte, 
eine Bezejchnung, die dann wegen ihrer scheinbaren 
Ehrenrührigkeit unterdrückt wurde und schließlich 
ganz in Vergessenheit geriet. 
Wie aber kommen die wegen ihrer Tapferkeit 
und Kriegstüchtigkeit schon von Tacitus vor allen 
anderen deutschen Volksstämnten gerühmten Hessen 
oder Chatten zu dieser seltsamen Benennung?*) 
*) In ZoozmannS „Zitatenfchatz der Weltliteratur", neueste 
Auflage, ist hierüber zu lesen: Einige leiten den Ausdruck 
„blinde Heffen" her von der Tapferkeit der Heffen im 
Kampfe, wo fie blindlings dreinschlugen, andere von der 
blinden Vertrauensseligkeit, mit der fich die Hessen von 
ihrem „LandeSvater" an die Engländer verkaufen ließen, 
um gegen die Nordamerikaner zu kämpfen. Nach Heyne, 
Wörterbuch, spottend im eigentlichen Sinne. 
Ist es wirklich so, wie I. Grimm in seiner deutschen 
Mythologie, S. 345, andeutet und in seiner Ge 
schichte der deutschen Sprache, S. 566, weiter aus 
führt, daß die Bezeichnung der Hessen als Hunde, 
blinde Hunde auf eine uralte mythologische Stamm 
sage zurückzuführen ist. nach der der Stammes 
ahnherr der Hessen und Schwaben entweder, der 
Sage von den Merowingern und dem Schwanen- 
ritter entsprechend, von einem Hunde stamme oder, 
wie die spätere, gemilderte Sage von den Welfen, 
d. i. jungen Hunden, überliefert, als Neugeborener 
für einen blinden Hund ausgegeben worden sei? 
Daß mit dieser Annahme der Ursprung der 
Bezeichnung keineswegs erklärt ist, liegt aus der 
Hand. Sie geht vielmehr zurück auf die sogenannte 
Volksetymologie, d. i. Falschdeutung des Volkes, die 
durch das lautliche Zusammenfallen einer uralten 
Benennung der Hessen und Schwaben mit dem 
Namen des Hundes veranlaßt wurde. Diese Be 
nennung aber leitet sich her von der Hundertzahl, 
die im Althochdeutschen und anderen germanischen 
Mundarten außer der gewöhnlichen zusammen 
gesetzten Wortform auch einfach Hunt oder Hund 
hieß. Dieses Wort aber ist dasselbe wie das lateinische 
centum, griechische Katon (in He-katon — Ein 
hundert) usw. und war von Haus aus kein Zahl 
wort mit einem bestimmten Zahlwerte, sondern 
ein dem deutschen Kind und lateinischen Wort 
stamme gent, das in der Mehrheit genti (centi) 
auch in den Zusammensetzungen quin-genti usw. 
erscheint, sinngleicher Ausdruck mit der ursprüng 
lichen Bedeutung Nachkommenschaft, Volk, Stamm. 
In der älteren Lautform kund liegt es in den 
nordgermanischen Sprachen in Zusammensetzungen 
wie gotisch himinakund(s) (vom Himmel stammend), 
qinakunds (weiblichen Geschlechtes) vor, in der 
noch älteren Lautstuse gund verbirgt es sich in 
dem Namen der Burgunder. Bur-gundi oder Bur- 
genda (vgl. Burgendaland, jetzt Bornholm), auch 
Burgundiones (Plinius) sind die Buren» oder 
Bauernvölker, die Nachbarschaften. So heißen 
heutzutage noch bei den alemannischen Bewohnern 
des Schwarzwaldes die Bauernschaften Burevölkli, 
d. i. die Bauernvölkchen.
	        

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