Full text: Hessenland (16.1902)

Advent. 
Und wieder kommst Du hoch vom Fimmel her 
Und suchst Dein ewig-altes Gottesrecht 
Und bringest Deines Lebens heil'gen Glanz 
Mit Kraft und Macht dem heutigen Geschlecht. 
Und wieder wenden sich empor zu Dir 
Die Menschenseelen, die voll Heimweh sind, 
Die heißen Kerzen an der Welt verbrannt, 
Die Augen, die vom Suchen matt und blind. 
Der Welten Rätsel tragen sic zu Dir, 
Der alten Fragen ungelöst Problem, 
Die (Dual der Sinne, das verlor'ne Glück; 
Der Philosophen wandelbar System, — 
Das krasse Elend, das die Welt durchmißt, 
Des Lasters Schmach, der Armut bitt're Not, 
Die Einsamkeit, in der die Seele weint, 
Das harte Alter und den bittren Tod. 
„Da nobis pacem“ schrei'n sie auf zu Dir: 
Ach, ohne Dich ist alles wüst und leer! 
Und wieder wanderst Du nach Golgatha 
Mit einem Kreuz, das tausendmal so schwer 
Geworden durch die Sünden unsrer Zeit. 
Und lächelst selig: „Kommet her zu mir, 
Die ihr mühselig und beladen seid." 
Rege"»,, urg. Ifl, Rerbm 
Wintergedanke. 
Alt ist das Jahr, Schnee deckt die Flur, 
Und unterm Schnee die Frühlingsboten lauern, 
Aus der Vernichtung rettet sich Natur 
Zur Auferstehung nach des Todes Schauern. 
Du altes weißes Haupt in Grabes Näh', 
Vast Du gepflegt in Deiner Seele Tiefen 
Den Keim zum Leben, daß er aufersteh', 
wenn Dich des jüngsten Tags Posaunen riefen? 
Einsamkeit. 
Ein Spielmann das Leben, 
Er geiget zum Tanz; 
Auch ich war noch eben 
Im wirbelnden Kranz. 
Meine Partner das Glück 
Und der Frohsinn vereint — 
Jetzt blieb ich zurück, 
Von niemand beweint. 
Kein Tanzen, kein Geigen, 
Nur Einsamkeit, 
Nur tödliches Schweigen 
Ist weit und breit. 
Du Spielmaun, du guter, 
Hab' Dank und leb' wohl 
Und schick' mir den Bruder, 
Der trösten mich soll. 
© ö 111 n g e n. 
t. B.
	        

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