Full text: Hessenland (16.1902)

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wagte ich nicht, die Stille durch ein banales Wort 
zu unterbrechen. 
„Wie lauten doch", wandte er sich endlich wieder 
zu mir, „die herrlichen Worte, welche Byron im 
Childe Harold an das Colosseum richtet, das man 
bei Mondschein besuchen soll?" 
Ich zitierte die Strophe: 
„Doch wenn der Blond im Aufgang sich erhebt 
Zur höchsten Höh' und dort zuweilen scheint: 
Die Sterne funkeln durch die ewige Zeit — 
Wenn sanft der Nachtwind rauscht und leis bewegt 
Das üppige Laub, der alten Mauern Zier, 
Dem Lorbeer gleich, der Cäsars kahles Haupt bekränzt, 
lind mildes Licht Dein Aug' erfreut, 
(Schluß 
Dann laß in diesem mag'schen Rund 
Die Toten auserstehn! 
Hier schritten Helden einst, Du trittst auf ihren Staub!" 
„Sv lautet es, ja," unterbrach er mich indem 
er mir die Hand aus den Arm legte. „,dann laß' 
in diesem mag'schen Rund die Toten auferstehn'. 
Sie sollen wissen, was mich zu dem einsamen freund 
losen Mann gemacht, als der ich Ihnen erschienen 
bin. Vielleicht hat es einigen Nutzen für Sie." 
Ich bat ihn, sich nicht schmerzlicheit Erinnerungen 
hinzugeben, nicht etwa alte Wunden zu berühren, 
aber Zeit und Ort schienen sünftigend ans ihn zn 
wirken. 
folgt.) 
Bergluft. 
Erinne r n il gen eines Ü b e r l ä u s e r s. 
Von Valentin Traudt. 
in Kultusminister ist immer ei» gebildeter und 
liebenswürdiger Mann und sozusagen die Amme 
vieler jungen Talente. Auch mich hatte er unter 
seine fürsorglichen Fittiche genommen und mir Ge 
legenheit gegeben, aus dem großen Tops mitessen 
zu dürfen. . . . Und was so einem Hochgestellten 
nicht alle im Kopfe herumgeht! Damit will ich, 
seine riesigen geographischen Kenntnisse, die er als 
Schulmann ja haben muß, in allen Ehren, keines 
wegs behaupten, daß er das furchtbar einsam ge 
legene kalte Fuchsloch, Kirchdorf im Kreise Ranh- 
srvst, gekannt hätte, auch nicht, daß er etwa gar 
mit mir oder dem dortigen Bürgermeister in näherer 
Beziehung gestanden habe; aber doch das, daß er 
in der Regierung zu Sittlingen ein Organ hatte, 
dem es bekannt war, daß in Fuchsloch seit vier 
Jahren kein Schullehrer fungiere. Auf de» er 
denklich schlechtesten Wegen mich durch die Wälder 
schlagend, war ich in dem Dorfe angekommen. Es 
wollte gerade Winter werden und die mit Schiefer 
gedeckte Ostseite der Häuser war schon mit Moos 
und Stroh gegen die rauhen Stürme geschützt. 
Der Herr Assessor, welcher den Kreis provisorisch 
verwaltete, ein sehr seiner Herr, hatte mir lächelnd 
erklärt, daß man da oben im Winter oft sechs 
Wochen eingeschneit sei, noch nie ein Schulrat oder 
sonstiger Revisor dort gewesen wäre, ich aber doch 
fleißig sein müsse. Es sei ein Posten für einen 
jungen, strebsamen Mann. . . . Gewiß gab es 
viele schönere Schulstellen, die man revidieren konnte, 
und eine noch größere Zahl besserer, die die Streb 
samkeit ungeheuer unterstützen mußten. . . . Für 
mich mußte es gerade dieses Nest sein. . . . 
Tie Jugend von Fuchsloch war nicht gerade 
erbaut von meiner Ankunft, sintemalen ihr das 
Waldlungern und Nesterausheben, das Viehhüten 
und Beerensuchen, das Schlittenfahren und Schnee- 
ballspiel viel wichtiger dünkte. Umso liebevoller 
nahmen mich die Honoratioren des weltbekannten 
Sturmbadortes ans. Der alte Pfarrer, Vater dreier 
Töchter, Besitzer eines vorsintflutlichen Taselklaviers, 
das nie gestimmt worden war, erwartete in mir 
einen Gesellschafter, der graue Förster, ein Teufels 
braten feinster Nummer, einen Kartenfreund, der 
Bürgermeister einen Schreibersknecht und die diversen 
Bauerntöchter den Verfasser ihrer kernigen Liebes 
briefe an den Musketier oder Dragoner August, 
Hannes oder Christoph. Jedenfalls wurde ich wie 
ein Triumphator empfangen, und eine ganze Menge 
von Festlichkeiten, vermutlich zn meinen Ehren, wurden 
veranstaltet. Zunächst schlachtete der Torfgewaltige 
zwei fette Schweine und lud die ganze gebildete 
Gesellschaft dazu ein, dann gab es eine große 
Spinnstube mit nachfolgender Keilerei, ganz im 
Nahmen alter Gewohnheit, später einen Abendthee 
mit klassischer Musik aus Clementis Anfängerheften 
und zum Schluß eine Treibjagd mit Rehleberessen. 
Sv hatte ich denn Gelegenheit genug, die riesige 
Aufnahmefähigkeit im Leiblichen und „Geistigen", 
sowohl bei den Alten wie bei den Jungen kennen 
zu lernen, und es bedünkte mich, als stände die 
Sicherheit der Jugend in diesen Dingen in einem 
argen Mißverhältnis zu den Bemühungen derselben 
in der Schule. Von mir verlangte man weiter 
nichts, als die Fähigkeit, sie alle zu übertreffen, 
zn wissen, wie schwer die einzelnen Schweine seien.
	        

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