Full text: Hessenland (16.1902)

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Lennox will ihn nicht stören; er verläßt leise das 
Haus, um in seine warmen und eleganten Zimmer 
zurückzukehren. — — — 
Aber Donald Quentin schläft weiter, immer weiter, 
für ihn gibt es kein Erwachen, keine Triumphe 
mehr! Ter Mond, der langsam hervortritt, wirst 
sein sanftes silbernes Licht auf Quentins Antlitz. 
Der Kopf ist etwas zurückgesunken, der Mund ein 
wenig geöffnet, — ein stiller Friede hat sich über 
seine Züge gebreitet. — Den Frieden hat er erlangt, 
aber nicht den Frieden, nach dem er so sehnsüchtig 
getrachtet hat! — — — 
Aus alter und neuer Zeit 
Die Statuen am Bowlinggreen der 
Karlsaue bei Kassel. Die ausgedehnte Gras 
fläche, die sich vor der Hanptfront des Orangerie 
schlosses in der Karlsaue bei Kassel befindet, führt 
gleich manchen ähnlichen an andern Orten den 
englischen Namen Bowling-green, deutsch Kegel 
platz. Zu hessischen Zeiten hat dieselbe manche 
glänzende Heerschau gesehen, auch heute wird sie 
noch öfter zu militärischen und verwandten Übungen 
und Schaustellungen benutzt. Auch der bis Ansang 
der 80er Jahre und dann wieder in 1895 ver 
anstaltete Festzug am Sedantage bewegte sich dahin. 
Ter Bowlinggreen wird von einer Anzahl Statuen 
umkränzt, die früher andere Standorte hatten. 
Über ihre Geschichte und Bedeutung sei hier einiges 
mitgeteilt. Wohlgemeinten Berichtigungen wird 
dabei gern entgegengesehen. 
An der Stelle der dem Friedrichsplatze zugewandten 
Südseite des jetzigen Gartens der Kriegsschule sowie 
der darau stoßenden katholischen Kirche und des 
Gebäudes der Kriegsschule befand sich eine sehr starke 
Bastion der unter dem Landgrafen Wilhelm IV. dem 
Weisen angelegten Festungswerke, der sog. Zeug- 
mantel. Sein Sohn und Nachfolger Moritz der 
Gelehrte legte bald nach seinem Regierungsantritte 
in dem freien Raume zwischen der genannten Bastion 
und dem Schlosse (also im jetzigen Garten der Kriegs 
schule), welcher bis dahin zum Teile zum Bären 
graben benutzt worden war, für die Ritterspiele 
littb ähnliche Sportübungen der vornehmen Jugend 
in damaliger Zeit eine Rennbahn an mit 
Jndizirhäuschen zur Abhaltung der Kritik (1593). 
Letzteres wurde unter FriedrichI. abgebrochen (1734), 
und aus der Rennbahn wurde unter Friedrich II. 
ein P aradepla tz für das Militär. Der Bau- 
meister Simon Ludwig Du Ry, der dritte in der 
berühmten Künstlersamilie, erhielt den Auftrag, 
denselben sv geschmackvoll als möglich herzurichten, 
und der von ihm (1763) angelegte Zirkus, 750 Fuß 
lang und 204 Fuß breit, mit Triumphbogen aus 
der Nordseite und Arkaden und Kolonnade 
gereichte der Stadt Kassel zur Zierde und kam 
nach Niederreißung der Festungswerke, welche 
(Dezember 1767) mit dem Zeugmantel begann, recht 
zur Geltung. Verschiedene Statuen schmückten das 
Werk, vor allem au den beiden Ecken der Nordseite 
die zwei Rossebändiger, vom vaterländischen 
Bildhauer Joh. Aug. Nahl bezw. beffen Sohn 
Samuel Nahl gefertigt in freier Nachbildung nach 
den beiden Koloffalfignren auf dem Monte-Cavallo 
in Rom (in der Nähe des Königspalastes), sodann vier 
römische Fechter, davon zwei als D i s k n s w e r s e r, 
zwei als St ein schien derer, ebenfalls Nahlsche 
Werke Verschiedene Zeichnungen und Pläne von 
1. H. Tischbein von 1782 und 1783 veranschaulichen 
die herrliche Schöpfung. Diese wurde unter der 
westfälischen Fremdherrschaft, nachdem König Jörome 
im alten Chattenschloß seinen Herrschersitz auf 
geschlagen hatte, arg verwüstet, und zwar wurde, 
wie ein Zeitgenosse, Oberhofrat Dr. Ludwig Völkel, 
klagend mitteilt, „die Kolonnade abgebrochen, um 
den Schloßplatz zu erweitern, damit es nicht an 
Raum fehlte, unsere Jugend in den Waffen zu 
üben, die sie für die Unterdrücker führen sollte". 
Nach Rückkehr des Kurfürsten Wilhelm I. wurden 
die genannten Statuen in die Karlsaue versetzt*) 
und zwar die vier römischen Fechter auf die lange 
Steingallerie in der Orangerie und die zwei Rosse 
bändiger an die beiden Ecken der Nordseite der 
vom Bowlinggreen zum großen Bassin führenden 
Allee. Die um und auf dem Bowlinggreen befind 
lichen Bildsäulen, sämtlich von Sandstein und auf 
Sandstein-Unterlagen, sind nun, vom Marmorbade 
beginnend, nach Süden zu: 
Auf dem Bowlinggreen : 1. Amazone mit Schwert ; 
2. Venus mit Delphin und Hummer, als dem 
Meeresschaum entsprossen, mit lächelndem Gesichts 
ausdruck; 3. Pomona mit Füllhorn und Früchten; 
4. Flora mit Blumenkorb. 
Zwischen Küchengraben und dem Mittel-Fahrwege : 
5. Hades (Pluto), der Beherrscher der Unterwelt, 
mit düsterm Gesichtsausdruck, und mit Füllhorn, in 
*) Vergl. Pidcrit, Geschichte der Haupt- und Residenz 
stadt Kassel S. 146, 330 (Anm. 2j. — Jakob Hoff- 
meifter, desgl. S. 126. 286, 287 (Anm.); Derf.: Rach- 
richten über Künstler und Kunsthandwerker in Hessen 
(Hannover 1883), S. 81. — Zeitschrift des Vereins für 
Hess. Gesch. R. F. Bd. IX. S. 3i3. Anm. (Aufsatz von 
Dr. SD un cf er). — Otto ©erlaub, Paul. Charles 
und Simon Louis Du Ry (Stuttgart 1895), S. 92 u. 94.
	        

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