Full text: Hessenland (24.1910)

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Braten. Aber mich armes Blut begehret ihr nicht 
zu retten, sondern wollet mich berauben lassen, 
des besten Zierraths, welchen ich von der Natur 
hab ... Ich liesse den Gecken murren biß der 
Bartputzer käme. Als ich sahe, daß es an den 
Bindriemen gehen wolle, sagte ich, Gnädiger Fürst 
und Herr, E. Fürstl. Gnad. wollen doch ein Wort 
von mir hören. Ich sorge daß das Ding nicht 
angehe. Warumb sagt der Fürst. Ich antwortete, 
als Herr Johannes seine Gemahlin genommen, 
haben sie ihre Ehe paoten auff Kaiserliche Rechte 
kundiret. Ich bin kein Jurist. Allein ich höre, 
daß die Kaiserliche Rechte mit sich bringen, daß 
was Mann und Weib in stehender Ehe erwerben, 
das sollen sie mit einander theilen. Nun hat Herr 
Johannes seinen Barth, in stehender Ehe erworben, 
wie mir genugsam bekant ist. Als ist die Helffte 
sein, die ander Helfft seiner Gemahlin. So wollen 
nun E. Fürstl: Gnad: ihm vergönnen, daß er 
nach N. zu seiner Gemahlin lauste, und frage ob 
sie auch zufrieden sey, das ihm umb zwantzig 
Reichsthaler der Barth abgeschoren werde? Ist 
seine Gemahlin damit zufrieden, so thuen E. Fürstl. 
Gnaden nach ihrem Belieben. Der Fürst fieng an 
zu lachen, und Herr Johannes behielt seinen Barth." 
Die Frömmigkeit des Landgrafen rühmt 
Schupp oft; besonders erzählt er ein Beispiel von 
der strengen Zucht, die er nach damaliger Sitte 
an seinem Hofe hielt: „ . . einer seiner vor 
nehmsten Adelichen Diener hatte einen Knecht, 
welcher Hurerey getrieben. Der Edelmann liebele 
den Knecht und suchte alle Mittel von der Kirchen 
buße ihn loß zu machen; Allein der dapffere Held 
antwortete, ich halte N. N. für meinen Freund. 
Allein ich wil lieber ihn auß meinen Diensten 
lassen, als daß ich seinen Knecht der Kirchenbuße 
erlassen solle." Bestätigung und Datum fand ich 
im Braubacher Kirchenbuche unter Poenitentes, 
den 18. Oktober 1648. Es handelte sich um einen 
Kutscher und ein Frauenzimmer, das nicht zum 
erstenmale gefallen war. Ein anderes Zeugnis 
von des Landgrafen kirchlichem Sinn werde ich 
gelegentlich noch mitteilen. 
Schupp hatte in Braubach auch Unannehm 
lichkeiten, die wir nicht ganz deutlich zu erkennen 
vermögen. Er schreibt darüber von Münster und 
beklagt sich, daß man ihn verleumde und einen 
Neuerer schelte, ihn, der es immer so gut mit den 
Braubachern gemeint und so manches gute Wort 
für sie beim Landgrafen eingelegt habe. Besonders 
viel habe er von dem Pfarrer erdulden müssen; 
es war Magister Johannes Caspar Horresius 
(1626—1672 in Braubach), der anderwärts als 
ein tüchtiger Geistlicher gerühmt wird. Sicher ist, 
daß es sich unter anderem um Fragen der Kon 
fession handelte. Er hatte dem Pfarrer von 
Ems Verhaltungsmaßregeln für die Wahrung der 
lutherischen Religion gegeben. Gegen die „Papisten", 
meint er, fei dieser allerdings etwas zu stürmisch 
verfahren, aber was er gegen die „Calvinisten" 
getan habe, sei zu übel ausgelegt worden. Viel 
leicht hat er auch sonst noch Reste der von Land, 
gras Moritz eingeführten „Verbesterungspunkte" 
hinausgekehrt und als überzeugter Lutheraner nach 
bestem Gewissen für die „Augsburgische Konfession" 
gestritten. Aber wie die Gemeindeglieder nun 
einmal mißtrauisch gegen Änderungen sind, auch 
wenn sie nur eine Wiedereinführung des Alten 
bezwecken, wird man ihm das übel ausgelegt haben. 
Näheres wissen wir nicht darüber. 
So einschneidend, wie sie ihm im Augenblicke 
erschienen, können diese Verstimmungen auch nicht 
gewesen sein, sonst hätte er nicht noch zehn Jahre 
später geschrieben: „Der hochlöblichen Stadt Augs- 
purg wolbestallter Syndicus,.. Herr D. Johann 
Kolb, war damals Fürstl. Rath zu Braubach, als 
ich daselbst Abschied nahm, der wird nach seiner 
hochrühmlichen vexteritüt zeugen können, daß ich 
nicht' allein am Fürstl. Hofe, und bey meinen 
Zuhörern, sondern auch bey den Priestern und 
anderen Beampten auff dem Land VE8IVEPIPM 
ME! ^Sehnsucht nach tnir] hinterlassen habe." 
Auch bei seinem Fürsten ist er in gutem An 
denken geblieben, er hat sich für das fernere 
Ergehen seines früheren Hofpredigers interessiert. 
Dieser erzählt: „Herr Landgraf Johann zu Hessen- 
Braubach, ließ mich einsmals fragen, wie es mir 
in Gambrivia (Hamburgs ergehe? Ich danckte 
unterthänig für die gnädige Nachfrage, und ant 
wortete, ich sey wol zu frieden. Allein ich wünsche 
unterweilens, daß ich den Sauerbronnen haben 
möge, welchen deß Müllers Esel zu Braubach 
sauste. Ich wolte dem Esel gern Spanischen Wein 
dafür gönnen. Darüber hatte sich der hochseelige 
Fürst höchlich belustiget, daß er gleichwol etwas 
zu Braubach habe, das man in gantz Gambrivia 
nicht habe." 
Mit diesem Sauerbrunnen hatte es eine 
eigene Bewandnis. Seine Pflege empfahl Schupp 
ja auch dem Landgrafen in einem Briefe vom 
4. Januar 1647. Gemeint sein dürfte wohl der 
„Dinkholder Brunnen", der ein halbes Stündchen 
von Braubach entfernt liegt. Wie wir aus einer 
von Schupps Schriften, die er in Braubach ver 
faßt hat, erfahren, war dieser Brunnen sein Lieb 
lingsaufenthalt, über oder bei dem er sich aus 
Bäumen oder Sträuchern eine natürliche Laube 
gezogen hatte, in der er sich zur Erholung von 
Amtsgeschäften mit literarischen Studien befaßte. 
(Schlich folgt)
	        

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