Full text: Hessenland (16.1902)

Das wilhelrnshöher Riesenschlotz unö öre Herkulesstatue 
unö ihre 
Von C. Ne 
ine strenge und unerbittliche Herrscherin ist die 
Geschichtsforschung. Manche der Mit- und 
Nachwelt überlieferte und von Tausenden gläubig 
nacherzählte Begebenheit wird durch zufällig ans- 
gefundene Urkunden oder Aufzeichnungen entweder 
als geradezu unwahr hingestellt, oder doch als nicht 
fv geschehen, wie bisher mitgeteilt worden; und 
es wird aus solche Weise der Schleier manches 
dunkeln Geheimnisses gelüstet. Wenn nicht im 
Jahre 1900 Arbeiten an dem Niesenschloß zu 
Wilhelmshöhe stattgefunden hätten und wenn 
nicht bei dieser Gelegenheit die Schüdeldecke des 
alten Heiden ans der Pyramide abgenommen und 
dabei die verhängnisvolle Platte entdeckt worden 
wäre, so würde wahrscheinlich niemand auf den 
Gedanken geraten fein, daß ein anderer als der 
bis dahin allgemein genannte Kasseler Hof-Kupfer 
schmied Otto Philipp Küper die Herknlesstatne 
verfertigt habe. Nicht immer steht aber auch das 
Verhältnis der Beteiligung von zwei Künstlern 
an dem nämlichen Werke so fest, wie z. B. bei 
dem Denkmal des Großen Kurfürsten auf der 
Langen oder Kurfürsten-Brücke in der Nähe des 
Königlichen Nesidenzschlosses zu Berlin, als dessen 
Schöpfer der berühmte Baumeister und Bildhauer 
Andreas Schlüter und als ausführender Gießer 
der auch angesehene Kupferschmied Johann Ja- 
coby genannt werden. 
Bevor wir nun zur Herkulesstatue übergehen 
lind zu der Frage, von wein dieselbe herrühre, 
ob von dem bereits genannten Küper oder dem 
neuerdings auf die Bildflüche getretenen Johann 
Jakob Anthoni, Goldschmied aus Augsburg, 
möchte es sich empfehlen, wenigstens in großen 
Zügen die Baugeschichte des Riesenschlosses aus 
dem Winterkasten vor uns vorüberziehen zu lassen, 
und zwar einmal auf Grund der darüber vor 
handenen Schriften und Bücher in der hiesigen 
Landesbibliothek und der Bibliothek des hessischen 
Geschichtsvereins, sodann aber der im Königlichen 
Staats-Archive auf dem Schlosse zu Marburg 
vorhandenen Urkunden, wobei hiermit den Be 
amten dieser Anstalten für ihre freundliche Unter 
stützung der verbindlichste Dank ausgesprochen 
wird. 
Erbauer. 
ber, Kassel. 
Landgraf Karl, der bekanntlich von 1670-1730 
regierte, errang nicht nur durch seine in verschiedenen 
Ländern siegreichen Truppen kriegerische Lorbeeren, 
sondern verstand auch daneben, mit der Friedens 
palme sich zu schmücken, und hat namentlich zwei 
weltberühmte Schöpfungen hinterlassen: die Karls- 
Aue und das Riesenschloß zu Wilhelmshöhe, 
das von der Mitwelt wegen des ungeheuern 
Kostenanswandes und der mühseligen Arbeiten 
vielgeschmähte, dagegen von der Nachwelt gepriesene 
und angestaunte Werk. Vergegenwärtige man sich 
die damaligen Zustände, in denen sich die jetzt 
mit so herrlichen Anlagen ausgestattete und von 
so zahlreichen Einheimischen wie Fremden besuchte 
Wilhelmshöhe befand. Zwar hatte schon Land 
graf Moritz der Gelehrte (1592 — 1627) an 
Stelle des einstigen Klosters Weißenstein ein 
ganz ansehnliches Schloß aufgeführt (1606) und 
dasselbe mit verschiedenen Anlagen umgeben. Dieses 
Schloß war aber in den Stürmen des dreißig- 
jährigen Krieges zerstört und die schönen Anlagen 
weggefegt worden. Da faßte der stets für das 
Große und Erhabene glühende und wegen der 
Vielseitigkeit seiner Neigungen und seines Sammel- 
Eifers in der damaligen Sprechweise als „curieuser 
Herr" bezeichnete Landgraf Karl den kühnen Plan, 
die zwar arg verwilderte, indessen mit prächtigen 
Waldungen versehene Gegend, in welcher auch 
mancher hessische Landesherr mit seinem Gefolge 
des edlen Waidwerks pflegte, durch einen groß 
artigen Bau zu verschönern, zugleich aber die 
Ruhmesthaten der tapfern Heerschaaren 
des Hessenlandes durch ein weithin über 
die Berge hinaus sichtbares Denkmal 
berf)errltcf)ett. 
Bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts (1696) 
wurde begonnen, jedoch das damals in Angriff 
genommene Stück auf der eigentlichen Spitze des 
Berges, welches daher den Namen des alten 
oder kleinen Winterkastens noch führt, rechts 
von der späteren Anlage und noch heutigen Tags 
von der Wirtschaft benutzt, bald wieder, vermnt- 
') Bergt, die Inschrift einer später noch zu erwähnenden 
Medaille auf den Herkules; s. auch Rommel Bd. X, S. 158.
	        

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