Volltext: Hessenland (26.1912)

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Er summte die Weise vor sich hin, bis er auf einer 
Lichtung eine Maiblumenkolonie entdeckte. Daran 
konnte er nicht vorüber. Rasch füllt sich seine Hand 
mit einem duftigen Strauße, den er mit einem Seile 
im Knopfloch festband. 
Hinten im Kanisberg in feuchter Talmulde wuchsen 
Birken. Die Wahl war schwer. Endlich aber um 
faßte er freudig einen Stamm. Wenige Hiebe — 
und die rauschende, bauschende Beute war sein. 
Aber was war das? Erschrocken fuhr er auf, 
und die Barte entfiel seiner Hand. Gr hatte einen 
Schrei vernommen wie aus Menschenmunde. Er 
starrte ins Dickicht. Vogelgeflatter schien sich drin 
Sit verlieren. Dann Stille. — 
Bange ergriff er Baum und Barte und begab 
sich auf den Heimweg. Immer wieder hemmte er 
den Fuß und glaubte, den merkwürdigen Hall noch 
einmal zu vernehmen. Aber jedesmal täuschte er 
sich, und am Ende rann ihm der Schweiß in Tropfen 
von der Stirn. 
Erleichtert atmete er im Freien auf und stellte 
den Baum vor sich. Er ließ ihn kreisen, und seine 
Augen weideten sich an dem regelmäßigen Wüchse 
der vollen Krone. Wie ein Kind freute er sich seiner 
Habe, und nickte jedem Zweige zu. 
Da fuhr er zusammen. Vom Dorfe her, aus 
dem Gehege des Friedhofes rief der Totenvogel.- 
Deutlich hörte er den unheilkündenden Ton ftch^ 
wiederholen, und das Herz blieb ihm stehen. * 
Gleich aber packte er wie im Zorn den Baum 
in seine Faust und stieß ihn protestierend auf. Und 
jedes Blatt der bebenden Krone gab ihm fröhliche 
Zustimmung. 
Jetzt nahm er ihn wieder auf die Schulter. Bergab 
ging^s, als flöge er dahin, zu ihr. Und das frische, 
junge Leben trug er zu ihr, das sollte sie grüßen, 
das mußte ihr wieder aufhelsen. — j- 
Wieder hemmte der schlimme Prophet des Burschest 
hoffnungsfrohe Schritte, daß er ganz nachdenklich 
dahinfchlenderte und vergaß, was er trug. 
Aber morgen wollte er sie besuchen. Auf dm 
Festtag mußte man ihn doch einmal zu ihr lassen. 
Während die Kameraden alle unter der Linde lustig 
waren, wollte er an ihrem Bett sitzen, ihr in die 
Augen schauen, ihre weiße Hand halten. Und sie 
würden auch so selig zusammen sein, den schwarzen 
Berg der Krankheit übersteigen und hinabsehen in» 
stille Tal des Glückes — von der Hochzeit reden 
von der Hochzeit — 1 
Auf dem Mühlsteg fiel es ihm ein, die grüne 
Last in das Waffer hinabzutauchen. Drauf stellte 
er ihn in die duftende Wiese und schüttelte ihn 
tüchtig, daß ein Regen erquickend seine Wangen netzte. 
Der Wächter rief die Elf, als er in das Korn- 
seld trat, das an die Gärten stieß. 
Et blieb stehen und atmete tief. 
Heller Mondenschein ergoß sich mild über das 
Heintattal, und lausend Stimmen riefen es aller 
Enden; sie wird gesunden, dieser Baum wird sie 
gesund machen. — 
Er zögerte eine Zeit, bis der Wächter ihm aus 
dem Weg war. dann schwang er sich mit jauchzendem 
Herzen über Hecken und Beete, bis er GretenS 
Fenster sah. 
Mauerlang hinter Buchsbaum erglühte gleich 
heiligen Festopferflammen ein Regiment Tulpen. 
Dazwischen stellte er den weißen Stamm fest, und 
sicher, daß die Krone oben ans Fenster fingerte. 
Ob sie es vernahm? 
Eine Weile blieb er lauschend stehn und hielt 
den Atem an. Wie war ihm sein Kopf so heiß! 
Aber dann rasch ein Sprung über die Hecke in 
den Pfad, damit ihn niemand bemerke. 
Doch konnte er den Blick dicht wenden. War das 
nicht ihr Gesicht hinter dem Vorhang? Er starrte 
hin — es kam nicht wieder. Eine Täuschung, weiter 
nichts. Nun ging er dorswärts. Zehn Schritte nur. 
Auf einmal flammte ein Licht in ihrer Stube. 
Gewiß hatte sie der Baum geweckt, ^«nd sie sah 
nach. — 
Mit stiller Freude ging er endlich, wie man geht, 
wenn einem ein sang gehegter Plan gelungen ist. 
Noch einmal sah er sich um, als die Biegung kam. 
, küßte der milde Mond die köstlichen Zweige 
und kündete ihr durchs Fenster, was er gesehen. 
Immer noch der häßliche Ton des Totenvogels!. 
Irgendwoher hallten Tritte. Da verliA er die 
Straße und eilte auf den Haselhof zu. — 
Erst mit dem hereinbrechenden Morgen-war er 
eingeschlafen. In den blühenden, prangendep Dfingst- 
morgen erscholl das wehe Wort vom Sterben einer 
Jungfrau. 
Die Mutter Martins war schon etlichemal an 
seiner Tür gewesen und immer wieder umgekehrt, 
froh, daß sie das Unheil noch für sich behalten durste. 
Aber als es zum erstenmale zur Kirche läutete, 
konnte sie vor Schmerz und Angst nicht mehr bleiben, 
es mußte herunter vom Herzen. 
Er saß gleich im Bett, als sie hereintrat, und 
starrte sie verwundert an. 
„Mußt Dich nicht grämen, Martin, 5as war 
ja vorauszusehn — die Grete war zu krank — ich 
hab das gleich gewußt, Junge, unser einer, guckt 
tiefer." ' 
Sie sagte das mit erzwungener Ruhe und schaute 
an ihm vorbei. Er wußte kein Wort zu erwidern. 
In einem fort starrte er feine Mutter an, als hätte 
er nichts verstanden. Da konnte sie sich nicht mehr 
halten, umschlang seine Schultern, und ihre Tränen 
flössen ineinander. —
        

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