Full text: Hessenland (24.1910)

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Schupp brauchte in Hamburg über Mangel an 
Arbeit nicht zu klagen. Außer am Sonntag 
hatte er auch am Mittwoch und Freitag Gottes 
dienst zu halten, und aus eigenem Antriebe richtete 
er am Donnerstage eine Betstunde ein. Seine 
Gemeinde zählte nach Tausenden, und er bezeugt 
mehrfach in Schriften, was für Schwierigkeiten 
ihm die Seelsorge bereitete. Da kam eine Frau 
zu ihm in ihrer Seelenangst, die einen Meineid 
geschworen hatte, und machte ihm mehr zu schaffen 
als Gelehrte auf Universitäten, die ihm in einer 
andern Angelegenheit widersprochen hatten. Eine 
andere wollte sich von ihrem Manne scheiden 
lassen, weil er ins Unglück geraten war. Viele 
klagten ihm, sie hätten einen Teufel bei sich. 
Andere Leute, vor allem Studenten, begehrten 
Unterstützung oder Beförderung, und wenn er ihnen 
nicht helfen konnte, verleumdeten sie ihn, und was 
dergleichen mehr war. Für seine Arbeit erhielt 
er jährlich 1335 Mark Gehalt einschließlich der festen 
Akzidenzien. Wenn auch damals das Geld einen 
höheren Wert besaß als heutzutage, so hätte er 
doch noch weit mehr nötig gehabt, um all die 
Hände füllen zu können, die sich ihm entgegen 
streckten ; denn die reichen Hamburger hielten, wie 
er selber bezeugt, die Hände auf ihre Taschen. 
Tatsächlich hat er nichts erübrigt, und seiner 
Witwe ging es später recht übel; ich kann das 
aber hier nicht weiter ausführen. 
Auch in Hamburg hat Schupp fleißig gearbeitet, 
wie er es von früher gewohnt war. Einladungen 
zu Familienfesten nahm er nur ausnahmsweise 
an. Seine Stunden hatte er genau eingeteilt. 
Diesem Eifer entsprach denn auch die Beliebt 
heit in seiner Gemeinde, besonders die armen 
Leute sahen in ihm ihren Patron. Der Zulauf 
zu seinen Predigten war gewaltig. „Auff den 
Sonntag ist die Kirche offt so voll, daß der 
Prediger sich durch das Volck tringen muß nach 
der Cantzel zu," sagt er gelegentlich, und zu seiner 
Verteidigung gegen Verleumdungen: „Unterdessen 
kommen gleichwol noch [1658] Leute auß andern 
Kirchspielen, vom Kehrweder, von dem Altenauer 
Thor, und von andern äussersten Orten der grossen 
Stadt Hamburg, nach S. Jacob: Der Klingel 
beutel oder Gottskaste nimbt des Jahres etliche 
tausend Marck Lübisch mehr ein, als vor meiner 
Ankunfft geschehen: Wie viel tausend die Kirche 
seithero ich hier gewesen bin, für Stüle einge 
nommen habe [sie wurden ja früher verkauft], 
ist den Herrn Leichnams- und Kirchgeschwornen 
wol bekant . . . Was das sehe, wann die Kirche 
so voll Volck ist, das hab ich erfahren müssen. 
Es wohnet ein Mann nicht zwantzig Schritt von 
S. Jacobs Kirchen, der weiß, was ich für einen 
Schaden auff der Cantzel bekommen habe. Den 
kan mir die Kirche !zu S. Jacob mit keinem 
Gelde bezahlen. Und wie mancher reicher in 
Sammet und Seiden gekleideter Mann, ist auß 
andern Kirchspielen nach S. Jacob kommen, der 
mir sein Lebtag nicht einen Sechsling geben." 
»Du Hamburg weist'auch wol von feiner Redligkeit, 
... Die Stüle werden voll, 
Kein Apffel kan auch fast auf seinen Boden kommen, 
Wenn Er sich hören lest. ES lieben den die Frommen. 
Die Bösen Haffen Ihn, und werden rasend toll . . * 
So singt einer seiner Verteidiger. Er selber 
bekennt: „Zum vierten, bin ich sxtraoräiriari hof- 
färtig gewesen, als ich in diese grosse Stadt kam, und 
die Leute einen Narren an mir gefressen hatten, 
und thäten, als wann sie einen Abgott aus mir 
machen wollen ... Ich gieng einsmahls über 
einen vornehmen Platz, da stunden etzlich Leut, 
welche ihre Hüt abzogen, und sehr tieffe Reverentz 
gegen mir machten: Einer unter ihnen sagte, da 
gehet ein Mann, der so viel Rosenobel werth ist, 
so viel Haar er auf seinem Kopffe hat. Das 
ist ein Mann, der einem die Thränen aus den 
Augen predigen kan . . " 
Das war es aber, was den Neid feiner Kol 
legen hervorrief, vor allem seines Nachbars an 
der Peterskirche, des Seniors Müller. Seinerzeit 
hätte er dem rüstigen Witwer gern eine seiner 
10 Töchter zur Frau gegeben, nachher verfolgte 
er ihn mit seinem Haffe. Natürlich gab Schupp 
die Handhabe zu den Angriffen. Die waren bei 
seiner satirischen Ader leicht zu finden. Er predige 
Fabeln und dergleichen, sagte man, und gebe 
satirische Schriften heraus, die einem Geistlichen 
übel anstünden. Schupp fand nämlich trotz aller 
Arbeit noch die Zeit zur Schriftstellerei. 
„Wann andere Leute [man kann hier an Müller 
mit seinen 15 Kindern denken] bey ihren Weibern 
geschlaffen und wol geruhet haben, habe ich unter- 
weilens biß in die späte Nacht, ja biß die Morgen 
röthe wider hat anbrechen wollen, gesessen, und ein 
Tractätlein oder zwantzig in Lateinisch- oder Teut 
scher Sprache von unterschiedlichen nützlichen Dingen 
verfertiget. — Gleich wie ein ander nach dem er 
des Tages Hitze getragen, seine rsoreatiou sucht 
im Bretspiel, in der Karten oder im Spatzieren 
fahren. Also suche ich die Erfrischung und wieder 
Erquickung meines Gemüths in solchen Schriften." 
Als die ersten der Art erschienen, es war im Jahre 
1657, griff man sofort ein und lud ihn am 
22. September vor den Konvent des geistlichen 
Ministeriums. Man untersagte ihm die Fabeln, 
durch die er die Leute anziehe, und -die satirischen 
Schriften. Es gab Verhandlungen über Verhand-
	        

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