Full text: Hessenland (26.1912)

-«L- 8 Ser 
ben", das glückhafte Luftschiff vom Bodensee, 
überflog am 12. September 1911 das Hessenland 
und seine Hauptstadt — allerdings ohne zu landen. 
Die Luftschiffbesuche, die für später mit Landungen 
in Marburg und Kassel geplant waren, mußten 
leider wegen zu geringer Teilnahme der Besitzen 
den unterbleiben. 
Immerhin war das verflossene Jahr mit den 
Vereinsgründungen in Kassel und Gießen, mit 
den zahlreichen Freiballonfahrten, den Tagen des 
Rundflugs und dem Besuch der Schwaben für das 
Hessenland an luftschifferischen Ereignissen reich. 
Doch es sollte nicht zu Ende gehen, ohne uns ein 
weiteres bedeutsames Erlebnis zu bringen. Refe 
rendar K. Caspar besuchte in den ersten De 
zembertagen mit seinen Flugzeugen seine Vaterstadt 
Kassel. Da er nicht nur einer der erfolgreichsten 
deutschen Flieger, sondern vor allem auch der erste 
und bisher einzige hessische Flieger ist, sei es mir 
erlaubt, einiges über die Persönlichkeit des Mannes 
zu sagen. 
K. Caspar ist ein Herrenflieger in des Wortes 
eigenster Bedeutung, d. h. einer der in Deutschland 
leider noch so wenigen, die, den besten Kreisen 
angehörend, Person und Vermögen der Förderung 
der Flugsache opfern. Caspar entstammt einer 
angesehenen Kasseler Beamtenfamilie. Nach dem. 
Besuch des Kasseler Wilhelmsgymnasiums studierte 
er zunächst in Marburg Rechtswissenschaft. Durch 
vielfache Auslandsreisen war sein Unternehmungs 
geist und sein Wagemut geweckt, er unterbrach das 
Studium, um als Kriegsfreiwilliger an dem Auf 
stand in Südwestafrika teilzunehmen, wo er in 
zahlreichen Gefechten mit Auszeichnung mitkämpfte. 
Eine schwere Typhuserkrankung zwang ihn zuL 
Heimkehr. In Marburg und Tübingen vollendete 
er seine Studien und bestand in Kassel die Nefe- 
rendarprüfung. Nach der ersten Ausbildung in. 
Karlshafen wurde er in den Kammergerichtsbezirk 
nach Berlin versetzt, wo er noch jetzt tätig ist. 
Hier kam Caspar in Beziehung zu der in Johannis» 
thal aufstrebenden Flugsache, der er sich bald mit 
zäher Tatkraft zuwandte. Mit dem ihm eigenen 
praktischen Blick erkannte er sofort die beste und 
aussichtsreichste Flugzeugart und ließ im Oktober 
1910 die erste deutsche „Taube" bei den Rumpler 
werken bauen, mit der er noch heute fliegt. Als 
Caspar zum zweiten Male im Flugzeug saß, flog 
er bereits allein, und mit seiner vierten Fahrt er 
langte er das Zeugnis als Flugzeugführer. Mannig 
fach waren die Schwierigkeiten, mit denen Caspar, 
wie damals mehr oder weniger jeder Flieger, zu 
kämpfen hatte. Doch mit eisernem Willen über 
wand er sie und schritt oder sagen wir- flog kalt 
blütig über sie hinweg der Flugbahn des Erfolges 
zu. Geradezu tollkühn war für die damaligen 
deutschen Verhältnisse sein Plan, von Berlin nach 
Kassel zu fliegen. Es ist bekannt, daß er, als 
sein Versuch bei Merseburg so schrecklich scheiterte, 
immerhin den größten Überlandflug (155 Kilometer 
in 105 Minuten) zurückgelegt hatte. Für seine 
Kaltblütigkeit mag die Tatsache angeführt werden, 
daß er, als er mit gebrochenen Gliedern unter 
seinem Flugzeug lag, sich nicht eher aufheben ließ, 
bevor er eine Anzahl Depeschen diktiert hatte. Als 
man ihm die langen Fliegerstiefeln von den Beinen 
schnitt, bat er lächelnd, man möge sie vorsichtig 
aufschneiden, da sie neu genäht und hoffentlich 
bald wieder gebraucht werden müßten. Sechzehn 
Wochen lag Caspar im Merseburger Krankenhause 
in Gipsverbänden. Doch schon zu Anfang Oktober 
erschien er in Johannisthal wieder am Start. Er 
ließ sich in sein Flugzeug heben und blieb fünf 
Stunden in der Luft. Die Folgezeit war ihm 
eine ununterbrochene Kette von Erfolgen. In der 
Leipziger Flugwoche errang er den ersten Preis 
gegen die besten Flieger, als er bei starkem Hagel 
wetter flog. An die Leipziger Flugtage schlossen 
sich die in Halle. Die andern Teilnehmer ließen 
ihre Flugzeuge mit der Bahn nach Halle bringen. 
Caspar allein wagte es, bei einer Windgeschwindig 
keit von 10—12 Sekundenmetern den Weg durch 
die Luft zurückzulegen, wofür er den Überlandflug 
preis erhielt. Drei weitere erste Preise wurden 
ihm bei denl Hallenser Fliegen zuteil. So wurde 
Caspar zu einem der erfolgreichsten deutschen 
Flieger und brachte des Hessenlandes Namen in 
den schärfsten Wettbewerben zu Ehren. 
Nun kam er zum ersten Male als Flieger in 
die Heimat. Von der traurigen Tatsache, daß 
er weder von der Stadtverwaltung noch von der 
großen Masse der Bürgerschaft die erhoffte Unter 
stützung fand, soll hier nicht weiter die Rede sein. 
Sie war eine bittere Enttäuschung für den tapferen 
Mann. der sich so lange auf den Augenblick ge 
freut hatte, wo er auf den Schwingen feiner Taube 
über dem Hessenlande kreuzen würde. Was Caspar 
als Flieger bedeutet, davon konnten sich alle die 
überzeugen, die in jenen vier Tagen zum Forste 
pilgerten. Trotz dem teilweise widrigen Wetter 
stieg er immer und immer wieder auf und steuerte 
mit sicherer Meisterhand sein wundervolles Flug 
zeug. Man muß ihn auf seinem Führersitz haben 
sitzen sehen, um die Begeisterung zu fühlen, mit 
der er sein Steuer führt. Auf eine Einladung 
des Fliegers durfte ich mit ihm emporfliegen. Als 
wir in sicherem Fluge über den Waldauer Wiesen 
schwebten, sah ich mich nach meinem Führer um. 
Nie werde ich den Ausdruck seines Gesichtes ver 
gessen. er strahlte vor Glück und seine Augen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.