Full text: Hessenland (16.1902)

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schauten sie mich unter dunkel umsäumten Wimpern 
lieblich, halb ängstlich an. 
Fast stotternd bat ich sie, Platz zu nehmen, und 
erst der hilflose Ausdruck, der aus dem reizenden 
Gesichtchen erschien, ries mir ins Gedächtnis zurück, 
daß dies Engelchen — wie ich sie innerlich titu 
lierte — ja leider nur englisch sprach. 
Also heraus mit den Kenntnissen! Ich weiß 
nicht mehr, was ich gesagt, weiß nicht, ob sie mich 
verstanden hat, aber aus ihren lebhaft heraus- 
gesprudelten, unzähligen yes, yes, yes, o yes, yes 
konnte ich ihre Bereitwilligkeit, sich all meinen 
Anordnungen zu fügen, erkennen. 
Zunächst brachte ich Schwester Jane zu ihren 
Landsmänninnen, empfahl sie aber außerdem noch 
extra der Schwester Adelheid, einer feingebildeten 
Franksurterin, die die englische Sprache beherrschte 
und mir und den andern Schwestern schon oft als 
Vermittlerin gedient hatte. Tann stürzte ich mich 
wieder in meine Arbeit, und davon gab es so 
viel und von so ernster Natur, daß ich darüber 
das Engelchen gar bald total vergessen hatte. Auch 
die nächsten Tage waren so ausgefüllt, daß ich nicht 
an Schwester Jane dachte, sie fiel mir erst wieder 
ein, als sie eines Morgens meinen Weg kreuzte 
und mich gar lieblich und anmutig begrüßte. Sie 
war aus dem Weg nach dem Badezimmer, um ein 
Bad für einen Typhuskranken herzurichten; die linke 
Hand hielt das Thermometer umklammert, und der 
rosige Zeigefinger der rechten lag krampfhaft fest 
gedrückt aus dem ihr von Schwester Adelheid an 
gegebenen Wärmegrade. 
„Wie macht sie sich denn?" fragte ich Schwester 
Adelheid, die ich gerade im Bureau traf, dem 
einzigen Raum, der ihr die Möglichkeit bot, einmal 
ein paar Bissen ungestört zu essen. 
„Wer?" fragte diese zurück. 
„Schwester Jane." 
„Lieber Sanitätsrat," ries Schwester Adelheid 
ausfallend erregt, „sehen Sie mich mal genau an. 
Habe ich noch keine grauen Haare bekommen? Nein? 
Nun, ein Wunder wäre es nicht, denn etwas ab 
solut Unbrauchbareres als dies Menschenkind ist 
mir noch nicht begegnet." 
Sprach's und war hinaus, mich in großem Er 
staunen ob des eben Gehörten zurücklassend. 
Nur zu bald sollte ich erfahren, daß meine gute 
Schwester Adelheid mit ihrem Urteil über das 
Engelchen nur zu recht gehabt hatte 
Im Begriff, mich zu den Kranken zu begeben, 
hörte ich, von der Gegend des Badezimmers her 
kommend, Schwester Adelheids Stimme. „O bu 
großer Gott! Schwester Jane, was ist das nun 
wieder!" 
Ich beschleunigte meine Schritte und kam so 
gerade hinzu, wie Schwester Adelheid mit hoch 
geschürztem Gewand durch das überflutete Bade 
zimmer schritt, mit energischer Hand die beiden 
noch immer laufenden Krähne schloß und das Ab 
zugsrohr öffnete. Am Fenster aus einem Stuhl 
stand Schwester Jane, in der Hand ein Buch, über 
dessen Inhalt sie vermutlich vergessen hatte, die 
Krähne zu schließen, und schaute hilflos, mit in 
Thränen schwimmenden Blauaugen, auf die an 
gerichtete Sintflut. 
Ich war ebenfalls äußerst ärgerlich, konnte aber 
trotzdem nicht umhin, innerlich die Bemerkung zu 
machen, daß Schwester Jane unglaublich liebreizend 
in ihrer Demut und Hilflosigkeit aussah; in ihren 
• Augen lag der Ausdruck eines geängstigten Kindes, 
welches fürchtet, gescholten zu werden, und ich 
drängte jedes harte Wort zurück, welches mir auf 
der Zunge schwebte. 
Sie machte aber, offenbar aus Rücksicht auf ihre 
feinen schwarzen Schuhe, keinerlei Anstalten, ihren 
Zufluchtsort zu verlassen. So rief ich den braven 
Schölten zu Hilfe. 
Dieser in jeder Situation höchst brauchbare 
Mensch übersah die Sachlage mit grimmigem Lächeln, 
1 machte sofort „kurze Fufzehn" und trug Schwester 
! Jane auf seinen starken Armen aus dem Bereich 
ihres unheilvollens Wirkens. 
„Nun. was habe ich Ihnen gesagt, lieber Sänitüts- 
rat," fragte Schwester Adelheid, die ans den Knieen 
liegend, mit einem Tuch die letzten Wassermassen 
aufzusaugen versuchte, „absolut unbrauchbar! Sie 
ist nicht imstande, einem Kranken einen Löffel 
Medizin zu geben, ohne die Hälfte zu verschütten 
und die Stunde zu vergessen; von andern Hilfe 
leistungen, wie Wunden verbinden n. dgl. ganz zu 
schweigen!" 
„Sie mögen recht haben, liebe Schwester," war 
meine gedrückte Erwiderung, „es hilft uns aber 
alles nichts, Ihre Königliche Hoheit haben die Ver 
wendung dieser Schwester zu dringend gewünscht." 
„Das mag sein, aber dann bitte verfügen Sie 
selbst in Zukunft über die Verwendung dieser 
Schwester, ich danke", entgegnete mir Schwester- 
Adelheid etwas kurz und verschwand mit ihrem 
Wischtuch. 
Ich seufzte. Da war wirklich guter Rat teuer. 
Das Küchendepartement war reichlich versehen und 
an Pflegeschwestern großer Mangel, ich hätte das 
Engelchen darum nur zu gern als solche behalten. 
Wir hatten im ganzen mehr Kranke als Verwundete 
in unserm Lazarett, das Belagerungsheer von Metz 
sandte uns viel Typhus- und Ruhrkranke zu, welche 
später durch die französischen Gefangenen noch ver 
mehrt wurden.
	        

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