Full text: Hessenland (24.1910)

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Die Wiedergabe des Bildes dürste vielen will 
kommen sein, die sich noch der siebziger Jahre in 
der Kasseler Theatergeschichte zu erinnern wissen. 
In der Mitte des Bildes fitzt der Kleinste von 
allen, Kapellmeister Reiß. 
Karl Reiß war Spohrs Nachfolger (geb. 
24. April 1829 in Frankfurt a. M.), Schüler von 
Hauptmann in Leipzig, erwarb sich als Ehordirektor 
oder zweiter Kapellmeister an den Theatern zu Mainz, 
Bern, Basel, Würzburg die nötige Erfahrung und 
wurde 1854 erster Kapellmeister in Mainz, 1856 
zweiter Kapellmeister in Kassel und nach Spohrs 
Tode (1859) Hofkapellmeister. Von 1881—1886 
war er Hoskapellmeister in Wiesbaden. Er schrieb 
die Oper „Otto der Schütz", die 1856 in Mainz 
aufgeführt wurde. (Vgl. Riemanns Musiklexikon 
1900. S. 928). Reiß vermachte in seinem Testa, 
ment dem Kasseler Theaterorchester zum Besten seiner 
Witwen und Waisen 50 000 Mark. 
Hempel war zweiter Kapellmeister und Diri 
gent des Waizschen Gesangvereins, aus dem be- 
kanntlich der jetzige Kasseler Oratorienverein her- 
vorgegangen ist. Wipplinger (1. Geige). 
Kaletsch (1. Geige), Heilemann (2. Geige), 
Seiß (Bratsche) und Knoop (Violoncell) 
bildeten das erste Quartett für Kammermusik 
in Kassel, das auf vollkommen künstlerischer 
Höhe stand und bei dem auch häufiger die Solisten 
der Bläser mitwirkten. Von den Geigern waren 
Dilcher und Ellenberger beliebte Persönlich 
keiten, sowie die noch lebenden Künstler Heile 
mann, Kaletsch und Grebe. Eine große Zahl 
tüchtiger Schüler ist durch diese bevorzugten Lehrer 
herangebildet worden. Heilemann hat sich auch als 
Klavier- und Orgelspieler, sowie als Komponist 
ausgezeichnet, ebenso als letzterer Grebe, besonders 
ist aber als Tondichter Kaletsch hervorgetreten. 
Otto Kaletsch wurde 1847 in Kassel geboren, 
machte seine ersten musikalischen Studien bei dem 
Königlichen Kammermusiker Ellenberger (Violine) 
und bei dem Kapellmeister des ersten Kurhessischen 
Infanterie-Regiments Nr. 81 Karl Waßmann 
(Pitznoforte und Theorie), besuchte von Ostern 1863 
bis ebendahin 1866 das Leipziger Konservatorium. 
1866 trat Kaletsch in das Königliche Theaterorchester 
als erster Violinist ein. Im Jahre 1878 wurde 
er neben Kammermusiker Strabe! mit der Leitung 
der zu jener Zeit noch stattfindenden Zwischenakts 
musiken betraut, 1904 zum Königlichen Kammer 
virtuosen ernannt und am 1 Juni 1907 auf seinen 
Antrag in den Ruhestand versetzt, bei welcher Ge 
legenheit er mit dem Kronenorden 4. Klasse aus 
gezeichnet wurde. — Neben seiner Tätigkeit im 
Orchester wirkte Kaletsch von 1870 bis 1905 in 
den erwähnten in Kassel und Hann. Münden regel 
mäßig stattfindenden Kammermusik-Aufführungen 
mit. Ferner trat er auch in früheren Jahren als 
Violinvirtuos in feiner Heimatstadt und auswärts 
mit Erfolg auf. Er war auch ein sehr gesuchter 
Musiklehrer und hat zahlreiche Schüler ausgebildet, 
darunter den Prinzen Friedrich Sigismund von 
Preußen. Kaletsch war auch langjähriger Dirigent 
des Männergesangvereins Harmonie in Kassel sowie 
des Chorvereins in Münden und von 1905—1909 
des Damenchors der Hof- und Garnisongemeinde 
in Kassel. Als Komponist war er sehr fruchtbar. 
In den Kammermufikabenden kamen zwei Streich 
quartette (C-moll und A-dur), ein Klaviertrio in 
k'-äur, ein Sextett für 2 Violinen, Viola, Violotta, 
Violoncell und Cellone (O-äur) zur Aufführung, 
letzteres wurde außer in Kassel auch in anderen 
Städten wie London, Karlsruhe usw. erfolgreich 
aufgeführt. Ferner sind noch zu nennen eine Sonate 
für Klavier und Violine, eine Suite für Violine 
und Klavier, ein Duo für Harfe und Klarinette, 
Variationen über ein Thema von Mozart für Violine, 
Viola, Klarinette, Horn, Fagott, Violoncello und 
Kontrabaß; eine Konzertouvertüre für großes Or 
chester (in Kassel, Sondershausen usw. aufgeführt), 
Zwischenaktsmusiken für kleines. Orchester, zwei 
komische Opern „Der Ritterbund" und „Dr. Eisen 
bart" (beide Manuskript), das Ballett „Eine Sommer 
nacht auf Wilhelmshöhe", im Kasseler Königlichen 
Theater wiederholt aufgeführt; Solostücke für Violine 
mit Klavierbegleitung, eine Humoreske für 2 Violinen 
über „Es kommt ein Vogel geflogen", zahlreiche 
Lieder für eine Singstimme, darunter solche mit 
Violin» und Klavierbegleitung; geistliche und welt 
liche Lieder für Frauenchor (mit und ohne Be 
gleitung), Männerchöre, darunter „Sängerschwur" 
mit Instrumentalbegleitung, 1889 in Marburg bei 
Gelegenheit des 1. Hessischen Sängerfestes zuerst 
und auch später von den vereinigten Kassier Männer 
gesangvereinen wiederholt mit großem Erfolge auf 
geführt. Außerdem sind noch zu erwähnen „Meine 
Göttin", Gedicht von Goethe für Männerchor, Sopran-, 
Alt-, Tenor- und Baßsolo mit Orchester, sowie zahl 
reiche Gelegenheitskompositionen. 
Bratsche spielte noch Rundnagel, der auch 
gleichzeitig Hoforganist an der Garnisonkirche in 
Kassel war und sich als Komponist einen geachteten 
Namen erworben hat. Rundnagel war sehr tüchtig 
als Orgelspieler und hat in manchem Kirchenkonzert 
den Kasseler Musikverständigen die klassischen Orgel 
kompositionen künstlerisch vollendet vorgeführt. 
Karl Nundnagel wurde am 4. April 1835 
zu Hersfeld geboren. Schon mit 15 Jahren wurde 
er Schüler Louis Spohrs und hatte sich stets des 
besonderen Wohlwollens des großen Meisters zu 
erfreuen (vgl. Musiklexikon von Mendel-Reiß-
	        

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