Full text: Hessenland (26.1912)

sma> 175 smtt. 
Dach ist ganz verschwunden. Das bekannte schöne 
Renaissance-Portal mit den Wappen der Grasen 
von Hanau-Münzenberg ist erhalten geblieben. Auch 
die wertvolle Münzsammlung konnte gerettet werden. 
Das architektonisch interessante, im spätgothischen 
Stile errichtete Gebäude war über 300 Jahre alt. 
Es wurde vom Grasen Philipp Ludwig II. von 
Hanau gegründet, der das Bestreben hatte, seinem 
Lande eine Zentrale humanistischer Bildung zu 
geben. Am 18. Juli 1607 erschien die eigentliche 
Stiftungsurkunde, aber erst am 3. April 1612 
wurde in feierlicher Weise der Grundstein zu dem 
Gebäude gelegt. 1663 wurde es von seinem Nach 
folger vollendet. 
Oranienstein. Stabsarzt Ha8. 
A u s H e r s f e l d. Die Luisenschule veranstaltete 
einen wohlgelungenen hessischen Heimatabend, in 
dem Mathilde Paars Festspiel „Althessen" aufge 
führt wurde und außerdem u. a. Karl Altmüller, 
Ludwig Mohr, Karl Preser in ihren Dichtungen 
zu Worte kamen. 
A u 8 A l l e n d o r f a. W. Die vom letzten Hturm 
vernichtete Zimmerslinde ist nicht diejenige, unter 
der Wilhelm Müller sein Lied „Am Brunnen vor 
dem Tore" gedichtet haben soll. Als solche könne, wie 
mitgeteilt wird, nur eine der Linden am Hospital 
brunnen in Betracht kommen. 
Aus Fritzlar. Mit den Restaurationsarbeiten 
des Domes wird in allernächster Zeit begonnen. 
AuS Witzenhausen. Der Familientag der 
Gesamtfamilie v. Haustein am 31. Mai aus der 
gleichnamigen Burgruine (vergl. das Werk von 
A. Feh. Burg Hanstein) beschäftigte sich in erster Linie 
mit der Erhaltung und dem Wiederaufbau der 
Burg. Seit einigen Wochen schon wurden dort 
Ausgrabungen vorgenommen, die allerlei Geräte 
zutage förderten. Die alte Burgkapelle, zu deren 
Instandsetzung die deutsche Kaiserin 2000 Mark 
schenkte und die jetzt als katholische Kirche für die 
Gemeinde Rimbach dient, erhält ihre beiden neben 
einander stehenden Spitztürme wieder, die nach 
alten Zeichnungen rekonstruiert werden. 
Aus Alsfeld. Zur Wiederherstellung des Rat 
hauses und der Walpurgiskirche wird eine Geld 
lotterie veranstaltet. 
Ein deutscher Germanistenverband wurde 
am 29. Mai in der Akademie zu Frankfurt a. M. 
begründet. Sein Ziel ist. der deutschen Sprache und 
Kultur im'nationalen Geistesleben, besonders in der 
Jugendbildung, einen ihrer Bedeutung entsprechenden 
Platz zu erringen. An der Spitze des gewählten 
Vorstandes steht Professor Elster-Marburg. In 
Marburg findet im Herbst 1913 die erste Verbands 
tagung statt. 
Hessische Bücherschau. 
Beckmann-Führer. Bad-Nauheim und Friedberg in 
Heffen nebst Umgebung. Bearbeitet von Oberlehrer 
Dr. Strecker und Professor Helmke. 3. verbesierte 
Auflage. Verlag von Walter Seifert, Stuttgart. 
Preis 75 Pf. 
Schon der Titel enthält eine grobe Unrichtigkeit. Pro- 
fesior Helmke hat bei dieser 3. »verbesserten" Auflage 
nicht mitgewirkt und ist also auch für die schweren sach 
lichen Fehler, die dieser Führer im Gegensatz zur 1. und 
2. Auflage enthält, nicht verantwortlich. Bedauerlich ist 
es. daß in der 56 Seiten starken Schrift so ziemlich alles 
über den Haufen gerannt wurde oder unberücksichtigt blieb, 
was bisher über die reiche geschichtliche Vergangenheit von 
Friedberg festgestellt ist. Der Abschnitt, in dem die Ge 
schichte von Friedberg behandelt wird, ist ein Zerrbild, 
dessen Einzelheiten hier nicht alle beleuchtet werden können. 
Für den Kenner liest es sich z. B ergötzlich, daß die Burg 
.zum Schutze der Stadt erbaut wurde" und 1455 .in den 
Besitz der (!) Pfandbriefe" gelangte. Vielmehr hat sich die 
Stadt im Anschluß an die kurz vor 1216 gegründete Burg 
entwickelt, und die Burg kam erst 1535 in den Besitz der 
gesamten Pfandfchaft. (König Karl IV. hatte die Stadt 
Friedberg 1349 verpfändet.) Noch verwunderlicher ist eS, 
wenn dieser Führer für die Folgezeit (15. und 16. Jahr 
hundert !!> von ergebnislosen .Versöhnungsversuchen der 
Kaiser" spricht, die Burg und Stadt einen wollten. Ge 
meint ist ohne Frage der dem 14 Jahrhundert ange 
hörende SÜhnbrief König Albrechts von 1306. Die.Quelle" 
aber, aus der unser Beckmann-Führer hier vermutlich 
schöpfte (Oesterwitz. Vogelsberg mit Wetterau S. 256). hat 
da freilich zum Unglück einen verteufelten Druckfehler: 
1506 statt 1306. Fast am schlechtesten ist der 30jährige 
Krieg weggekommen. Daß die Spanier seit 1620 elf lange 
Jahre in Friedberg hausten, daß die Stadt viermal be 
lagert (1634, 1640. 1645, 1647), dreimal gestürmt und 
geplündert wurde, weiß der Führer nicht. Dagegen erzählt 
er: .Der eine tapfere Verteidiger der Burg, ein Leutnant 
Schulze, wurde vom erbitterten Feinde (!) standrechtlich er- 
schofsen. Ein anderer entging dem gleichen Schicksal (?) 
nur dadurch, daß er als Mönch verkleidet floh." Richtig 
gestellt sei hier, daß Leutnant Christoph Schulze ein schwe- 
vifcher Offizier war, der sich 28. November 1634 (alten 
Stils) den Kaiserlichen ergab (Bönninghausen) und dafür 
von den Schweden, seinen Landsleuten, am 14. Dez. in 
Hanau standrechtlich „arkebufiert" wurde. Der andere, der 
in einer Mönchskutte floh, war Kapitän David PareuS. Er 
überließ 10 Jan. 1630 (alten Stils) die Burg Friedberg dem 
Weimarischen Oberst Rosen, wäre aber, nach Kriegsbrauch, 
keinesfalls .vom erbitterten Feinde" erschollen worden. 
Ferner muß beanstandet werden, daß der Beckmann-Führer 
1793 den französischen General Custine in Friedberg ge 
sehen haben will, der 28. August 1793 in Paris guillo 
tiniert wurde. Es war Houchard, nicht Custine. der 1792, 
nicht 1793, die Wetterau aussog. Man könnte noch mehr 
zür Beurteilung dieser Schrift sagen, die jeden Freund 
unserer Heimat enttäuschen muß. Nicht einmal ein Plan 
von Friedberg ist dem Führer beigeheftet. 
Friedberg i. Hessen. F. Dreher.
        

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